Nach Angriff auf Zugbegleiter:Experte: Sorge vor Gewalt für Bahnpersonal "leider Alltag"
In Rheinland-Pfalz starb ein Zugbegleiter nach einer eskalierten Fahrscheinkontrolle. Warum der Job für das Bahnpersonal gefährlicher wird, erklärt Psychologieprofessor Rees.
Beleidigungen, Bedrohungen und körperliche Angriffe seien für viele Bahnmitarbeiter Alltag, berichtet Gewaltforscher Jonas Rees. Gerade bei Ticketkontrollen komme es zu Gewaltsituationen.
04.02.2026 | 25:06 minNach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz am Montag stehen die Menschen noch unter Schock. Fahrgäste beteiligten sich am Bahnsteig in Landstuhl am Mittwochnachmittag an einer bundesweiten Schweigeminute für den 36-jährigen Serkan C., legten weiße Rosen nieder und zündeten Kerzen an. Zugleich wurden Forderungen nach Konsequenzen und einem besseren Schutz von Zugpersonal laut.
Die Tat mache "fassungslos", sagte Jonas Rees, Professor für Politische Psychologie an der Universität Bielefeld, bei ZDFheute live. Dennoch:
Für viele Bahnmitarbeitende ist es leider Alltag, dass sie Sorge haben müssen, Opfer von gewalttätigen Übergriffen zu werden.
Jonas Rees, Professor für Politische Psychologie
Die Statistik zeigt: Allein im vergangenen Jahr wurden 2.987 Bahnmitarbeiterinnen und -mitarbeiter Opfer von Straftaten. Im Durchschnitt wurden laut Bundesinnenministerium pro Tag fünf Beschäftigte körperlich angegriffen und vier bedroht.
Eskalierende Situationen nicht so banal wie gedacht
Obwohl solche Zahlen zu Gewalttaten grundsätzlich schwer vergleichbar seien und von einer hohen Dunkelziffer auszugehen sei, scheine es, "dass wir einen Anstieg an Gewalt generell in der Gesellschaft sehen", sagte Rees. "Ich glaube, bei uns allen ist die berühmte Zündschnur in den letzten Jahren kürzer geworden."
Einen Grund dafür sieht der Psychologieprofessor in dem "dauergestressten Krisenmodus", in dem wir uns befinden. Das sei keine Entschuldigung, aber eine mögliche Erklärung für den Anstieg an Gewalttaten, den er in den letzten Jahren beobachte, so Rees.
Der Täter soll ein 26‑jähriger Grieche ohne Wohnsitz in Deutschland sein, berichtet ZDF‑Reporter Christopher Heinze.
04.02.2026 | 3:53 minDabei eskalierten oft Konflikte wie Fahrscheinkontrollen, die nur auf den ersten Blick banal erscheinen würden. Tatsächlich seien sie für die Fahrgäste oft mit Frustration verbunden, erklärte Rees:
Und wenn wir eins aus der Gewaltforschung relativ zuverlässig wissen, dann, dass Frustration mit Aggression assoziiert ist.
Jonas Rees, Professor für Politische Psychologie
Menschen, die im öffentlichen Dienst arbeiteten, wie Zugbegleiter, aber beispielsweise auch Polizeibeamte oder Rettungskräfte, würden schon qua ihres Amtes Frustration herbeiführen und seien daher besonders gefährdet. Das Risiko steige zusätzlich, wenn Alkohol im Spiel sei, etwa vor und nach Fußballspielen.
Uniform "senkt die Hemmschwelle"
Psychologisch spiele auch die Uniformierung eine Rolle, so Rees. Eine Uniform "senkt die Hemmschwelle, das Gegenüber als Individuum wahrzunehmen und psychologisch kann es dann passieren, dass solche Menschen stellvertretend für die Institution angegriffen werden, für die sie gerade stehen".
Ein 36-jähriger Zugbegleiter ist nach einem Angriff bei einer Fahrkartenkontrolle gestorben. Bahnchefin Evelyn Palla spricht von einem schwarzen Tag für alle Mitarbeiter.
04.02.2026 | 1:47 minDie Polizei etwa stehe stellvertretend für den Staat, der Zugbegleiter für die Deutsche Bahn, die mit Verspätungen oder maroder Infrastruktur Schlagzeilen mache. "Auch da ist viel Frust, den Bahnmitarbeitende systematisch abkriegen."
Über die konkrete Motivation im Fall des getöteten Serkan C. wolle er jedoch nicht spekulieren, betonte Rees. Seine Einschätzung beziehe sich allgemein auf Daten aus der Forschung.
Wie lassen sich Bahnmitarbeiter besser schützen?
Was jedoch kann helfen, solche Gewalttaten in Zukunft zu verhindern? Nötig seien mehrere Ansätze auf einmal, betonte Rees:
Wir haben es bei Gewalt mit einem sehr komplexen Phänomen zu tun und es wird nicht die eine Lösung geben - leider.
Jonas Rees, Professor für Politische Psychologie
Forderungen wie von Pro Bahn, die einzelnen Mitarbeiter mit Bodycams aufzurüsten, seien ein nachvollziehbarer Impuls. Die Forschung zeige jedoch, dass Videoüberwachung zwar den Ermittlern bei der Suche nach Tätern helfen könne, nicht aber impulsive, emotionale Straftaten verhinderten, wie es bei Angriffen auf Bahnpersonal meist der Fall sei. Eine Bodycam könne außerdem provozierend wirken.
Nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter fordern Politik und Bahngewerkschaft mehr Schutz für Bahnbedienstete. Züge und Bahnhöfe müssten sicher sein, so Verkehrsminister Schnieder.
04.02.2026 | 0:28 minAuch mehr Notrufsäulen änderten nichts daran, dass sich gefährdete Zugbegleiter der Situation zumindest bis zum nächsten Bahnhof nicht entziehen könnten. Helfen könnten abschließbare Rückzugsräume in den Zügen, um sich vorübergehend in Sicherheit zu bringen. Mehr Personal könne zusätzlich entlasten.
Experte fordert mehr Entscheidungsfreiheit
Rees sprach sich zudem für mehr Entscheidungsfreiheit aus: "Das heißt, es ins Ermessen der Bahnmitarbeitenden zu stellen, ob sie vielleicht auch eine Fahrkartenkontrolle unterlassen und sich selbst schützen." Schließlich habe auch bei Polizeibeamten die eigene Sicherheit oberste Priorität.
Höhere Strafen für Täter hingegen seien keine Lösung: Da sei die Forschung "leider relativ eindeutig", dass sich impulsive Gewalt auf diese Weise nicht verhindern lasse, weil die Täter in solchen Situationen meist gar nicht über die Konsequenzen nachdenken würden.
Das Interview führte ZDFheute live-Moderatorin Jessica Zahedi. Autorin der Zusammenfassung ist Anja Engelke.
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