Selfies und Spiele: Wie sich das WM-Publikum verändert hat

Selfies, Spiel und Selbstdarstellung:Wie sich das WM-Publikum verändert hat

von Frank Hellmann

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Das WM-Publikum war jünger, wilder und weiblicher als im Bundesliga-Alltag. Für viele spielte die eigene Inszenierung die Hauptrolle. Wird das auch in Deutschland ein Trend?

Fußball, Marokko, Fans

Marokko-Fans bei der WM 2026.

Quelle: Imago

Es ist kaum verwunderlich, dass selbst in den technologisch hochgerüsteten Arenen der USA irgendwann das Internet kapitulierte. In Atlanta beim WM-Halbfinale zwischen England und Argentinien (1:2) ging zeitweise gar nichts mehr. Kein Netzempfang. Was natürlich damit zusammenhängt, dass so viele Stadionbesucher am mobilen Endgerät hängen.

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Das Duell zwischen England und Argentinien war schon vor Anpfiff emotional aufgeladen. Die Partie gipfelte in einer verrückten Schlussphase.

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Mehr als die Hälfte schaut gefühlt aufs Display statt aufs Spielfeld. Die Grenzen sind fließend. Der eine verfolgt den Livestream, der andere chattet mit einem Freund, der Nächste teilt sein Erlebnis in Echtzeit. Wenn man schon so viel Geld für die Tickets bezahlt, soll die eigene Community bitte viel Anteil nehmen. Man wird den Eindruck nicht los: Bei vielen Besuchern herrscht ständige Unruhe ganz losgelöst vom Spielverlauf.

WM-Fans als Social-Media-Multiplikatoren

Das WM-Finale zwischen Spanien und Argentinien in New Jersey (Sonntag, 21 Uhr MESZ/live im ZDF) dürfte diesen Trend noch mal toppen. Rund 82.500 Zuschauer werden einen gigantischen Multiplikator bilden, der das Vorprogramm mit Robbie Williams, die Schlussfeier mit Post Malone oder die Halbzeitshow mit Justin Bieber und Madonna verbreitet.

Viele WM-Besucher kommen für eigene Social-Media-Inhalte. Verschickt werden auch ständig Videos vom laufenden Spiel, obwohl das untersagt ist. Als Brasilien gegen Marokko (1:1) im New York/New Jersey Stadium auftraten, konnten viele im Fanblock platzierte Medienleute die Begegnung kaum verfolgen, weil der Wunsch nach Selfies so groß war.

Sängerin Shakira mit lockigen Haaren bei einem Auftritt auf der Bühne. Sie trägt ein Kleid in den Farben gelb, blau und grün, was den Farben der brasilianischen Flagge entspricht.

Beim WM-Finale werden einige Weltstars erwartet. Musikalisch können sich die Zuschauer unter anderem auf Justin Bieber und Madonna freuen.

16.07.2026 | 0:36 min

Daten zu den Ticketnutzern noch nicht öffentlich

Der Eindruck: Das Publikum bei der WM war jünger, wilder und weiblicher als in Europa im Vereinsalltag. Auf Anfrage erteilte die FIFA am Freitag exklusiv Auskunft über die Zusammensetzung des Publikums. Bis zu den Finalspielen sind bei der WM exakt 4,444 Millionen Zuschauer gezählt, davon 1,164 Millionen weiblich (26 Prozent).

Interessant ist die Aufschlüsselung nach Alterskategorien: 1,003 Millionen waren zwischen 21 und 30 Jahren, 1,405 Millionen zwischen 31 und 40, 1,144 Millionen zwischen 41 und 50. Die über 50-Jährigen machten weniger als 800.000 – und damit weniger als ein Fünftel der Ticketinhaber aus. Der WM-Fan hat sich also tatsächlich trotz der horrenden Preise verjüngt. Eines ging bei den vollbesetzten Rängen allerdings unter: Wer alles nicht dabei sein konnte.

Kritik an WM-Publikum und Ticketvergabe

Von der "inklusivsten WM der Geschichte", wie die FIFA beworben hat, könne ja wohl nicht die Rede sein, kritisierte Ronan Evain von "Football Supporters Europe". Er spricht von einer "traurigen Weltmeisterschaft auf den Tribünen". Denn:

Es war eine WM für eine glückliche Minderheit, für wenige Privilegierte. Die Realität ist, dass eine gute Hälfte der Welt nicht reisen konnte.

Ronan Evain von "Football Supporters Europe"

Umfragen seiner Organisation ergaben, dass Anhänger aus Irak, Jordanien und Usbekistan, Ägypten, Kap Verde, der Elfenbeinküste und Marokko generell kein Visum bekommen hätten. Nur bereits in den USA lebende Personen aus diesen Ländern oder Doppelstaatsbürger hätten Zutritt zu einem Turnier bekommen.

Evain sah ein "sehr amerikanisches Erscheinungsbild" auf den Rängen, weil oft die in Amerika lebende Diaspora des jeweiligen Landes erschien.

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Folgen für Bundesliga und Stadionkonzepte

Vielleicht trug die Zusammensetzung des Publikums dazu bei, dass die eigene Inszenierung häufig eine größere Rolle spielte. Wird das auch in Deutschland ein Trend? Dass das WM-Publikum den Fußball anders konsumiert hat als der Stammbesucher eines Bundesligaspiels, kann Axel Hellmann, Vorstandsboss von Eintracht Frankfurt, nur bestätigen.

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Er hat Vorrundenspiele in Nordamerika extra aus der Fanperspektive verfolgt. "Weil wir auch Stadionbetreiber sind und unser Stadion an Nummer acht in der Welt steht, was die Veranstaltungsdichte anbelangt. Wir machen uns deshalb Gedanken über die Erweiterung oder den Neubau eines Stadions." Das Nutzungsverhalten der Fans wird dabei ein wichtiger Aspekt. Die WM hat aus seiner Sicht nicht nur gute Beispiele geliefert:

Die Show und der Countdown, bevor der erste Ball gespielt wird: Das sind Formate, die für mich nicht zur europäischen Fußballkultur passen.

Axel Hellmann, Vorstandsboss Eintracht Frankfurt

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