Fußball-Serie über die Southgate-Jahre:Als eine Psychologin Englands Mentalität änderte
von Florian Vonholdt
"Dear England" zeigt, wie Ex-Trainer Gareth Southgate mit spezieller Hilfe versuchte, Englands Angst vor Elfmetern beizukommen. Ein Beispiel für Mentalarbeit im Spitzensport.
Gareth Southgate trainiert die englische Nationalmannschaft. 2021 ist England Gastgeber der Europameisterschaft. Im Finale muss das Team gegen Italien antreten.
24.06.2026 | 58:17 minSportpsychologen und Mentaltrainer gehören heute zum Alltag vieler Spitzensportler weltweit. Da bilden auch Profifußballer keine Ausnahme, wenn auch noch nicht überaus lange. Denn: Noch vor zehn Jahren waren Experten auf diesem Gebiet bei Fußballmannschaften nicht überall an der Tagesordnung.
Das dokumentiert die vierteilige Miniserie "Dear England" (zu Deutsch: "Liebes England"/abrufbar im ZDF-Streamingportal), die von der achtjährigen Amtszeit von Gareth Southgate als englischer Nationaltrainer handelt.
Psychologin war Southgates wichtigste Nominierung
Sie zeichnet nach, wie Southgates wohl wichtigste Nominierung seiner Anfangszeit nicht etwa die eines bestimmten Spielers war. Rund ein Jahr nach seinem Amtsantritt im September 2016 nahm er Psychologin Pippa Grange mit in seinen Stab auf. Wie die Serie herausarbeitet, kam dies in England einer kleinen Revolution gleich.
Die stolze englische Fußballnation liegt am Boden. Schon lange konnte ihre Mannschaft bei internationalen Turnieren nicht mehr ins Endspiel einziehen. Er soll alles ändern: Gareth Southgate.
24.06.2026 | 58:15 minJoseph Fiennes, der in der BBC-Verfilmung, die aus einem preisgekrönten Theaterstück entstand, Southgate verkörpert, sagt über den Erneuerungsprozess: "Ein wichtiger Bestandteil davon war, Psychologen in die Nationalmannschaft einzubinden. Viele andere Sportarten wie Golf oder Tennis arbeiteten bereits mit Sportpsychologen, aber England und der Fußballverband schienen in diesem Bereich hinterherzuhinken."
Southgates schmerzhaftes Erlebnis als Antrieb
Und weiter: "Einer von Gareths Antrieben war es, die mentale Seite hinter den Niederlagen zu verstehen. England und Gareth entwickelten dadurch ein besseres Verständnis für die Zerbrechlichkeit, mit der Spitzensportler konfrontiert sind."
Womöglich ging der ehemalige Nationalspieler diesen Schritt auch aus einer eigenen Erfahrung heraus, die er nach seinem verschossenen Elfmeter im Halbfinale der Heim-EM 1996 gegen Deutschland machen musste.
Weil Andreas Möller anschließend verwandelte, bedeutete sein Fehlschuss Englands Aus. Die Zeit danach bezeichnete Southgate einmal als "herausforderndste Erfahrung", die er je gemacht habe. Er sei von "Bedauern" und "Reue" erfüllt gewesen.
England schafft bei der WM 2018 nie Dagewesenes
Bei der Verarbeitung hätte er mentale Unterstützung gut gebrauchen können. Doch die war vor 30 Jahren noch nicht angesagt. Zusammen mit Grange beginnt er als Trainer nun, die Denkweise der Mannschaft zu verändern und sich seiner größten Angst und der ganz Englands zu stellen - dem Elfmeterschießen.
ZDFheute Infografik
Für die Darstellung von ZDFheute Infografiken nutzen wir die Software von Datawrapper. Erst wenn Sie hier klicken, werden die Grafiken nachgeladen. Ihre IP-Adresse wird dabei an externe Server von Datawrapper übertragen. Über den Datenschutz von Datawrapper können Sie sich auf der Seite des Anbieters informieren. Um Ihre künftigen Besuche zu erleichtern, speichern wir Ihre Zustimmung in den Datenschutzeinstellungen. Ihre Zustimmung können Sie im Bereich „Meine News“ jederzeit widerrufen.
Die Maßnahme trägt direkt bei seinem ersten großen Turnier Früchte. Gegen Kolumbien im Achtelfinale der WM 2018 gewinnt England das Elfmeterschießen. Das hatte ein englisches Team bei einer Weltmeisterschaft zuvor noch nie vollbracht.
Psychologin wird zur "Elfmeter-Flüsterin" - und geht
Grange wird in der Folge von den Spielern gelobt und von der Presse als "Elfmeter-Flüsterin" gefeiert. Bis es ihr zu viel wird. Im Sommer 2019 verlässt sie das Nationalteam. Die "echte" Grange äußerte sich im April 2026 gegenüber der "Times" zu den Gründen ihres Rücktritts, von dem Southgate sie in der Serie noch abzuhalten versucht:
Es war eine anstrengende Zeit. Ich bin lieber im Hintergrund tätig als im Rampenlicht. Denn das macht die Sache noch anstrengender.
Psychologin Pippa Grange
Die Lobhudelei sei zwar "sehr schmeichelhaft" gewesen, doch wollte sie sich "vom 'Elfmeter-Guru' distanzieren."
ZDFsportstudio Update:Dein Newsletter zur Fußball-WM 2026
Alle Highlights der WM-Spiele aus der Nacht, Updates zum DFB-Team und die wichtigsten Nachrichten zur Fußball-WM 2026 – kompakt und aktuell. Jetzt abonnieren!Southgates Nachfolger Thomas Tuchel vertraut nun auf Psychologe Rich Hampson, sagt über ihn: "Er beobachtet die Kommunikation, das Verhalten innerhalb der Gruppe und während der Spiele, vergleicht dies mit anderen Nationalmannschaften auf höchstem Niveau und zeigt uns, wo wir uns verbessern können." Und führt damit Southgates einstige "Revolution" fort, die aus heutigen Spitzenteams nicht mehr wegzudenken ist.
Serien:Dear England
Mehr zur WM
Zwölf Gruppen mit je vier Teams:Spielplan, Ergebnisse und Tabellen
- FAQ
Turnier in USA, Kanada und Mexiko:Tickets, Zeiten, Spielorte: Alles Wichtige
von Ralf Lorenzenmit Video2:13 Von Atlanta bis Vancouver:Die Stadien
Newsletter abonnieren:ZDFsportstudio Update Fußball-WM 2026