Kommunalwahl im bayerischen Rosenheim:SPD-Kandidat siegt: Was Abuzar Erdogan anders gemacht hat
Abuzar Erdogan von der SPD beendet die CSU-Dominanz in Rosenheim. Was kann die SPD bundesweit von diesem Wahlsieg bei der Kommunalwahl in Bayern lernen?
Nach zwei verlorenen Landtagswahlen steht die SPD massiv unter Druck. Ein Hoffnungsschimmer für die Partei kommt aus Rosenheim. Dort gewann der SPD-Kandidat - nach 65 Jahren CSU-Dominanz.
27.03.2026 | 1:50 minSeit 1961 stellte die CSU das Stadtoberhaupt in Rosenheim. Nun gewinnt mit 53,4 Prozent ein SPD-Kandidat die Stichwahl. Abuzar Erdogan über Motivation, Parteigrenzen - und warum Vision wichtiger ist als das Parteibuch.
ZDFheute: Sie haben in einem sehr konservativ geprägten Umfeld als SPDler gewonnen. Was kann Ihre Partei von diesem Wahlsieg lernen?
Abuzar Erdogan: Man muss die Mannschaft motivieren, die eigene Truppe muss kämpfen wollen, und man muss den eigenen Leuten auch reinen Wein einschenken. Das ist ein Punkt. Es geht nicht immer darum, dass alle einer Meinung sind, sondern dass man Menschen mitnimmt, erklärt und transparent agiert.
Punkt zwei: Womöglich kann Deutschland davon lernen, dass man die Parteigrenzen nicht als das absolute Maß aller Dinge setzt, sondern dass Parteigrenzen überwindbar sind und dass andere vielleicht auch gute Vorschläge haben.
Und damit bin ich bei Punkt drei: Jede Partei braucht im Endeffekt für sich eine Vision und ein Gesellschaftsbild. Ich bin damals zur SPD gegangen, nicht weil ich zu 100 Prozent alles teile, was in dieser Partei Beschlusslage ist, aber ich komme aus einem Arbeiter-Elternhaus, ich bin dankbar, dass ein Staat mir eine Möglichkeit gibt und einen sozialen Aufstieg ermöglicht.
Seit den 1980er Jahren ist München ein roter Fleck im schwarzen Bayern. Die Vorherrschaft der SPD ist dort nun Geschichte. München hat erstmals einen Grünen als neuen Oberbürgermeister gewählt.
23.03.2026 | 1:51 minZDFheute: Was haben Sie im Wahlkampf anders gemacht?
Erdogan: Die Frage ist mir sehr oft gestellt worden in den letzten Tagen. Ich kann Ihnen nur sagen, wir hatten eine engagierte Truppe. Wir haben viele Themen auch die letzten Jahre aufgegriffen. Nicht nur jetzt im Wahlkampf. Als Partei haben wir es geschafft, Personen und Themen nach außen zu tragen, zu kommunizieren, Menschen mitzunehmen, sie einzubinden und vor allem völlig vorurteilsfrei in alle Richtungen zu sprechen und ansprechbar zu sein.
Ich hoffe, dass die SPD das auch für sich auf Bundes- und Landesebene erkennt und umsetzen kann.
Zwischen Erkenntnis und Umsetzung gibt es einen weiten Weg. Aber letztendlich ist das immer der Schlüssel.
ZDFheute: Sie haben auch gesagt, Parteigrenzen spielten nur mittelbar eine Rolle. War das entscheidend für Ihren Erfolg?
Erdogan: Natürlich ist es etwas Historisches, aber klar, die letzten 65 Jahre hat in Rosenheim die CSU das Stadtoberhaupt gestellt. Die hatten ein schwarzes Parteibuch in ihrer Tasche, bei mir ist es ein rotes.
Historischer Bruch: In Kaiserslautern setzt sich die AfD durch und verdrängt die SPD aus ihrer einstigen Hochburg. Das Wahlergebnis zeigt einen deutlichen politischen Wandel in der Region.
23.03.2026 | 1:36 minAber die Probleme sind die gleichen, mit denen wir umgehen müssen. Ich kann über meine Vorgänger sagen, dass sie sich sehr im sozialen Bereich auch engagiert haben, also in klassischen SPD-Feldern, umgekehrt bin ich auch nicht jemand, dem die Wirtschaftspolitik völlig fremd ist.
Ich würde es eher so bezeichnen, dass offensichtlich die Parteibindung bei der Bevölkerung nicht mehr das entscheidende Kriterium ist, ob sie jemandem ihre Stimme schenken oder nicht.
ZDFheute: Sie sind Sohn alevitisch-kurdischer Eltern aus der Türkei. Spielte Ihre Herkunft im Wahlkampf eine Rolle?
… ist Jurist und seit März 2026 neu gewählter Oberbürgermeister der Stadt Rosenheim. Er ist seit 2009 Mitglied der SPD, sitzt seit 2014 im Stadtrat und führte seit 2020 die SPD-Fraktion.
Erdogan: Wir haben im Wahlkampfteam oft überlegt, macht man das zum Thema, oder nicht, geht man es offensiv an, oder nicht? Wir haben uns dann dafür entschieden, das Thema überhaupt nicht aufzugreifen.
Ich bin Rosenheimer. Ich bin hier geboren. Ich bin hier aufgewachsen. Ich war hier im Kindergarten. Ich habe hier Abitur gemacht.
ZDFheute: Sie sind 32, Ihr Sieg wird bundesweit diskutiert. Wie gehen Sie mit dieser Erwartung um?
Erdogan: Die überregionale Presse ist da, und ja, auf mir lastet natürlich eine gewisse Verantwortung. Ich freue mich auf diese Verantwortung. Allerdings glaube ich, dass ich mit meiner Ausbildung und mit meiner politischen Erfahrung, auch wenn ich relativ jung bin, ein gutes Rüstzeug mitbringe, um damit umgehen zu können.
Das Interview führte Peter Aumeier, Reporter im ZDF-Landesstudio Bayern.
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