Streit ums Hermannsdenkmal: AfD macht Kampagne mit Windrad-Kritik

Faktencheck

Windpark nahe dem Hermannsdenkmal:AfD nutzt Windkraft-Kritik für nationalistische Kampagne

Autorenfoto Nils Metzger

von Nils Metzger

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Die AfD warnt vor einer Zerstörung des Hermannsdenkmals durch Windräder. Doch die Darstellungen sind übertrieben und instrumentalisieren legitime Kritik am Wind-Projekt.

Blick auf das Hermannsdenkmal, Deutschlands größte Statue, in den Höhen des Teutoburger Waldes. (Archiv)

Deutschlands größte Statue: Das Hermannsdenkmal bei Detmold steht im Zentrum einer Anti-Windkraft-Kampagne der AfD. (Archivbild)

Quelle: dpa

Überall in Deutschland entstehen neue Windparks, 958 neue Windräder wurden allein im vergangenen Jahr an Land installiert. Auch in einem Waldstück im Kreis Lippe nahe Detmold werden gerade sechs neue Windräder gebaut.

Was vielerorts auch zum Windkraft-Ausbau gehört, ist Kritik von Anwohnern und Bürgerinitiativen. Doch in diesem Fall melden sich auch AfD-Bundespolitiker und der AfD nahestehende Medien zu Wort. Für sie geht es um nicht weniger als "die Zerstörung unseres kulturellen Erbes".

07.05.2026, Berlin: Viktoria Xalter (M), Präsidentin des Verwaltungsgerichts, kommt zusammen mit den beiden Richtern am Verwaltungsgericht, David Rabenschlag (2.v.l) und Benjamin Schneider (2.v.r), in den Gerichtssaal.

Das Berliner Verwaltungsgericht verhandelt über eine Rückzahlungsforderung der AfD – 2,3 Millionen musste die Partei wegen des Vorwurfs einer illegalen Spende an den Bundestag zahlen.

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Warum ist das Windkraft-Projekt im Fokus der AfD?

Hintergrund der Aufregung: Mehr als fünf Kilometer entfernt vom geplanten neuen Windpark Geuseköte steht das bekannte Hermannsdenkmal.

"Unser Hermannsdenkmal ist in großer Gefahr: Das Establishment plant einen Mega-Windpark im Teutoburger Wald", schreibt der AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich auf seiner Facebook-Seite Mitte April. Für das Wochenende ruft die Partei zu einer Demonstration gegen die "Verzwergung des Denkmals" in Detmold auf.

Der AfD-nahe "Deutschland Kurier" titelt "Stoppt die Kulturschänder!" und veröffentlichte mehrere KI-Bilder, die das Denkmal in einer gerodeten Mondlandschaft oder umringt von Dutzenden Windrädern zeigen. "Egal, was sie heute anrichten, wir holen uns alles zurück!", heißt es dazu in einem Post des "Deutschland Kuriers". In mehreren großen Onlineforen von Windkraft-Gegnern werden die Posts geteilt.

Ki Bild Deutschlandkurier

Ein KI-Bild des AfD-nahen "Deutschland Kuriers" warnt mit einer übertriebenen Darstellung vor einer Zerstörung des Denkmals.


Vereinnahmung des Hermannsdenkmals durch rechte Gruppen

Der über 53 Meter hohe Koloss erinnert an den militärischen Erfolg germanischer Stämme gegen die Römer im Teutoburger Wald und wurde bis 1875 als ein Symbol des jungen deutschen Nationalstaats vor allem gegen Frankreich errichtet. Seit je wird es auch als rechtes Propagandamotiv genutzt, betont der Historiker Matthias Frese vom Institut für westfälische Regionalgeschichte. "Neben Ausflugsgästen nutzen auch rechtsextreme, rechtskonservative und nationalistische Gruppen, etwa Burschenschaften, das Denkmal und sein Umfeld für politische Veranstaltungen."

Das Denkmal sei im 19. Jahrhundert aus politischen Gründen "in die Landschaft gesetzt worden". "Der Bezug zu einem angenommenen historischen Schlachtenort ist in der Wissenschaft längst korrigiert und in die politische Propaganda eingeordnet worden", so Frese.

Die Windräder in einem Windpark westlich von Halle ragen aus dem Morgennebel hervor.

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Warum keine "Zerstörung" des Denkmals droht

Doch die AfD-Schreckensszenarien übertreiben die tatsächlichen Auswirkungen des künftigen Windparks.

Anders als auf den KI-Bildern dargestellt, werden die Windräder über fünf Kilometer entfernt von der Statue gebaut. Auf den Betrieb des Denkmal-Areals hat das Bauprojekt keinerlei direkte Auswirkungen. Die Zukunft des Denkmals ist nicht gefährdet. Experte Frese verweist etwa auf ein 2024 neu eröffnetes Besucherzentrum.

Zur befürchteten "Verzwergung" ist als Kontext wichtig, dass in nur etwas mehr als einem Kilometer Entfernung zum Hermannsdenkmal seit 1970 ein Funkmast mit rund 290 Metern Höhe steht. Die Windräder sind mit einer Bauhöhe von 246,6 Metern bis zur Flügelspitze geplant. Schon jetzt gibt es direkt vor Ort also ein höheres Bauobjekt.

Detmold, Hermannsdenkmal

Luftaufnahmen der Region um das Hermannsdenkmal. Eingezeichnet ist auch die Entfernung zum geplanten Windpark.

Quelle: Google Earth, ZDF

Wenige Kilometer weiter südlich am Übergang des Teutoburger Walds zum Eggegebirge stehen bereits eine ganze Reihe von Windrädern. In ähnlicher Entfernung zum Denkmal liegen auch seit Jahrzehnten großflächige Übungsgelände der Bundeswehr. Der Bau ist also nicht der erste Eingriff in eine anderweitig unberührte Naturlandschaft.

Größtes Windrad in der Lausitz im Bau.

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Was sagen offizielle Stellen zum Bauvorhaben?

Direkt am Denkmal gelegen ist die Stadt Detmold. Ein Sprecher der Stadt teilte ZDFheute mit: "Sorgen um die Zukunft des Denkmals, das zu den beliebtesten Ausflugszielen in Deutschland gehört, gibt es in der Wahrnehmung der Stadtverwaltung Detmold nicht."

Aus unserer Perspektive droht daher keine Gefährdung des Denkmals.

Sprecher der Stadt Detmold

Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens für die Windräder hatte auch die zuständige Denkmalpflege des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) eine Einschätzung abgegeben. "Die Prüfung ist erfolgt und hat ergeben, dass nach Auffassung der LWL-Denkmalpflege keine Belange (…) entgegenstehen. Eine mehr als unerhebliche Beeinträchtigung (…) ist im Hinblick auf die uns übermittelten Unterlagen nicht erkennbar", schreibt die Behörde. Der Ausbau der erneuerbaren Energien gelte als "überragendes öffentliches Interesse".

Entwarnung kommt auch von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz:

Die Substanz des Hermannsdenkmals ist durch die Windräder nicht gefährdet.

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Die zentrale Rolle des Denkmals sei, als "Stein des Anstoßes" zu funktionieren, um Debatten über die deutsche Einheitsbewegung oder die wandelnde Bedeutung der Nation zu führen. Daran werde sich nichts ändern, so die Stiftung. Der Partei wirft sie eine "erschreckend selektive Wahrnehmung von Geschichte und Kultur" vor, so eine Sprecherin. "Wissenschaftliche Kriterien werden von der AfD durchweg ignoriert."

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Warum ist das Windrad-Vorhaben vor Ort dennoch umstritten?

Was der AfD vor Ort beim Verbreiten reaktionärer Geschichtsdeutungen hilft, ist, dass das Windrad-Projekt in der Region umstritten ist. Es gibt entschiedene Gegner wie Befürworter. Dabei geht es weniger um das Denkmal, sondern eine lokale Greifvogelwarte und den Weg der Genehmigung des Bauvorhabens.

Nach dem aktuellen Raumordnungsplan der Bezirksregierung Detmold dürften an der geplanten Stelle aus Naturschutzgründen keine Windräder gebaut werden, wie der Kreis Lippe auf seiner Webseite schreibt. Doch dieser Plan trat erst in Kraft, als der Bauantrag schon eingereicht war.

Zur Genehmigung sei der Kreis Lippe nach eigener Darstellung juristisch gezwungen gewesen, um nicht Schadensersatz in zweistelliger Millionenhöhe an den Betreiber zahlen zu müssen. Gegen die 2025 erfolgte Genehmigung des Bauvorhabens klagt nun die Naturschutzorganisation BUND NRW.

Ein Mann pflanzt einen Baum ein.

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AfD instrumentalisiert den "Deutschen Wald"

"Wir distanzieren uns ausdrücklich und in aller Deutlichkeit von den Anti-Windkraft-Kampagnen der AfD", so der BUND gegenüber dem "Westfälischen Anzeiger". Dennoch versucht die AfD, die Kritik am Windpark für sich zu instrumentalisieren.

"Nur die AfD setzt sich für den Erhalt unserer Kulturlandschaft ein", schreibt der innerhalb der AfD als Rechtsaußen bekannte Helferich auf Facebook. "Wir leisten Widerstand gegen die Zerstörung unserer Kultur und unseres kulturellen Erbes." Diese Betonung folgt einem Muster: "Der sogenannte 'Deutsche Wald' ist ein immer wieder verwendetes Schlagwort nationalkonservativer Kulturpolitik", merkt Historiker Frese an.

Dabei ist der Teutoburger Wald wie andere Regionen auch vom Klimawandel und einhergehendem Borkenkäferfraß betroffen. "Die Fichten sind alle gestorben, deswegen sieht es jetzt so aus, wie es aussieht, wir haben keinen geschlossenen Fichtenbestand mehr", sagte Förster Dieter Wortmeier dem WDR im März. Seit Jahren versucht die Region gegenzusteuern, etwa durch die Anpflanzung von resistenteren Baumarten aus dem Mittelmeerraum.

Fazit: Die AfD-Kampagne zeichnet ein übertriebenes und gleichzeitig selektives Bild des vor Ort umstrittenen Windkraftprojektes. Das Hermannsdenkmal ist nach Einschätzung von Behörden und Experten nicht gefährdet. Dass die Partei es dennoch ins Zentrum ihrer Kampagne rückt, reiht sich ein in eine lange Tradition nationalistischer Vereinnahmung des Denkmals.

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