Phantomschmerzen nach Amputation:Mit der Spiegeltherapie Phantomschmerzen wirksam behandeln
von Olaf Schwabe
Phantomschmerzen nach Amputationen sind ein weit verbreitetes Phänomen. Doch wie entstehen sie überhaupt und wie kann Betroffenen wirksam geholfen werden?
Bei einem Segelunfall verliert Sandrine Spiecker vier Finger. Wochen später hat sie an der Stelle plötzlich unerträgliche Schmerzen.
09.03.2026 | 5:19 minStändige oder wiederkehrende Schmerzen in einem Körperteil, das gar nicht mehr vorhanden ist - wie kann das sein? Solche sogenannten Phantomschmerzen treten nach Amputationen von Gliedmaßen in bis zu 80 Prozent aller Fälle auf. Sie gehören zu den neuropathischen Schmerzen, da sie auf komplexe Veränderungen im Nervensystem zurückgeführt werden.
Wie Phantomschmerzen entstehen
Phantomschmerzen sind keine Einbildung. Es handelt sich um echte Schmerzen, die nach einer Amputation durch eine fehlerhafte Anpassung des Gehirns entstehen.
Sinnesreize wie Berührung werden ständig aus den verschiedenen Körperbereichen an das Gehirn weitergeleitet. Dabei ist jedem Körperteil ein bestimmtes Areal in der Großhirnrinde, dem Kortex, zugeordnet.
Chronische Schmerzen haben großen Einfluss auf das Leben der Betroffenen. Wie eine bessere Schmerztoleranz den Alltag erleichtern kann.
03.06.2025 | 5:16 minNach einer Amputation entsteht an den Nerven ein "Chaos", weil sie vom amputierten Körperteil keine Signale mehr empfangen, erklärt Dominik Irnich, Leiter der Interdisziplinären Schmerzambulanz am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität, München.
Es kommt zu spontaner Aktivität dieser Nervenzellen, der Patient spürt den nicht mehr vorhandenen Körperteil weiter und manchmal sehr schmerzhaft.
Prof. Dr. Dominik Irnich, Anästhesist und Schmerztherapeut
Phantomschmerzen treten vor allem dann auf, so Irnich, wenn der Körperteil schon vor der Amputation schmerzhaft war und sich ein Schmerzgedächtnis gebildet hat.
Zur Diagnose wird der Patient nach Beginn, Intensität und Häufigkeit der Schmerzsymptomatik befragt. Wichtig ist, andere Ursachen für die Schmerzen auszuschließen.
Zu Absicherung der Diagnose können zudem Hirnaktivitäten mithilfe bildgebender Verfahren wie der Magnetresonanztomografie dargestellt werden. So kann beispielsweise ermittelt werden, in welchen Arealen und in welcher Stärke das Gehirn und das Nervensystem auf bestimmte Reize reagieren.
Wie sich Phantomschmerzen äußern
Von den Betroffenen werden Phantomschmerzen als plötzlich einschießende, brennende, stechende Schmerzen beschrieben. Sie können in unterschiedlicher Intensität, Dauer und Frequenz auftreten. Viele leiden unter einer extrem eingeschränkten Lebensqualität.
Ein ausgeprägter Phantomschmerz kann höchste Schmerzintensitäten erreichen.
Prof. Dr. Dominik Irnich, Anästhesist
Wichtig sei es, Phantomschmerzen von sogenannten Stumpfschmerzen zu unterscheiden, so Inrich. Denn diese hätten ganz andere Ursachen.
Stumpfschmerzen treten bei rund der Hälfte aller Amputationen auf. Sie haben in der Regel körperliche Ursachen. Dazu gehören Durchblutungsstörungen im Amputationsbereich, Narbenschmerzen, drückende Knochen oder Knochensplitter, die nicht vollständig entfernt wurden, sowie eine Schädigung der Nervenbahnen.
Keloide sind überschießendes, gutartig wucherndes Narbengewebe. Viele Betroffene haben einen hohen Leidensdruck aufgrund des Aussehens der Narben. Welche Therapieoptionen gibt es?
27.11.2024 | 5:17 minWie Phantomschmerzen behandelt werden
Phantomschmerzen gelten als schwer therapierbar. Die Behandlung sollte durch Schmerzspezialisten und multimodal erfolgen. Zu einer multimodalen Therapie gehören die medikamentöse Schmerzbehandlung sowie physikalische und psychologische Therapiemaßnahmen, aber auch innovative Behandlungsansätze wie Virtual Reality und Neuromodulation.
Ziel ist es, Häufigkeit und Intensität der Schmerzen zu reduzieren und dadurch die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Therapiemöglichkeiten bei Phantomschmerzen
Die Auswahl entsprechender Medikamente zur Schmerzlinderung richtet sich nach der Intensität der Schmerzen. Bei starken Schmerzen kommen Opioide zum Einsatz. Antidepressiva und Antiepileptika können ergänzend eingesetzt werden, um die Erregbarkeit des Gehirns herabzusetzen.
Hierbei handelt es sich um therapeutische Methoden zur Schmerzlinderung, bei denen durch elektrische, thermische oder mechanische Reize an einer bestimmten Körperstelle die Wahrnehmung des Schmerzes im Gehirn überlagert oder blockiert wird. Am häufigsten wird dafür die Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS) angewendet.
Das Graded Motor Imagery (GMI) ist ein dreistufiges Trainingsprogramm mit dem Ziel, Nervenzellen im Kortex so zu stimulieren, dass sie sich neu vernetzen (kortikale Reorganisation) und neue Funktionen übernehmen (Neuroplastizität).
Das Verfahren macht sich die lebenslange Fähigkeit des Gehirns zunutze, durch Lernen und Erfahrungen neue Funktionen zu übernehmen.
Wir alle kennen Schmerzen. Aber was die wenigsten wissen: Wir alle sind auch dem Risiko ausgesetzt, chronische Schmerzen zu entwickeln.
16.03.2025 | 23:01 minSpiegeltherapie bei Phantomschmerzen
Bei der Spiegeltherapie wird bei den Patienten die Illusion erzeugt, dass die amputierte Extremität noch vorhanden ist. Dazu wird die gesunde Gliedmaße so gespiegelt und bewegt, dass der Patient das Gefühl hat, die amputierte Gliedmaße zu sehen.
Die Augen geben Signale an das Gehirn, dass das Körperschema in Ordnung ist. Das beruhigt die sehr aktiven Nervenzellen im Kortex.
Prof. Dominik Inrich, Experte für Schmerztherapie
Mit dieser Wahrnehmung lassen sich Nerven im Gehirn letztlich so modulieren, dass Schmerzen gelindert oder sogar ganz ausgeschaltet werden, erklärt der Schmerztherapeut.
Da die Spiegeltherapie einfach durchzuführen sei, kaum Kosten verursache und keine Nebenwirkungen habe, sei sie ein wichtiger Therapiebaustein gegen Phantomschmerzen, wenn andere Therapien versagen, so Dominik Irnich.
Kleinere Studien und Metaanalysen belegen, dass die Spiegeltherapie in vielen Fällen zu einer Schmerzreduktion oder zu einem kompletten Verschwinden der Phantomschmerzen führen kann.
Wenn Schmerz keine Alarmfunktion mehr hat und chronisch wird: Schmerztherapeut Alessio Faliva und Psychotherapeutin Verena Pförtner erklären, warum chronische Schmerzen eine eigenständige Krankheit sind und wie Betroffene damit leben können.
09.10.2025 | 26:33 minMehr zum Thema Schmerzen
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