Dopingexperte im Interview:Fall Ansah: "Chancen auf weniger als vier Jahre sind gering"
von Johannes Fischer
Owen Ansah droht eine Sperre, Laura Freigang wartet auf ihre Entscheidung. Dopingexperte Fritz Sörgel erklärt, warum die Fälle rechtlich unterschiedlich zu bewerten sind.
Im Fokus der NADA-Ermittlungen: Sprinter Owen Ansah.
Quelle: Witters | RanjithKumar200-Meter-Europameister Owen Ansah droht nach dem mutmaßlichen Verstoß gegen die Anti-Doping-Regeln eine vierjährige Sperre. Der Fall geht vor das Deutsche Sportschiedsgericht. Gleichzeitig wartet Laura Freigang nach drei verpassten Kontrollen auf die Entscheidung des DFB über eine mögliche Sperre.
Der Pharmakologe und Dopingexperte Prof. Dr. Fritz Sörgel erklärt, warum die Fälle trotz Parallelen sportrechtlich nicht gleichzusetzen sind.
ZDFheute: Herr Sörgel, warum ist eine verweigerte Kontrolle grundsätzlich schwerwiegender als drei verpasste Kontrollen?
Prof. Dr. Fritz Sörgel: Bei einer verweigerten Kontrolle stehen nach dem WADA-Code grundsätzlich sofort vier Jahre Sperre im Raum. Der Kontrolleur klärt den Sportler über die Regeln auf, lässt ihn das Formular unterschreiben - und der Sportler geht trotzdem, ohne eine Urin- oder Blutprobe abgegeben zu haben.
Wenn es so war, ist das eine massive Zurückweisung des Anti-Doping-Systems. Bei einem Whereabouts-Verstoß kommt es dagegen nicht zu dieser direkten Konfrontation. Der Kontrolleur ist am angegebenen Ort, der Sportler aber nicht. Erst drei solche Verstöße innerhalb von zwölf Monaten ergeben einen Anti-Doping-Verstoß.
Im Jahresbericht für 2025 referiert die NADA über ihre Tests und Dopingvergehen. Vorstand Lars Mortsiefer spricht über den Fall Laura Freigang und die Enhanced Games.
09.06.2026 | 3:37 minZDFheute: Ist ein dritter Whereabouts-Verstoß nicht trotzdem eine Art Verweigerung?
Sörgel: Das kann man durchaus so sehen. Ein Spitzensportler weiß, dass er erreichbar sein muss. Drei verpasste Kontrollen kommen deshalb schon in die Nähe einer Verweigerung. Der Unterschied ist aber: Dem Kontrolleur wird nicht unmittelbar gesagt, dass man nicht mitmacht.
Dopingkontrollen müssen jederzeit und unvorhergesehen stattfinden können. Die Meldung der Aufenthaltsorte, die sogenannten Whereabouts, dient dazu, dass Athletinnen und Athleten jederzeit auffindbar sind und die Kontrollen sinnvoll geplant werden können.
Grundsätzlich haben alle Athletinnen und Athleten sowie Teams, die einem Kontrollpool zugeteilt sind, quartalsweise Meldungen zu ihren Aufenthaltsorten einzureichen. Das Erfassen und Aktualisieren der Whereabouts wird durch die betroffenen Athleten selbst oder im Fall eines Teamsports durch den Team-Administrator für das gesamte Team erledigt.
Whereabouts müssen viermal jährlich für das nächste Quartal vollständig eingereicht werden. Dafür gelten verbindliche Termine. Kurzfristige Planänderungen oder Zusatzinformationen sind sofort nachzutragen, damit die Vollständigkeit und Aktualität der Angaben jederzeit gewährleistet ist.
ZDFheute: Ansah sagt, er habe wegen seines bevorstehenden Flugs keine Zeit mehr gehabt. Wie wichtig ist der genaue Ablauf?
Sörgel: Sehr wichtig. Wir wissen öffentlich noch nicht im Detail, wie die Begegnung abgelaufen ist und ob alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden, den Test noch durchzuführen. Man wird klären müssen, wie viel Zeit Ansah tatsächlich hatte und welche Möglichkeiten es gab. Auch Fehler des Kontrollpersonals können entscheidend sein.
Dem schnellsten deutschen Sprinter Owen Ansah droht eine Vier-Jahres-Sperre. Die NADA fordert das wegen eines abgelehnten Dopingtests.
11.08.2026 | 3:17 minZDFheute: Laura Freigang wurde nach einem verpassten Kontrollfenster noch getestet. Könnte Ansah daraus argumentieren, dass auch seine Kontrolle hätte fortgesetzt werden können?
Sörgel: Diese Frage interessiert mich am meisten. Es muss geklärt werden, warum sich der Kontrolleur im Fall Ansah offenbar nicht um einen weiteren Test bemüht hat, während bei Freigang nach dem verpassten Zeitfenster noch eine Probe genommen wurde.
Professor Fritz Sörgel
Ansah könnte fragen: Wenn bei ihr eine spätere Kontrolle möglich war, warum konnte man bei mir nicht versuchen, die Kontrolle am Flughafen fortzusetzen? Dafür muss man wissen, wie viel Zeit bei Freigang zwischen dem Ende des Kontrollfensters und der Probe vergangen ist. Ein Test wenige Minuten später ist etwas anderes als einer Stunden später.
ZDFheute: Wäre eine Kontrolle am Flughafen überhaupt realistisch gewesen?
Sörgel: Das ist fraglich. Ein Dopingtest ist kein einfacher Vorgang. Der Sportler muss sich unter kontrollierten Bedingungen entblößen. Wie das auf einer Flughafentoilette hätte funktionieren sollen, ist nicht einfach. Aus anderen Fällen wissen wir, dass ein verpasster Ferienflug keine Entschuldigung für die Ablehnung einer Dopingprobe sein kann. Hier war es aber ein Flug zu einem Wettbewerb - ob man da hätte anders reagieren sollen, weiß ich nicht.
Owen Ansah ist Europameister über 200 Meter. Im Interview spricht er über sein Rennen, seine mentale Stärke und über rassistische Kommentare.
15.08.2026 | 2:32 minZDFheute: Welche Rolle könnte spielen, ob Ansah vorher keine Whereabouts-Probleme hatte?
Sörgel: Falls das so ist, könnte das bei der Bewertung der Sanktion eine Rolle spielen. Ich halte es trotzdem nicht für wahrscheinlich, dass dadurch aus vier Jahren plötzlich zwei werden. Aber unmöglich ist es nicht.
ZDFheute: Wie schätzen Sie Ansahs Chancen ein, einer vierjährigen Sperre zu entgehen?
Sörgel: Nach der derzeit bekannten Datenlage erscheinen die Chancen auf eine Sperre von unter vier Jahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS - da wird der Fall ja landen - eher gering.
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