Michael Roth über die Lage der SPD:"Das macht mich wahnsinnig"
Michael Roth saß jahrelang für die SPD im Bundestag – zuletzt war er Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Heute macht er sich Sorgen um die Zukunft seiner Partei.
Der ehemalige SPD-Spitzenpolitiker Michael Roth macht sich Sorgen um seine Partei. Sehen Sie hier das Interview in voller Länge.
29.03.2026 | 13:14 minSeit über einem Jahr ist Michael Roth raus aus dem Bundestag - raus aus der aktiven Politik. Vor wenigen Jahren wollte er noch SPD-Vorsitzender werden, heute übt er Kritik an seiner Partei. Die AfD habe man zu lange als Unions-Problem angesehen, so Roth im Interview mit ZDFheute.
Enttäuschende Wahlergebnisse setzen die SPD-Parteispitze stark unter Druck. In Berlin kommen sie mit Genossen aus Ländern und Kommunen zur Krisensitzung zusammen.
27.03.2026 | 1:32 minZDFheute: Momentan sind die Zeiten total wild. Weltweit wissen wir gar nicht mehr, wo wir sind. Jetzt kommen auch noch Probleme mit der Energie dazu. Die Arbeitsplätze sind wieder in Gefahr. Das müsste doch aber eigentlich gefundenes Fressen für die SPD sein. Was ist da mit der Kümmerer-Partei SPD geworden?
Roth: Sie muss sich gar nicht kümmern, das hat sowas Obrigkeitshöriges, also wir müssen die Dinge für die Menschen erleben. Die Menschen sind gestresst, die Menschen sind genervt und sie brauchen Orientierung und Führung und da mangelt es eben auch.
Ein Maßnahmenpaket gegen die hohen Spritpreise, die SPD in der Krise, CDU und AfD gleichauf: das sind die Themen im aktuellen Politbarometer.
27.03.2026 | 1:49 minZDFheute: Der Aufschlag, den jetzt der Parteivorsitzende Lars Klingbeil gemacht hat in dieser Woche - wenn man sagt, wir brauchen auch mal wieder so einen Schröder-Moment: Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Schritt?
Roth: Es geht hier überhaupt nicht um links oder um rechts, denn dann machen wir einen schweren Fehler. Wir müssen sehr selbstbewusst sagen, das ist sozialdemokratisch. Es ist nicht nur sozialdemokratisch, immer mehr Sozialleistungen zu verteilen.
Es ist sozialdemokratisch, die die Arbeiten dafür auch zu belohnen.
Es ist sozialdemokratisch, dass alle Menschen in Sicherheit in Deutschland leben können. Es ist sozialdemokratisch, dass die Regeln von allen hier in Deutschland respektiert werden. Und es ist sozialdemokratisch, dass eine weltoffene Gesellschaft aber eben auch ein Mindestmaß an Gemeinsamkeit und Integrationsbereitschaft braucht.
Mehr zur Lage der SPD gibt es heute ab 19:10 Uhr bei Berlin direkt, moderiert von Daniel Pontzen.
Klarheit und Haltung wird belohnt von den Menschen. Bestes Beispiel ist auch Boris Pistorius, der ja so Dinge sagt wie Kriegstauglichkeit, die will kein Mensch hören oder Kriegstüchtigkeit, aber am Ende sagen sie, der brennt für etwas, der hat eine Haltung und er kämpft dafür. Und so wollen die Leute auch die SPD sehen, dass sie kämpft und dass sie eine Haltung zeigt.
Nach mehreren enttäuschenden Wahlergebnissen kommt die SPD in Berlin zur Krisensitzung zusammen. ZDF-Hauptstadtkorrespondent Wulf Schmiese berichtet.
27.03.2026 | 1:22 minZDFheute: Ihr ehemaliger Wahlkreis ist ja sehr stark geprägt durch die arbeitenden Menschen dort. Nun hatten wir das Phänomen, dass zum Beispiel während des Landtagswahlkampfs in Baden-Württemberg die AfD morgens vor die Werktore gezogen ist und dort stand. Von der SPD hat man da keinen gesehen. Ist das etwas, was Ihnen im Grunde genommen Angst macht?
Roth: Es ist für die SPD eine Katastrophe, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die nicht rechtsextremistisch oder rassistisch sind, inzwischen in der AfD ihre Lösungen sehen für ihre Probleme. Und das ist für uns ganz, ganz bitter.
Die SPD hat den Fehler gemacht, viel zu lange den Eindruck zu erwecken, als sei die AfD ein Problem der konservativen Parteien von CDU und CSU.
Vielleicht haben wir manchmal auch zu oberlehrerhaft und zu arrogant auf diejenigen hinabgeschaut, die eben nicht dieses städtische, moderne Milieu leben, so wie vielleicht auch ich, sondern die traditioneller sind und die manchmal den Eindruck hatten, dass man sich in der SPD nicht mehr mit dem Klartext erlauben kann, weil man dann gleich geschurigelt wird für Formulierungen, die vielleicht nicht so sind, wie man als Sozialdemokrat oder als Linker zu sprechen hat.
Ran an die Inhalte soll es für Schwarz und Rot gehen. CDU-Generalsekretär Linnemann will vorab keine Vorschläge ausschließen - und kann sich über einen unverhofften Wähler freuen.
27.03.2026 | 62:18 minZDFheute: Machen Sie sich eigentlich Sorgen um die SPD?
Roth: Naja, ich bin jetzt seit 39 Jahren SPD-Mitglied, natürlich mache ich mir Sorgen. Ich meine, wenn auch in meinem ehemaligen Wahlkreis die AfD immer stärker wird, wenn gerade junge Leute eher in den radikalen Rändern ihr Seelenheil finden - Ich bin besorgt, wenn die SPD aus so einer Ampelkoalition, also einer Koalition der Mitte mit vernünftigen Parteien, nichts zu schmieden vermag.
Wenn wir am Ende alles in den Sand setzen, das macht mich wahnsinnig.
Ich bin mir ziemlich sicher, Europa, liberale, soziale Demokratien, die brauchen auch eine starke, progressive, sozialdemokratische Partei. Und das ist nun mal die SPD, aber sie ist es für viele eben nicht mehr.
Das Interview führte Andreas Huppert, Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio.
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