Klimakrise in Ungarn:Wie Niedrigwasser am Balaton den Tourismus bedroht
von Christian von Rechenberg, Wien
Am Balaton, Mitteleuropas größtem See, sinkt der Pegel unaufhaltsam. 2026 könnte ein Rekord-Tiefstand werden. Die Dürre bedroht den Tourismus - und die Tier- und Pflanzenwelt.
Diesen Sommer sinkt der Wasserstand des Balaton stark. Hitze und Trockenheit setzen dem extrem flachen Plattensee in Ungarn zu. Die Sorge vor Blaualgen und Schäden an Schilfbeständen wächst, der Tourismus leidet.
28.07.2026 | 2:17 minDer Balaton ist Ungarns Badewanne; ein Stück Mittelmeer, mitten in Europa. Generationen von Familien, vor allem aus der damaligen DDR, haben hier ihren Sommerurlaub verbracht. An seichten Ufern und in herrlich warmem Wasser.
Kein Wunder, der See ist ja im Schnitt auch nur drei Meter tief; daher sein deutscher Name: Plattensee. Doch vielen Gästen ist er in diesem Jahr zu platt. Wir treffen sie zum Interview, stehend, mehr als 200 Meter vom Ufer entfernt:
Ich komme jedes Jahr hierher. So niedrig war es noch nie.
István Czernowicz, Badegast
Auch Dóra Szakonyi schaut etwas bedrückt über die Sanddüne, über die sie früher hinwegschwimmen konnte: "Ein schlimmer Anblick. Das ist nicht gut."
Auch in den Niederlanden führen die Flüsse so wenig Wasser wie nie. Schiffe können nur mit einem Drittel der Ladung fahren, drei große Schleusen haben ihre Öffnungsfrequenz gesenkt. Die Frachtkosten steigen.
24.07.2026 | 2:15 minHistorischer Tiefstand - Tourismusverband in Sorge
Der Pegel liegt gut 60 Zentimeter unter dem Normalstand - täglich sinkt er um einen weiteren Zentimeter. Seit Wochen fällt kein Regen. Dem Einzugsgebiet fehlt zusammengerechnet der Niederschlag eines ganzen Jahres. Der See lebt allein von Zufluss und Regen - künstlich auffüllen lässt er sich nicht.
Den absoluten Tiefstand markierte der Oktober 2003 mit nur noch 23 Zentimetern Tiefe. 2026 liegt bereits auf Rang drei - Experten rechnen mit weiterem Absinken. Auch Flüsse wie Theiß und Donau melden Tiefststände; das Problem ist überregional.
Csaba Kocsis vom Tourismusverband macht sich Sorgen. Schlamm und Matsch, statt spiegelglattem Wasser: so sieht kein Badeort aus. Sie versuchen die Gäste bei Laune zu halten, planen etwa einen Sandburgen-Contest und Tanzvergnügen. "Viele Menschen nehmen die Situation negativ wahr und weichen auf andere Urlaubsziele aus."
Schiffe transportieren teils nur ein Drittel der üblichen Ladung. Transporte werden teurer, Alternativen gibt es kaum. Grund dafür sind zu niedrige Wasserstände.
24.07.2026 | 2:27 minDer Bürgermeister des beliebten Badeortes Balatonfenyves ließ bereits 1.000 Quadratmeter Sanddünen wegbaggern, um wenigstens optisch gegenzusteuern. Und obwohl die Tiere und Pflanzen im See unter den Bedingungen wie Wärme und Sauerstoffmangel leiden, bleibt er optimistisch.
Ich denke, dass die Wasserqualität durch den geringeren Wasserstand im Balaton nicht wesentlich beeinträchtigt wurde.
Tamás Farkas, Bürgermeister Balatonfenyves
Boote und Kiter fahren noch
Familien mit Kindern freut es: Viel Platz, wo der Nachwuchs sicher stehen und im Sand spielen kann. Auch József Tóth versucht das beste aus der Situation zu machen. Er betreibt ein Wasser-Taxi und hatte die Lage auch 2003 noch einigermaßen im Griff. Trotzdem hält er sicherheitshalber Abstand - vor allem zum Südufer. "Der Balaton kann tückisch sein, wenn das Wasser sinkt. Dann tauchen plötzlich Objekte auf, die da vorher gar nicht waren." Dazu zählen etwa Sandbänke.
Wo droht Wasserknappheit? Das neue System "Niwis" zeigt Pegelstände und Grundwasser in Echtzeit. Deutschland hat in 25 Jahren 60 Milliarden Kubikmeter Wasser verloren.
15.07.2026 | 2:33 minAuch Kiter Gábor Ender fährt momentan lieber weiter raus ins tiefere Wasser, wenn er nicht ständig auf der Nase landen will. Für die Anfänger aber, sagt er, ist es ganz gut, wenn sie erstmal mit etwas Boden unter den Füßen anfangen können.
Wenn der Wasserstand noch um fünf Zentimeter sinkt, wird es kritisch.
Gábor Ender, Kiter
Regatta muss ausweichen - und die Politik ist gefordert
Das Kékszalag - das Blaue Band, Europas ältestes Binnensee-Rennen - musste Ende Juli seine Route verkürzen. Auch solche Nachrichten schrecken Besucher ab. Und so findet man mitten in der Saison am Balaton auf den Liegewiesen noch reichlich Platz, genauso wie in den vielen Standlokalen.
Elöd Táska, der das Kapitäns-Buffet seit 16 Jahren direkt am Strand betreibt, weiß bald nicht mehr, wem er seinen vorzüglich frittierten Zander servieren soll. Wenn es so weiter geht, und das Lokal unrentabel würde, müsse er schließen, berichtet er. Noch halte er durch.
Es ist sehr schwierig, insbesondere jetzt, weil wir unter der Woche immer weniger Gäste haben.
Elöd Táska, Restaurantbesitzer
Was tun? Bürgermeister Farkas setzt auf die neue Regierung in Budapest - damit der Balaton nicht endet wie andere ungarische Seen, die dem Austrocknen nahe seien. "Ich bin überzeugt, dass sich dieses Problem mit einem guten Wassermanagement und den richtigen Fachleuten lösen lässt." Vorerst seien alle Pläne noch im Anfangsstadium. Für diesen Sommer gilt: Regen ist nicht in Sicht.
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