Weg vom Euro, raus aus Schengen:Welche Folgen die "Dexit"-Forderung der AfD hätte
von Klaus Weber
Im ZDF-Sommerinterview spricht Alice Weidel vom Schengen-Austritt, Teile der AfD fordern die Abkehr vom Euro. Wie würde es Wirtschaft und Verbrauchern in Deutschland damit gehen?
Euro, Migration, Krise der Autoindustrie - wie realistisch sind die Vorschläge der AfD? ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Nicole Diekmann analysiert das Sommerinterview mit AfD-Chefin Alice Weidel.
27.08.2026 | 14:04 minWürde Deutschland den Euro als Währung abschaffen und aus dem Schengen-Raum austreten, wie es die AfD vorschlägt, hätte das konkrete Folgen. So formuliert Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank, zur Abkehr vom Euro eine klare Aussage:
Eines ist sicher: die Unsicherheit in der Übergangsphase. Unsicherheit ist Gift für Geschäftsklima, Investitionen und Wachstum.
Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst Consorsbank
Welche wirtschaftlichen Folgen hätte die Abkehr vom Euro?
Deutschland ist ein Exportland. Heißt: Wir sind im besonderen Maße angewiesen auf die Währungsunion. Laut einer Prognos-Studie hingen 2022 7,2 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland vom Export in die EU ab, 54 Prozent der deutschen Ausfuhren gingen in ein EU-Land. Ohne größere Handelshemmnisse, Kontrollen oder gar Zölle.
Die EU hat Strafzölle auf importierte Elektroautos aus China beschlossen. Deutschland hatte sich zuletzt noch für eine Verhandlungslösung eingesetzt.
04.10.2024 | 1:42 minDer Ausstieg aus der Währungsunion wäre riskant, denn mutmaßlich würde es eine neue Währung geben. Viele Ökonomen rechnen in diesem Fall mit einer enormen Aufwertung. Immerhin ist Deutschland die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.
"Deutsche Unternehmen müssten ihre Preise auf den Weltmärkten erhöhen oder sinkende Gewinnmargen hinnehmen", glaubt Simon Gerards Iglesias vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Besonders betroffen wären seiner Meinung nach Automobilindustrie, Maschinenbau, Chemieindustrie und Elektrotechnik.
Trotz Belastungen durch den Iran-Krieg sind die deutschen Exporte im Juni auf einen Rekordwert gewachsen. Laut Statistischem Bundesamt sind die Waren auf einen Wert von 139,3 Milliarden Euro gestiegen.
07.08.2026 | 0:45 minWie würde sich ein Euro-Ausstieg auf den Konsum auswirken?
Eine neue starke Währung könnte Urlaube im Ausland billiger machen, ebenso importierte Waren. Die Kehrseite: eine möglicherweise sinkende Nachfrage nach deutschen Waren im Ausland eben wegen der starken Währung. Was in der Regel zu wirtschaftlicher Schwäche und, im schlechtesten Fall, zu Arbeitsplatzverlusten führt.
Auch teurere Kredite gehörten dazu, da die Europäische Zentralbank vermutlich durch höhere Leitzinsen versuchen würde, die Stabilität einer neuen Währung zu sichern. Denn nach einem Austritt aus der Eurozone käme zunächst einmal viel Unsicherheit an den Märkten auf unsere Wirtschaft zu. Kapital aus dem Ausland müsste möglicherweise durch solche Zinserhöhungen angelockt werden.
Außenminister Wadephul bedauert, dass sich Islands Bevölkerung gegen Gespräche über einen EU-Beitritt entschieden hat. Man müsse nun überlegen, wie die EU attraktiver werden könnte, sagte er.
31.08.2026 | 1:04 minAusstieg aus dem Schengen-Abkommen: Was könnte das für die Wirtschaft bedeuten?
Handel hängt auch von Mobilität ab. Ökonom Iglesias erwartet, dass ein Austritt aus dem Schengen-Raum den europäischen Warenverkehr deutlich behindern würde.
Zu erwarten wären insbesondere höhere Transportkosten, Verzögerungen in den Lieferketten, Belastungen für Grenzpendler und stark negative Effekte in den deutschen Grenzgemeinden.
Dr. Simon Gerards Iglesias, Ökonom, Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln
Schon temporäre Störungen der Verkehrswege, etwa durch Niedrigwasser wie in diesem Sommer, hätten gezeigt, wie empfindlich industrielle Produktionsprozesse auf Verzögerungen reagieren.
Was Schengen bedeutet
Deutschland, Frankreich und die Beneluxstaaten unterzeichneten am 14.6.1985 ein Übereinkommen zum Abbau von Kontrollen an den Binnengrenzen. Es trat zehn Jahre später in Kraft.
Benannt ist das Abkommen nach der luxemburgischen Stadt Schengen, in der es unterzeichnet wurde.
Heute gehören 29 Mitglieder dem Schengen-Raum an. Darunter auch die Nicht-EU-Mitglieder Island, Norwegen, Schweiz und Liechtenstein.
Laut EU ermöglicht das Schengen-Abkommen über 450 Millionen Menschen, frei zwischen Mitgliedstaaten zu reisen, ohne Grenzkontrollen zu durchlaufen. Lkw und Gütertransporte haben dadurch keine bis wenig Wartezeiten an den Grenzen. Zudem fallen viele bürokratische Hürden weg.
Das Ifo-Institut hat errechnet, dass Schengen den Warenhandel zwischen den Mitgliedstaaten im Schnitt um rund drei Prozent steigert. Zudem überqueren täglich rund 1,7 Millionen Menschen eine Schengen-Binnengrenze, um in einem anderen Land zu arbeiten.
Raus aus Schengen: Welche Folgen hätte das für Verbraucher?
Sehr deutlich würden die Deutschen einen Ausstieg aus dem Schengen-Abkommen an der Grenze zu den anderen EU-Ländern erleben, wenn wieder Grenzkontrollen eingeführt würden. Auch an Flughäfen wäre mit längeren Abfertigungszeiten zu rechnen. Zudem könnten Lebensmittel und andere Waren teurer werden, da auch etwaige Verzögerungen an den Grenzen die Transportkosten erhöhen.
Sind die Forderungen überhaupt realistisch umsetzbar?
"Dexit" ist eigentlich eine Wortschöpfung, die den kompletten Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union beschreibt. Hans-Detlef Horn, Professor für Öffentliches Recht an der Philipps-Universität Marburg, stellt klar, dass der EU-Grundlagenvertrag, der Vertrag von Lissabon, das jedem Mitgliedsstaat ermögliche. "Ein solcher Austritt implizierte, dass die Bindungen an die Regeln der Währungsunion wie des Schengen-Raums entfallen würden", erläutert Horn. Doch wie lange ein "Dexit" dauern würde, ist schwer vorherzusagen.
Am 23. Juni 2016 ist klar "UK is out". Knapp 52 Prozent stimmten für den EU-Austritt. Zehn Jahre und sechs Premierminister später hält die Mehrheit den Brexit für einen Fehler.
23.06.2026 | 2:38 minBeim "Brexit" vergingen bis zum vollständigen Austritt Großbritanniens viereinhalb Jahre voller wirtschaftlicher Unsicherheit. Die geschätzten Kosten für Großbritannien beliefen sich auf 140 bis 170 Milliarden Euro. Nur ein Vorbote dessen, was Deutschland bevorstünde, glaubt Ökonom Iglesias: "Wirtschaftliche Verwerfungen wären unvermeidlich."
IW-Szenarioberechnungen zeigen, dass ein ‚Dexit‘ nach fünf Jahren fast 700 Milliarden Euro kosten würde und rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze verloren gingen.
Dr. Simon Gerards Iglesias, Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln
Ein "Dexit" könnte Deutschland möglicherweise wieder mehr nationale Souveränität zurückgeben. In einer global vernetzten Welt hätte dies aber einen sehr hohen Preis.
Klaus Weber ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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