Zwischen Hype und Forschung:Longevity: Wie realistisch der Traum des langen Lebens ist
Der Wunsch, lange zu leben, ist nicht neu. Nun bietet die Medizin neue Möglichkeiten, aktiv auf den Alterungsprozess Einfluss zu nehmen. Ein Interview mit Professorin Andrea Maier.
Möglichst lange fit: Thailands Longevity-Kliniken versprechen Gesundheit bis ins hohe Alter. Das Land will weg vom Sextourismus, hin zur Wellness-Industrie – und wittert ein Milliardengeschäft.
19.08.2026 | 6:34 minDie Longevity-Branche erlebt einen regelrechten Boom. Neue Angebote, besonders in Asien, locken Tourist*innen aus aller Welt. Zum Beispiel in die thailändische Hauptstadt Bangkok.
Doch was steckt wissenschaftlich hinter dem Versprechen eines längeren Lebens? Und wie realistisch ist es, den Alterungsprozess aktiv zu beeinflussen? Im Interview ordnet Professorin Andrea Maier, deren Schwerpunkt auf Longevity liegt, diese Fragen ein.
ZDFheute: Können Sie uns das Konzept von Longevity erklären? Worum geht es dabei?
Andrea Maier: Longevity, Langlebigkeit, bedeutet zunächst nichts anderes als die Anzahl der Jahre, die ein Mensch lebt. Gesunde Langlebigkeit bezeichnet die Anzahl der Jahre, die man gesund verbringt.
Wenn Menschen heute über Longevity sprechen, meinen sie meist genau diese gesunden Lebensjahre. Es geht darum, was man im Alltag noch tun kann, wie gut der Körper funktioniert, wie aktiv man sein Leben gestalten und wie lange man einen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann.
Andrea Maier ist Professorin für Medizin, Funktionales Altern und Demenzforschung und Mitbegründerin und Leiterin der Academy for Healthy Longevity an der National University of Singapore (NUS). Darüber hinaus hält Andrea Maier eine Professur für Gerontologie an der Vrije Universiteit Amsterdam. Maier ist Biogerontologin, Fachärztin für Innere Medizin, Geriaterin und Spezialistin für internationale Gesundheitspolitik.
ZDFheute: Die Idee, möglichst lange jung zu bleiben, ist sehr alt. Sie wurde bereits vor rund 2.500 Jahren erwähnt. Was hat sich seit damals verändert? Was wissen wir heute besser?
Maier: Der entscheidende Fortschritt der vergangenen fünf bis zehn Jahre besteht jedoch darin, dass wir diese Erkenntnisse zunehmend auf den Menschen übertragen können. Das bedeutet, dass wir nicht mehr nur verstehen, wie der Alterungsprozess biologisch abläuft, sondern auch gezielt in ihn eingreifen können.
Das ist ein echter Paradigmenwechsel und der Grund, warum heute so viel über Longevity und gesundes Altern gesprochen wird. Erstmals erscheint es realistisch, den Alterungsprozess aktiv zu beeinflussen.
Anhänger der Longevity-Bewegung möchten mithilfe von spezieller Ernährung, Biohacking und anderen Maßnahmen den Altersprozess austricksen und möglichst gesund möglichst alt werden.
29.07.2025 | 3:30 minZDFheute: Wie können wir gesunde Langlebigkeit erreichen?
Maier: Bevor wir überhaupt über Therapien sprechen können, müssen wir zunächst verstehen, warum jemand biologisch älter oder jünger ist als sein tatsächliches Lebensalter. Dabei unterscheiden wir zwischen zwei wichtigen Begriffen: dem chronologischen Alter, also dem Alter im Reisepass, und dem biologischen Alter. Das Ziel ist, das biologische Alter möglichst unter dem chronologischen Alter zu halten.
Damit verläuft der Alterungsprozess langsamer. Der größte Vorteil ist, dass damit auch das Risiko für altersbedingte Erkrankungen sinkt. Das chronologische Alter gibt zwar einen ersten Hinweis darauf, wie hoch das Risiko für Krankheiten ist. Noch aussagekräftiger ist jedoch das biologische Alter.
Es zeigt, wie wahrscheinlich der Ausbruch von COPD, einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, Krebs oder Demenz tatsächlich ist. Krankheiten, die wir möglichst lange vermeiden wollen.
Deshalb müssen wir zunächst verstehen, welche Teile des Körpers wie schnell altern. Ist das Gehirn biologisch älter als das Herz? Altern die Lungen schneller als die Muskulatur? Und warum ist gerade dieses Organ stärker vom Alterungsprozess betroffen? Also erst das Wissen, dann die Therapie.
Gesund alt werden – das ist das Ziel der Longevity-Forschung. Welche Faktoren ein längeres Leben fördern können.
16.04.2025 | 4:48 minZDFheute: Welchen Rat würden Sie Verbraucherinnen und Verbrauchern geben?
Maier: Wenn Sie eine Longevity-Klinik besuchen und dort einfach aus einer Liste von Behandlungen auswählen können, sollten Sie diese Klinik wieder verlassen. Denn dann findet offenbar keine ernsthafte Diagnostik statt.
Der erste Schritt muss immer sein, den eigenen Körper genau kennenzulernen: Welche genetischen Voraussetzungen gibt es? Welche Organe altern schneller oder langsamer? Wo besteht überhaupt ein Behandlungsbedarf?
Unsere Reporterin Sabine Platz ist bei Tag drei ihrer Fastenkur. Heute erklärt sie uns, was das gute alte Fasten mit dem sogenannten Longevity-Hype, also dem Langlebigkeitswahn, zu tun hat.
02.04.2025 | 3:40 minEine Longevity-Klinik sollte kein À-la-carte-Restaurant sein, in dem man sich einfach eine Wunschbehandlung aussucht. So sollte Medizin nicht funktionieren. Wenn jemand zu mir käme und sagte: "Ich möchte eine Chemotherapie", würde ich sie natürlich nicht einfach verabreichen.
Ich würde zuerst fragen: Warum? Haben Sie Krebs? Es braucht immer eine medizinische Indikation. Genau das wird im Bereich der Healthy-Longevity-Medizin derzeit oft übersprungen. Wenn Ihnen eine Klinik lediglich eine Speisekarte mit verschiedenen Behandlungen präsentiert und fragt, was Sie gerne hätten, dann drehen Sie sich um und gehen wieder.
Das Interview führte Johannes Hano, Studioleiter des ZDF Studios in Singapur.
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