Milliarden, Macht und Geopolitik:Der historische Drahtseilakt zwischen Berlin und Abu Dhabi
von Wulf Schmiese
Es ist der erste Staatsbesuch aus den Vereinigten Arabischen Emiraten in Deutschland überhaupt: Scheich Mohammed bin Zayed Al Nahyan soll Investitionen in Milliardenhöhe bringen.
Bundeskanzler Friedrich Merz empfängt den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohammed bin Zayed, in Berlin.
Quelle: Kay Nietfeld / dpaNun ist er leibhaftig in Berlin. Der allererste Staatsbesuch in Deutschland in der Geschichte seines Landes: MBZ wird er in Diplomatenkreisen anerkennend genannt, wie ein heißer Tipp für Insider, der Milliarden bringen könnte. Scheich Mohammed bin Zayed Al Nahyan ist der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, die auch stets abgekürzt werden: VAE.
Ihr Herrscher MBZ führt das erst 55 Jahre junge Scheichtum seit 2022 als absoluter Monarch und gilt im Kanzleramt wie im Auswärtigen Amt als das Mastermind des Nahen Ostens. Deswegen haben sie dort schon monatelang auf diesen Staatsbesuch hingearbeitet.
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte die Charme-Offensive begonnen mit seinem Treffen mit MBZ in Abu Dhabi. Diese Reise im Februar zähle zu den "vielleicht wichtigsten" seiner bisherigen Kanzlerschaft, schwärmte Merz damals und zählte den lupenreinen Autokraten MBZ zu den "beeindruckenden Persönlichkeiten" am Golf, mit denen er ebenso "beeindruckende und intensive Gespräche" geführt habe.
Iran soll nach Angaben der Vereinigten Arabischen Emirate Raketen in Richtung des Golfstaates abgefeuert haben. Die Emirate setzten die Handelsgeschäfte aus. Teheran wies die Vorwürfe zurück.
19.08.2026 | 0:25 minEmirate planen Milliardeninvestitionen in Deutschland
Intensiv sind jedenfalls Deutschlands Interessen in den VAE. Das bilaterale Handelsvolumen ist auf 13 Milliarden Euro geklettert - mit einem massiven deutschen Exportüberschuss; es wird also emsig eingekauft aus Deutschland. Deutschland sucht günstige Energie, Wasserstoff und Flüssiggas.
Strategisches Interesse hat Berlin vor allem am gigantischen Staatsfonds der superreichen Emirate. Die VAE suchen lukrative Investitionsmöglichkeiten für die Zukunft, wollen ihr vieles Geld gut anlegen für die Zeit nach Öl und Gas. Auf diesem ersten Staatsbesuch - nach Berlin geht's weiter nach München - stehen Milliardeninvestitionen im Fokus. Rund 40 Milliarden Euro wollen die VAE investieren - zusätzlich zur bisherigen Summe von 34 Milliarden.
Über 40 Einzelvereinbarungen sind geplant: Ausbau von KI-Rechenzentren, Spitzentechnologie, ein deutsch-emiratischer Investitionsrat soll die Partnerschaft faktisch technologisch verflechten.
Mit neuen Angriffen auf die Vereinigten Arabischen Emirate habe sich Iran selbst geschadet, sagt Nahost-Experte Schindler. Denn über die VAE laufe Irans Anbindung an das globale Bankensystem.
19.08.2026 | 19:21 minGeopolitische Interessen: Israel, Iran und der Krieg
Zudem hat die Bundesregierung geo- und sicherheitspolitisches Interesse. Sie sieht die VAE als Schlüsselstaat für eine Neuausrichtung des Nahen Ostens. Denn MBZ, der Scheich, mit dem Merz so gut kann, ist auch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hoch gelobt worden: Weil die VAE so pragmatisch scheinen in ihrer Außenpolitik, für die Region geradezu pro-israelisch. Im Zuge der Abraham-Abkommen vor sechs Jahren gehörten sie zu den Staaten der Region, die Israels Existenzrecht anerkannt haben und diplomatische Beziehungen offiziell normalisierten.
In Israel schlägt diese Nähe gerade mitten in den Wahlkampf, weil die liberale "Haaretz" schreibt, MBZ habe Premierminister Benjamin Netanjahu sogar gewarnt vor dem Angriff der Hamas auf Israel mit dem Massaker am 7. Oktober. Netanjahu sagt, das stimme nicht.
Israels Ministerpräsident Netanjahu soll laut der Zeitung "Haaretz" vor dem Hamas-Angriff 2023 von den Vereinigten Arabischen Emiraten gewarnt worden sein. Sein Büro weist den Bericht zurück.
08.09.2026 | 0:31 minIm Konflikt mit Iran steht die emiratische Führung jedenfalls fest an der Seite Israels, das zum Dank hochmoderne Raketenabwehrsysteme an Abu Dhabi geliefert hat zum Schutz gegen Teherans Angriffe. Eindruck machte auf den Westen auch, dass die Emirate im Mai aus dem Ölkartell OPEC ausgetreten sind. Darin sieht man den Willen der VAE zu einer neuen Regionalordnung und strategischer Eigenständigkeit.
Realpolitik versus Moralpolitik
Merz und Steinmeier loben die VAE als "Anker der Stabilität". Das ist Realpolitik. Deren Gegenteil wird Moralpolitik genannt, welche Menschenrechtsorganisationen und etliche aus der Opposition anmahnen bei diesem Staatsbesuch. Dem Scheich wird vorgeworfen, im verheerenden Bürgerkrieg im Sudan die brutale RSF-Miliz logistisch und finanziell zu stützen, um sich den Zugriff auf wertvolle Rohstoffe wie Gold zu sichern. Für die Bundesregierung ist das kein Hindernis, um auch Geschäfte zu ermöglichen für die hiesige Verteidigungs- und Rüstungsindustrie.
Über Menschenrechte spreche er, hatte Merz nach seinem ersten Kennenlernen mit MBZ gesagt. Aber hinter verschlossenen Türen. Unwahrscheinlich, dass dieses Thema beim feierlichen Staatsbankett auf den Tisch kommt. Fragen werden Journalisten den angesagten Scheich nicht können. Denn er gibt weder daheim noch hier Pressekonferenzen.
Wulf Schmiese ist stellvertretender Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlin.
Zwei Monate nach Beginn des Kriegs der USA und Israels gegen Iran kündigen die Vereinigten Arabischen Emirate ihren Austritt aus der Ölallianz OPEC an. Zuletzt verließ Katar 2019 das Bündnis.
28.04.2026 | 0:29 minLassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen.
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