Platzmangel, hohe Mieten, Verschmutzung:Helfen Besuchergebühren gegen zu viele Touristen?
von Helge Hoffmeister
Im Kampf gegen Übertourismus setzt Venedig seit 2024 auf Gebühren. 2026 liegen die Einnahmen erneut bei über fünf Millionen Euro. Aber lässt sich der Tourismus damit begrenzen?
Die italienische Stadt Venedig hat mit Eintrittsgeldern für Touristen in diesem Jahr mehr als fünf Millionen Euro eingenommen. Seit April mussten Tagesbesucher an insgesamt 60 Terminen Eintritt zahlen.
27.07.2026 | 0:23 minRomantische Gondeln auf Kanälen, ein Spaziergang über den malerischen Markusplatz - so stellen sich viele eine Reise nach Venedig vor. Doch wer die Stadt in Italien besucht, der sieht häufig vor allem eines: viele Menschen. Die norditalienische Lagunenstadt ächzt unter dem Andrang von Urlaubern. So stark, dass die Stadt seit zwei Jahren Eintrittsgebühren für die Altstadt verlangt.
5,2 Millionen Euro an Einnahmen in Venedig
An insgesamt 60 Tagen pro Jahr müssen Tagesbesucher zahlen, um die historische Stadt mit Markusplatz, Rialtobrücke und weiteren Sehenswürdigkeiten zu sehen. Mittlerweile liegen die Gebühren zwischen fünf und zehn Euro pro Tag.
Wie die Stadt bekanntgab, summierten sich die Einnahmen 2026 auf rund 5,2 Millionen Euro von 650.000 zahlenden Tagesbesuchern. Die geschätzten Besucherzahlen für das Gesamtjahr gehen in die Millionen, bei gerade mal rund 50.000 Anwohnern in der Altstadt.
Auf Mallorca protestieren zahlreiche Einwohner auch in diesem Sommer wieder gegen zu viele Urlauber. Tausende prangerten bei einer Demo die Wohnungsnot und Umweltprobleme an.
27.07.2026 | 0:18 minÜbertourismus belastet Einheimische
Übertourismus, oder auch Overtourism, bezeichnet das Phänomen, wenn die Anzahl und das Verhalten der Gäste an einem Ort die Lebensqualität von Anwohnern oder anderen Reisenden belastet. Der Begriff sei vor etwa zehn Jahren mit Protesten in Venedig, Barcelona und Dubrovnik aufgekommen, erklärt Anne Köchling vom Deutschen Institut für Tourismusforschung.
Billigflieger, mehr Kreuzfahrten, Social Media und Wohnungsplattformen wie Airbnb könnten dabei Reiseströme an Hotspots verstärkt haben, meint Köchling. Allerdings könne das Phänomen auch ohne all diese Treiber entstehen.
Entscheidend ist, dass die touristische Entwicklung für die Einwohnenden zur Belastung wird.
Prof. Anne Köchling, stellvertretende Direktorin am Deutschen Institut für Tourismusforschung
ZDF-Reporter Bernd Mosebach zieht vor Ort eine Halbzeitbilanz der Urlaubssaison: Trotz hohem Preisniveau besuchen auch in diesem Jahr wieder viele Touristen den längsten Ostseestrand in Warnemünde.
24.07.2026 | 7:07 minNeues Gesetz für belastete Gemeinden in Norwegen
Auch die Lofoten in Norwegen haben seit vielen Jahren Probleme mit Übertourismus. Rund eine Million Touristen besuchen die Inselgruppe mit gerade mal rund 25.000 Einwohnern jährlich und sorgen für überfüllte Parkplätze, Wildcamper, Wohnmobile und viel Müll.
Die Zutrittsgebühren in Venedig betreffen alle Tagesbesucher, unabhängig, ob sie in der Stadt übernachten oder nicht. Eine solche Regelung gibt es beispielsweise auch auf Santorini und Mykonos für Kreuzfahrtpassagiere, die einen Landgang machen wollen.
Dem gegenüber stehen Touristensteuern, auch bekannt als Übernachtungs- oder Bettensteuern. Sie werden direkt von Hotels und Pensionen über den Übernachtungspreis erhoben. Auch die geplante Abgabe auf den Lofoten fällt in diese Kategorie. In Deutschland gibt es eine Übernachtungssteuer in rund 50 Städten und Gemeinden. Die Preise liegen größtenteils bei etwa fünf Prozent des Übernachtungspreises.
Norwegen hat darauf reagiert. Mit einem neuen Gesetz können besonders belastete Gemeinden daher ab 1. Januar 2027 eine Tourismusabgabe von bis zu drei Prozent auf Übernachtungen aufschlagen. Die Einnahmen sollen ausschließlich in touristische Infrastruktur fließen, etwa mehr öffentliche Toiletten, Wanderwege oder Parkplätze.
Die Lofoten haben 24.000 Einwohner. 2024 waren mehr als 700.000 Touristen dort. Der lokale Handel geht oft leer aus: Kreuzfahrer werden auf den Schiffen versorgt, Camper verpflegen sich selbst.
16.09.2025 | 2:08 minWie effektiv sind die Besuchergebühren gegen Übertourismus?
Zutrittsgebühren können Städten und Kommunen helfen, Infrastruktur für den Tourismus zu finanzieren, erklärt Köchling. Dafür müssen diese aber - wie etwa auf den Lofoten angedacht - zweckgebunden sein. Ob die Gebühren effektiv sind, um die Menge der Touristen zu begrenzen, sei aber fraglich.
Die eigentlichen sozialen Kosten, vor allem beim Wohnraum, gleichen sie ohnehin nicht aus.
Prof. Anne Köchling, stellvertretende Direktorin am Deutschen Institut für Tourismusforschung
Es fehlen noch belastbare Langzeitdaten, aber der Effekt auf die Besucheranzahl sei wohl schwach und ändere eher die Verteilung der Touristen, meint Köchling.
Die Stadt Venedig gibt zumindest für 2026 bekannt, dass sich die Häufigkeit von Tagen mit den höchsten Zustromraten verringert habe. Eine Obergrenze für Besucher gibt es jedoch nicht und eine abschließende Bewertung auch der Gesamtbesucherzahlen steht noch aus.
Im historischen Zentrum von Florenz gilt eine Beschränkung für touristische Kurzzeitmieten. Die soll jetzt auf neun weitere Bereiche ausgeweitet werden - zum Schutz von Wohnraum für die Bürger.
17.07.2026 | 2:04 minWas außer Gebühren gegen Übertourismus helfen kann
Anstatt sich nur auf Gebühren zu fokussieren, könnten Maßnahmen wie die Regulierung von Kurzzeitvermietungen gegen Übertourismus helfen. "Außerdem ist es besonders wichtig, sich verstärkt den Bedürfnissen der Bevölkerung vor Ort anzunehmen, diese besser in Entscheidungen einzubinden oder am Tourismus zu beteiligen, um die Tourismusakzeptanz zu steigern", meint Köchling.
Auch Belohnungssysteme wie das CopenPay in Kopenhagen, bei denen Touristen für umweltfreundliches and nachhaltiges Verhalten kostenlose Eintritte oder Essen bekommen, könnten positiv wirken.
Die Waldbrände in Europa sorgen bei vielen Urlaubern für Bedenken. Roosbeh Karimi, Anwalt für Reiserecht, ordnet die rechtliche Situation ein: "Subjektive Angst rechtfertigt keinen kostenfreien Rücktritt".
04.08.2026 | 5:25 minTouristengebühren in Deutschland sind unwahrscheinlich
Laut Deutschem Institut für Tourismusforschung ist Übertourismus bislang in Deutschland nur selten wahrnehmbar. Flächendeckende Zugangsgebühren einzuführen, sei in Deutschland auch rein praktisch und rechtlich schwierig umzusetzen, da die Städte im Gegensatz zu Venedig offen zugänglich sind.
In Venedig werden die 2024 als Testphase gestarteten Gebühren wohl noch lange bleiben. Venedigs Bürgermeister Simone Venturini brachte zuletzt ins Gespräch, die Gebühren dynamisch zu gestalten mit einem Maximum von 50 Euro pro Tag, um weiter gegen Übertourismus vorzugehen.
Helge Hoffmeister ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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