Automesse in Peking:Was Chinas Autobauer unternehmen, um in Europa Fuß zu fassen
Chinesische Autobauer greifen deutsche immer mehr dort an, wo es weh tut: Im Premium- und Luxus-Segment und in Europa, sagt Autoexpertin und China-Kennerin Beatrix Keim.
Deutsche Autohersteller bekommen immer mehr Druck aus China: Dessen Autoindustrie will Edel-Modelle günstig in Europa verkaufen.
02.05.2026 | 1:41 minZDFheute: Heute geht die größte Autoschau der Welt, die "Auto China" in Peking, zu Ende. Sie haben sich die Messe vor Ort angesehen. Welche Trends sind Ihnen bei den chinesischen Autobauern besonders aufgefallen?
Beatrix Keim: Dieses Jahr sind es eindeutig die Einschnitte ins Luxussegment, mit Modellen, die einem Range Rover, einem Maybach, einem Rolls-Royce wirklich Konkurrenz machen. Also hier absolut der Angriff auf das Segment, was nun wirklich sehr eindeutig, etwa im Limousinen-Bereich, von den deutschen Konzernen besetzt ist.
… hat Chinastudien und Marketing für Ostasien studiert. Nach ihrem Abschluss war Keim fast 20 Jahre lang bei großen Marken der Automobilindustrie tätig, unter anderem Volkswagen. Sie arbeitete für verschiedene internationale Automobilhersteller, sowohl in deren europäischen Hauptsitzen als auch in den lokalen Niederlassungen in China. Ende 2022 kehrte sie nach Deutschland zurück. Seitdem leitet sie das "Center Automotive Research" (CAR).
ZDFheute: Auf der "Auto China" kündigten zahlreiche chinesische Autobauer an, verstärkt nach Europa exportieren zu wollen, etwa BYD, Xiaomi, Geely, Cherry oder Changan. Was kommt da auf uns zu?
Keim: Zum Jahresende 2025 lagen die Anteile chinesischer Marken in Deutschland bei 2,5 Prozent. In Europa, inklusive Schweiz, Norwegen und England, liegt ihr Anteil bei etwa zehn Prozent. Ich habe hier Volvo, Polestar und Smart nicht mit eingerechnet. Sie gehören mittlerweile aber auch zu chinesischen Konzernen.
Chinas Autobauer sind noch nicht wirklich in Europa angekommen. Aber ich glaube schon, dass die chinesischen Hersteller in den nächsten fünf Jahren gewaltig an Marktanteil zulegen werden. Wahrscheinlich eher zu Lasten der japanischen oder koreanischen Hersteller, die momentan etwas verlieren. Aber auch bei den europäisch existenten Herstellern, das wird sich dann ausbalancieren.
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24.04.2026 | 4:29 minZDFheute: Welche Möglichkeiten haben chinesische Autobauer gefunden, um die EU-Zölle auszugleichen oder sogar zu umgehen?
Keim: Zum einen ist es so, dass die Strafzölle vom Hersteller selbst absorbiert werden. Das ist teilweise sogar gängige Praxis. Eine andere Möglichkeit ist eine Fertigung in Europa, in der EU zu haben. Somit ist man ein ganz normales europäisches Produkt, muss auch nichts von dem Basis-Zoll von zehn Prozent bezahlen, den etwa amerikanische Importeure zahlen müssen.
Es gibt auch die Möglichkeit, in der Türkei zu produzieren [Anm.d.Red: BYD investiert dort Milliarden in den Bau eines neuen Produktionswerks] oder auch Thailand. Der sehr bekannte MG der Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC) wird dort hergestellt und wahrscheinlich werden einige Modelle aus Thailand in die EU importiert. Dann fallen auch nur zehn Prozent Zollzahlung an.
Auf dem chinesischen Automarkt tobt ein Preiskampf. Die Konzerne unterbieten sich weiter mit möglichst günstigen Modellen. Die Staatsführung in Peking, die ihre Industrie weg vom "Made-in-China-Billig-Image" zu qualitativ hochwertigen Produkten umbauen will, reduzierte Anfang des Jahres die Kaufprämie für Elektroautos in China erheblich, vor allem im Bereich günstiger Modelle. Das traf besonders BYD. Dessen Nettogewinn sank im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 55,4 Prozent. Viele Autokunden halten sich in China außerdem aufgrund der allgemeinen Wirtschaftskrise mit größeren Anschaffungen zurück.
Die meisten Absätze in Europa erzielte 2025 der Shanghaier Autobauer SAIC, zu dem unter anderem die Marke MG zählt. Die EU erhob Ende Oktober 2024 Ausgleichszölle auf Importe batterie-elektrischer Fahrzeuge aus China. Die Zusatzzölle sollen unfaire staatliche Subventionen in der Volksrepublik ausgleichen und zu einem faireren Wettbewerb führen. Für Autos von SAIC etwa fällt der höchste Zoll-Satz von 35,3 Prozent an.
Als das ZDF Volkswagen-CEO Oliver Blume nach der Möglichkeit fragte, sich chinesische Partner auch in deutsche VW-Werke zu holen, sagte dieser: "Wenn es um Partnerschaften außerhalb Chinas geht, dann nehmen wir sowas in den Optionsraum." BMW und Mercedes waren auf dieser "Auto China" für ein Interview nicht zu sprechen.
ZDFheute: Eine weitere Option ist, europäische Autowerke zu übernehmen. Der chinesische Staatskonzern Hongqi, zu Deutsch "Rote Flagge", verhandelt wohl mit Stellantis über ein Werk in Spanien.
Keim: Das ist tatsächlich eine Entwicklung, dass die chinesischen Firmen hier Fabriken übernehmen, weil sie in der EU nicht mehr gebraucht werden. Cherry hat in Spanien bereits eine Fabrik von Nissan übernommen. Leapmotor wollte in Polen eine Fabrik von Stellantis übernehmen, das hat nicht geklappt. Jetzt geht man wohl nach Frankreich oder Spanien.
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24.02.2026 | 8:46 minMan versucht von chinesischer Seite, günstige Wege zu finden und hier eine Fabrik zu übernehmen, das bedeutet auch die Lieferkette. Entweder können europäische Lieferanten, die in China vertreten sind, dann mit einziehen oder man bringt die chinesischen Lieferanten mit.
ZDFheute: Wie kann Europa, wie Deutschland, die eigene Automobilindustrie schützen vor dieser anrollenden Welle aus China? Deren E-Autos sind ja immer noch deutlich günstiger als die europäischen.
Keim: Wir müssen schneller werden in vielen Entwicklungen. Aber ganz ehrlich, ich glaube, das haben alle drei großen Konzerne [Anm.d.Red.: BMW, Mercedes, Volkswagen] plus natürlich Stellantis nun wirklich verstanden.
Beim Autobauer Volkswagen ist der Gewinn im vergangenen Jahr stark zurückgegangen. Der Betriebsgewinn fiel deutlich. Belastet haben unter anderem US-Zölle und schwache Geschäfte bei Porsche.
10.03.2026 | 1:43 minEine andere Möglichkeit wäre, dass man hier eine Joint-Venture-Vorgabe macht, dass ein EU-Unternehmen sich mit einem chinesischen Unternehmen zusammenschließt. Das hat China 40 Jahre lang bis 2018 so praktiziert. Man konnte dort kein Auto produzieren, ohne einen Joint-Venture-Partner. Es gab sogar eine Mindest-Anteilsvorgabe des chinesischen Partners von 51 Prozent. All dies könnte man tun. Somit wäre auch ein Technologie-Transfer gegeben und es wäre das gleiche, was China lange Zeit exerziert hat.
Das Interview führte Elisabeth Schmidt vom ZDF-Studio in Peking.
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