Milliarden für Waffen Made in USA:US-Rüstungsdeals: Teure Knebelverträge für die Bundeswehr
von Christian Schweppe, Joachim Bartz und Nils Metzger
Deutschland kauft neue Kampfjets in den USA. Sie werden dringend benötigt. Die vertraulichen Kaufverträge zeigen: Deutschland liefert sich noch mehr der Trump-Administration aus.
Deutschland und Europa sollen deutlich mehr für ihre eigene Verteidigungsfähigkeit tun und sicherheitspolitisch unabhängiger von den USA werden, fordert die Bundesregierung.
22.09.2026 | 8:36 minEs ist eines der teuersten Rüstungsprojekte der Bundeswehr - und es macht Deutschland noch abhängiger von den außenpolitischen Launen der US-Regierung unter Donald Trump und seinen Nachfolgern. Vergangenen Freitag nahm Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) auf Besuch in den USA stolz den ersten F-35-Kampfjets für die Bundeswehr entgegen.
Doch die vertraulichen Verträge für den Megadeal, die ZDF frontal und die "Zeit" auswerten konnten, zeigen: In den Dokumenten schlummern Regelungen, die den USA auch in Zukunft weitreichende Rechte mit Blick auf die deutschen Kampfflugzeuge einräumen.
Die US-Regierung bestimmt die Vertragsbedingungen
Rund zehn Milliarden Euro kostet Deutschland die Anschaffung der ersten 35 der Tarnkappenjets. Die Lieferung soll bis 2029 abgeschlossen sein. Rund vier Milliarden Dollar hat Deutschland bereits in Vorkasse gezahlt - mit einer vollen Einsatzbereitschaft der Jets rechnet das Verteidigungsministerium (BMVg) aber erst 2032.
Geschlossen hat die Bundesregierung den Vertrag dabei nicht mit dem Hersteller Lockheed Martin, sondern direkt mit der US-Regierung. Es ist ein sogenannter "Foreign Military Sale" (FMS) - ein besonderes Kaufverfahren, bei dem die US-Regierung als Gegenüber auftritt. Schnellere Verfügbarkeit und günstigere Preise erhofft sich davon das deutsche Verteidigungsministerium.
Im Zuge seines USA-Besuchs nimmt Verteidigungsminister Pistorius den ersten bestellten F-35 Jet in Empfang - weitere 34 sollen folgen. Es gibt jedoch auch Kritik.
18.09.2026 | 2:51 minPraktisch hat das FMS-Verfahren aber auch zur Folge, dass die US-Seite den Deutschen die Vertragsbedingungen weitgehend diktieren kann. In einem Schreiben an den Haushaltsausschuss des Bundestags teilt das Verteidigungsministerium mit:
Die Vertragsbedingungen werden US-seitig vorgegeben und sind nicht verhandelbar.
BMVg-Schreiben an den Haushaltsausschuss
Die Verträge sehen vor, dass Deutschland für alle eventuellen Preissteigerungen der noch im Bau befindlichen Flugzeuge aufzukommen hat. Auch Verzögerungen müsse man hinnehmen. Gewährleistung wird pauschal ausgeschlossen. Und Deutschland unterschrieb auch, dass man bei Vertragsstreitigkeiten keine Gerichte anrufen dürfe. Besonders brisant: die US-Regierung kann die Lieferung oder anschließende Wartung jederzeit stoppen. In den Unterlagen heißt es:
Die US-Regierung behält sich das Recht vor, im Falle von ungewöhnlichen und zwingenden Umständen, wenn es das nationale Interesse der USA verlangt, zu jedem Zeitpunkt die Leistungserbringung ganz oder zum Teil zu kündigen oder auszusetzen.
F-35-Kaufvertrag
Das BMVg teilte ZDF frontal mit, dass ein solcher "Liefervorbehalt zur Wahrung nationaler Interessen" den Gepflogenheiten entspreche. Die Zusammenarbeit mit der US-Regierung sei "seit Jahrzehnten vertrauensvoll und lösungsorientiert", so das Ministerium. Von unvorteilhaften Bedingungen könne nicht gesprochen werden.
Die Dutzenden internen Unterlagen, darunter Regierungspapiere und Haushaltsvermerke, die ZDF frontal und "Zeit" vorliegen, zeigen etwas anderes.
Europa möchte sich rüstungspolitisch unabhängiger von den USA machen. Doch die F-35-Bestellung ist nicht das einzige aktuelle Beschaffungsprojekt, bei dem das Bundesverteidigungsministerium auf das FMS-Rechtskonstrukt der US-Regierung zurückgreift.
Wegen ihrer militärischen Brisanz sind die Vertragsdokumente als Verschlusssache eingestuft. Zum Kostenumfang will das BMVg keine präzisen Angaben machen, nannte auf Nachfrage ein Gesamtvolumen von "über 20 Milliarden Euro".
Doch Recherchen von ZDF frontal und "Zeit" zeigen, dass die Kosten für die Steuerzahler deutlich höher liegen dürften - rund 30 besonders umfangreiche FMS-Verträge wurden mit der Trump-Administration geschlossen. Seit 2022 waren es sogar 106 verschiedene FMS-Geschäfte im Wert von rund 30 Milliarden Euro, die Deutschland eingegangen ist – Wartung oder Betriebskosten nicht eingerechnet. US-Angaben sehen sogar Höchstgrenzen von mehr als 40 Milliarden US-Dollar vor, die man für die deutschen Projekte veranschlagt hat.
Neben den F-35 waren darunter etwa die Modernisierung von Patriot-Flugabwehrsystemen oder die Beschaffung des Schweren Transporthubschraubers CH-47. Bei letzterem lagen die Kosten am Ende Hunderte Millionen Euro über dem, was anfangs vorgesehen war.
Für die kommenden Monate sind bis zu 20 weitere FMS-Projekte vom Verteidigungsministerium vorgesehen, zeigt eine interne Planungsliste, die ZDF frontal vorliegt. Gekauft werden sollen: Neue US-Kampfboote, US-Funkgeräte, Gleitbomben für die F-35 und weitere Lenkflugkörper. Außerdem US-GPS-Empfänger und US-Torpedos für die Marine.
Bundesverteidigungsminister Pistorius nimmt in den USA den ersten F-35-Tarnkappenjet für Deutschland entgegen. Pistorius spricht von einer neuen Ära für die Luftwaffe, doch es gibt auch Kritik.
18.09.2026 | 1:29 minSoftware-Risiko: Können die USA F-35 nachträglich abschalten?
Auch nach der Auslieferung der Maschinen sind die USA dauerhaft in den Betrieb der F-35-Flugzeuge eingebunden. Wartung und Ersatzteillieferung geht nur gemeinsam mit US-Stellen, dieses Logistikpaket ist vertraglich auf zunächst fünf Jahre begrenzt. Deutschland habe "keinen rechtlichen Anspruch auf eigenverantwortliche Durchführung" von Unterstützungleistungen, wie es in einem internen Rüstungsbericht des Verteidigungsministeriums heißt. Und: Für Kampfeinsätze zwingend nötig ist eine komplexe Cloud-Software - auf die die Bundeswehr nur eingeschränkt Zugriff hat:
Deutschland, als Exportkunde, hat keinen vollständigen Zugriff auf Softwarecodes.
Bundesverteidigungsministerium
Vorwürfe eines sogenannten "Killswitch" bei den F-35, mit dem die USA vereinfacht gesagt die Jets ausländischer Nationen ausschalten könnten, weist das Ministerium dennoch zurück. "Die deutschen F-35A können entsprechend dem Einsatzkonzept der Luftwaffe eigenständig betrieben werden." Ob das heißt, dass die Bundeswehr auch volle Kampfmissionen fliegen könnte, wenn die US-Regierung das nicht wollen sollte, bleibt offen.
Deutschland ordert 35 F-35-Jets in den USA. Dabei gehe es auch "um die Beziehung zu den USA", sagt ZDF-Korrespondent Mathis Feldhoff.
18.09.2026 | 3:30 minDenn würde eine US-Administration die Deutschen von Softwareupdates abschneiden, was die Verträge explizit erlauben, könnten die Flugzeuge womöglich ihre fortschrittlichen Fähigkeiten einbüßen. Das Ministerium gesteht auf Nachfrage von ZDF frontal ein: "Ein langfristiger Betrieb und der Einsatz ohne Anbindung an das programmeigene Netzwerk können jedoch eine optimale und prognostische Unterstützung des Waffensystems einschränken."
Für den Sicherheitsexperten Nico Lange birgt das F-35-Projekt deshalb Risiken: "Wenn die Amerikaner die deutschen F-35 nicht mehr unterstützen, dann fliegen sie nicht. Das bedeutet das. Das ist jetzt in viel Worte verpackt worden, aber das ist das, was dahintersteckt."
„Wir wollen nicht unabhängig werden, wir wollen unabhängiger werden“, so der Verteidigungsminister in Bezug auf den Kauf von 35 US-amerikanischen F-35-Kampfjets.
18.09.2026 | 6:09 minMinister Pistorius vertraut weiter der US-Administration
Bei der F-35-Übergabe in Texas konfrontieren ZDF frontal und "Zeit" Verteidigungsminister Pistorius mit diesen Vorbehalten. "Niemand ist frei von Abhängigkeiten der jeweils anderen Seite gegenüber. Das liegt in der Natur der Sache", entgegnet Pistorius. "Wenn wir nicht vertrauen können, wenn wir nicht sagen können, dass das die Zukunft unserer Kooperation ist (…) dann können wir es auch lassen."
Ich vertraue der amerikanischen Administration.
Boris Pistorius, Bundesverteidigungsminister
Doch genau hier sieht die deutsch-amerikanische Politikwissenschaftlerin Cathryn Clüver Ashbrook Grund zur Sorge: die Vertrauensbasis, die solchen FMS-Rüstungsdeals zugrunde liege, sei erodiert. "Hier wird Auge um Auge verhandelt", beschreibt sie das Agieren der Trump-Administration. Verbündete würden wie Vasallen behandelt.
Donald Trump ist in keinem Fall ein verlässlicher Geschäftspartner.
Cathryn Clüver Ashbrook, Politikwissenschaftlerin
Julianne Smith, US-Botschafterin bei der Nato unter Präsident Joe Biden, sagt ZDF frontal und "Zeit" in Washington: "Die Beziehung Deutschlands zu den USA bleibt schwierig. Sie ist weiter abhängig von der Tagesform und daher unvorhersehbar." Zweifel an der Zuverlässigkeit seien durch das erratische Verhalten der Trump-Regierung selbst verschuldet.
Neue Kampfjets hat die Bundeswehr dringend nötig, um ihre museumsreifen Flotte an Tornado-Bombern zu ersetzen. Eingeführt wurden sie noch während des Kalten Krieges. Wegen fehlender Ersatzteile und wachsendem technischem Rückstand können sie kaum mehr weiterbetrieben werden.
Befragte Experten erkennen an, dass die F-35-Flugzeuge aktuellen europäischen Modellen, etwa der französischen Rafale oder dem schwedischen Gripen, technisch voraus sind. Zudem dürfen diese nicht mit den am Standort Büchel stationierten US-Atombomben bestückt werden. Da Deutschland weiterhin auf diese sogenannte "nukleare Teilhabe" setzt, blieben nur die F-35 als politisch gewollte, marktverfügbare Option.
Europäische Eigenentwicklungen, etwa in Form des FCAS-Projektes, das einen gemeinsamen Kampfjet der nächsten Generation vorgesehen hatte, waren zuletzt gescheitert.
Es ginge um die Zeit nach dem Modell F-35, so Siemtje Möller, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD. Deutschland solle weiterhin "mit anderen europäischen Ländern gemeinsam ein Projekt entwickeln".
10.06.2026 | 5:03 minHaushaltspolitiker: "Manchmal verliert man"
Beschlossen hat den F-35-Kauf auch der Bundestag. Die zuständigen Haushaltspolitiker der schwarz-roten Koalition sind sich der kritischen Punkte des Deals bewusst - sehen aber keine Alternative. Der SPD-Abgeordnete Andreas Schwarz, Berichterstatter für den Verteidigungshaushalt, sagt ZDF frontal:
Im Leben ist es so, manchmal gewinnt man, manchmal verliert man.
Andreas Schwarz, SPD-Haushaltspolitiker
Schwarz weiter: "Es kommt auch immer darauf an, bei Vertragsverhandlungen, welche Position habe ich, welche Verhandlungsstärke habe ich. Und in dem Fall war es richtig, den Vertrag zu unterschreiben."
Sein Haushaltskollege Sebastian Schäfer (Grüne) betont: "Unsere Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten bleibt weiter groß. Umso wichtiger ist es, dass wir europäisch kooperieren." Ansonsten werde die US-Regierung weiterhin Konditionen diktieren.
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