DGB-Vorschlag für Altersvorsorge:Verpflichtende Betriebsrente: Wer zahlt die Rechnung?
von Frank Bethmann
Der DGB fordert eine allgemeine Betriebsrente für alle Beschäftigten. Er könnte die Altersvorsorge von Millionen Arbeitnehmern stärken. Doch wer zahlt die Rechnung?
Der DGB fordert die Einführung einer verpflichtenden Betriebsrente für alle. Diese müsse zusätzlich sein und von den Arbeitgebern mitfinanziert werden.
07.06.2026 | 0:18 minIn den 33 Punkten zur geplanten Rentenreform taucht sie nicht auf und doch ist sie alles andere als ein Randthema. Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ist die Betriebsrente sogar ein Kernbaustein, gerade weil er zentrale Punkte der Reformvorhaben ablehnt.
Der Vorstoß vor wenigen Wochen für eine verpflichtende Betriebsrente für alle Beschäftigten trifft einen wunden Punkt der deutschen Rentendebatte. Der DGB argumentiert, dass Millionen Beschäftigte bislang keine ausreichende Betriebsrente haben und damit eine wichtige Säule für die Altersvorsorge fehlt.
Auch die junge Generation sorgt sich um die Rente. Um für die Zukunft vorzusorgen, investieren einige junge Arbeitnehmer bereits zusätzlich in Aktien.
23.06.2026 | 1:29 minDie Idee klingt bestechend einfach: Mehr Menschen sollen neben der gesetzlichen Rente zusätzlich über den Betrieb fürs Alter vorsorgen. Doch je genauer man hinschaut, desto größer werden die praktischen Hürden.
Betriebliche Altersvorsorge als wichtige Säule des Rentensystems
Die betriebliche Altersvorsorge (bAV) gilt seit Jahren als zweite wichtige Säule des Rentensystems. Gerade in einer alternden Gesellschaft wächst der Druck, private und betriebliche Vorsorge stärker auszubauen.
Die betriebliche Altersvorsorge ist eine freiwillige Zusatzversorgung und ergänzt die gesetzliche Rente. Sie wird über den Arbeitgeber organisiert und mitgetragen. Die Leistungen/Anwartschaften werden über fünf mögliche Wege aufgebaut (Direktversicherung, Pensionskasse, Pensionsfonds, Unterstützungskasse oder Direktzusage) und später als monatliche Rente oder einmalige Ausschüttung im Ruhestand ausgezahlt. Erst dann werden Steuern fällig (nachgelagerte Besteuerung).
Politisch ist das Thema attraktiv, weil es eine einfache Botschaft transportiert: Wer arbeitet, soll auch über den Arbeitgeber vorsorgen können. Doch genau an dieser Stelle beginnt der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der verpflichtenden Betriebsrente.
Viele fragen sich, wie sie fürs Alter sinnvoll vorsorgen können. Welche Modelle wirklich tragen und wie man die eigene Rente realistisch plant, erklärt ZDF‑Finanzexpertin Sina Mainitz.
16.06.2026 | 6:45 minWas spricht für eine allgemeine Betriebsrente?
Eine Betriebsrente für alle könnte die Rentenlücke vieler Beschäftigter verringern. Gerade Geringverdiener und Beschäftigte in kleineren Betrieben, die die Mehrkosten nicht aufbringen können, profitieren heute seltener von freiwilligen Angeboten als gut verdienende Arbeitnehmer in großen, tarifgebundenen Unternehmen.
Hinzu kommt: Eine Pflichtlösung könnte die Verbreitung der betrieblichen Altersvorsorge deutlich erhöhen. Das würde das System breiter aufstellen und die Alterssicherung weniger stark allein von der gesetzlichen Rente abhängig machen.
DGB-Chefin Fahimi spricht sich für eine verpflichtende Betriebsrente mit Arbeitgeberbeteiligung aus. Diana Zimmermann ordnet die Forderung ein.
07.06.2026 | 1:33 minFür Arbeitnehmer wäre das ein Plus an Planbarkeit und Schutz vor Altersarmut. Auch Klaus Stiefermann, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersvorsorge (aba), hält eine flächendeckende Betriebsrente für wünschenswert. Die Frage sei allerdings, "wie man dorthin kommt und wie die Rahmenbedingungen ausgestaltet sein müssten, damit so etwas überhaupt in Erwägung gezogen werden könnte", bremst er ZDFheute gegenüber gleichzeitig die Erwartungen für eine schnelle Lösung.
Was spricht gegen die verbindliche Betriebsrente?
Gegen die Pflicht zur Betriebsrente sprechen vor allem die Belastungen für Unternehmen, insbesondere dann, wenn die Beiträge zur betrieblichen Altersvorsorge - analog zum Sozialversicherungsbeitrag - paritätisch, also zu gleichen Teilen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgeteilt würden.
"Bei dieser Lösung steigen die Arbeitskosten in jedem Fall", sagt Jochen Pimpertz vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Das IW habe in einer Studie auf die wachstumsschädlichen Wirkungen steigender Arbeitskosten frühzeitig hingewiesen.
In ihrem Bericht empfiehlt die Kommission 33 Maßnahmen zur Rentenreform. Die Bundesregierung hat angekündigt, alle Vorschläge umsetzen zu wollen. Von der Opposition kommt Kritik.
23.06.2026 | 1:59 minIn Zeiten schwacher Konjunktur, hoher Energiepreise und steigender Lohnnebenkosten wirkt jede zusätzliche Verpflichtung heikel. Aus Sicht der Unternehmen steht daher die Frage im Raum, ob gut gemeinte Vorsorge nicht am Ende Arbeitsplätze kostet oder Investitionen bremst.
Wer zahlt den Preis für die allgemeine Betriebsrente?
Im Kern geht es daher nicht nur um Rentenpolitik, sondern um die Frage, wer die Last der Alterssicherung trägt. Soll die Absicherung stärker über Betriebe organisiert werden, also direkt an Arbeit gebunden sein? Oder bleibt die gesetzliche Rente der zentrale Pfeiler, ergänzt durch freiwillige oder tarifliche Modelle?
Die Antwort ist auch eine wirtschaftspolitische Entscheidung. Eine verpflichtende Betriebsrente wäre kein bloßes Sozialprojekt. "Wird eine betriebliche Altersvorsorge verpflichtend, käme dies einem Eingriff in die bisherigen Vertragsfreiheiten gleich", so Pimpertz. Denn die bisher frei gestaltete Vereinbarung einer betrieblichen Altersvorsorge würde durch ein gesetzliches Muss ersetzt. Genau deshalb dürfte der Widerstand bei den Unternehmen absehbar groß sein.
Lösung müsste verbindlich, aber dennoch flexibel sein
Um aus der bisher freiwilligen Leistung ein möglichst verbindlicheres Modell für alle zu machen, bringt aba-Geschäftsführer Stiefermann eine andere Überlegung ins Spiel: "Es könnten Mindestanforderungen definiert werden, von denen aber zum Beispiel durch branchenspezifische Lösungen über Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung abgewichen werden könnte."
So ließe sich die Altersvorsorge breiter aufstellen, ohne die Unternehmen mit einer starren Pflicht zu überfordern. Die politische Kunst besteht nun darin, zwischen sozialem Anspruch und wirtschaftlicher Tragfähigkeit zu vermitteln.
Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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