Krankenhaus auf Theaterbühne:Zwischen Tränen und Cholerikern: Was Klinikpersonal erlebt
von Thomas Bärsch
Die Dresdner Bürgerbühne öffnet sich Mitarbeitenden des Gesundheitswesens. Was die elf Darsteller aus der Praxis preisgeben, ist skurril, haarsträubend, skandalös - und berührend.
Das Staatsschauspiel Dresden hatte für die Produktion "Kritischer Zustand“ Kliniken angeschrieben. Elf Laiendarsteller spielen nun ihre Erlebnisse aus dem Klinik-Alltag nach.
26.01.2026 | 2:59 minEs soll nicht das erste Mal sein, das dem Publikum an diesem Abend der Atem stockt. "Ich war bei diesem Patienten, der beatmet wurde", erzählt Anni, "der hat sich vor den blonden Schwestern ständig einen runtergeholt."
Anni arbeitet als Krankenschwester. Sie habe sich damals verzweifelt auch an Vorgesetzte gewendet, die hätten den Vorfall aber ignoriert. "Einmal aber", erzählt Anni dann weiter, "ist der Patient bei so einer Selbstbefriedigungsaktion nach hinten umgefallen und ein Atemschlauch ist abgerissen. Da hatte ich mich schon ertappt, wie ich ganz böse Gedanken hatte." Es ist totenstill im kleinen Saal der Dresdner Bürgerbühne, als Anni diesen Einblick in ihre Seele gewährt.
Auf der Bühne: Echte Erlebnisse aus Krankenhäusern
Das Staatsschauspiel Dresden hatte für die Bürgerbühnenproduktion "Kritischer Zustand" Kliniken in Dresden und Umland angeschrieben. Aus Geschichten und Interviews mit 90 Interessierten entstand das Manuskript - das nun elf Laiendarstellerinnen und - darsteller, die eigentlich in Kliniken arbeiten, mit Leben füllen.
Immer wieder wird Krankenhaus-Personal von Patienten und Angehörigen attackiert - sei es verbal oder körperlich. Umfrage zufolge sind 80 Prozent der Krankenhäuser betroffen.
23.11.2025 | 2:50 minWas die elf auf der Bühne zu sagen haben, das erfüllt alle denkbaren Klischees. Es geht um Ohnmachtsgefühle, göttergleiche Chefärzte, Hierarchien, bürokratischen Blödsinn, fehlende Wertschätzung oder um Chirurgen, bei deren OPs auch schonmal die Instrumente durch den Raum flögen.
Choleriker im OP-Saal
"Du hast manchmal Choleriker", berichtet Tina, Ärztin in Weiterbildung, "Die brauchen es, dass ab und zu mal eine weint. Ich habe einmal stundenlang während einer OP mit dem Wundhaken den Bauch aufgehalten. Wenn du dich nur ein bisschen bewegt hast, wurde auf die Finger draufgeschlagen."
Fälle, in denen Ärzte nach Zulassungsentzug weiterarbeiten, hat unter anderem Anne Herzlieb aus der ZDF-Frontal-Redaktion aufgedeckt. Sie erklärt, wie es nun weitergeht.
09.01.2026 | 5:07 min"Anschreien habe ich auch schon erlebt.", stimmt Benjamin, Pflegefachkraft, zu:
Dann geht man auf die Toilette, weint, und dann geht’s wieder.
Benjamin, Pfleger
Dresdner Theater zeigt Protagonisten, die ihre Arbeit lieben
Die Aufführung, die am Ende tosenden Applaus ernten soll, kommt aber nicht als Anklage-Marathon oder als düstere Jammer-Orgie daher. Im Gegenteil; das Theater zeigt sich als Variete-Show mit Protagonisten, die ihren Job enthusiastisch und bis zur Selbstaufgabe lieben.
Die Situation vieler Krankenhäuser ist seit Jahren alarmierend. Die neue Gesundheitsministerin will Teile der Krankenhausreform der Vorgängerregierung zurückdrehen.
08.09.2025 | 1:39 minDabei setzt die Bühne bunte Kontraste. Wenn Fabian, Arzt in Dresden, etwa mit Zylinder und Glitzerfrack in Entertainer-Manier die wöchentliche Visite im Krankenhaus beschreibt. Hier geht es nicht nur um den Heilungsfortschritt. Hier werden die Patienten in den Listen je nach Liegedauer mit farbigen Markern versehen. "Grün ist im Profitbereich. Gelb ist Plus/Minus Null. Aber Rot - da gibt’s keinen Profit mehr, der Patient muss nach Hause."
Geschichten aus dem Klinikalltag: Verfremdet und anonymisiert
Um Ärger aus den Chefetagen zu vermeiden, hat das Regieteam alle Geschichten auf der Bühne verfremdet und anonymisiert. Jonas Egloff und Emely Magorrian erleben die Arbeit mit den Laien trotzdem als authentisch. "Ich liebe Verletzlichkeit auf der Bühne. Das ist so eine wichtige Stärke von Laien", gibt sich Magorrian überzeugt. "Und gehört zu werden ist so wichtig in dieser Gesellschaft!"
So bleibt auf der Bühne auch Raum für die vielen Grenzsituationen im Alltag. Da ist zum Beispiel Marlen, die als Fachkrankenschwester in der Psychiatrie arbeitet. Sie berichtet von einer Mutter am Telefon, die verzweifelt darum bat, ihren suizidgefährdeten Partner nicht zu entlassen. Das Jugendamt hatte angeordnet, dass er seinen Wohnungsschlüssel abgeben müsse, weil er für seine Kinder eine Gefahr darstelle. "Wenn ich das aber mache und ihm seinen Schlüssel wegnehme", sagt die Mutter zur Schwester am Telefon, "dann bringt er sich um."
Kritik am Gesundheitssystem, nicht am Personal
Das Stück sendet Botschaften an die Politik, aber auch ans Publikum. Viele werden sich früher oder später als Patienten in Krankenhäusern wiederfinden. Dann müssen sie sich einem System mit Fehlern anvertrauen - und Ärzten und Ärztinnen und Pflegekräften, die diese Fehler täglich ausbügeln.
"Ja, das Gesundheitssystem ist in einem kritischen Zustand", resümiert Benjamin, die Fachpflegekraft, "aber die Leute, die unser Gesundheitssystem am Laufen halten, das sind die richtigen." Auch das wurde auf der Bürgerbühne in Dresden mehr als deutlich.
Thomas Bärsch berichtet aus dem ZDF-Studio in Dresden.
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