US-Analysesoftware für deutsche Polizei:Trotz wirrem Polit-Manifest: Länder halten an Palantir fest
von Nils Metzger
US-Tech-Gigant Palantir hat ein politisches Manifest veröffentlicht. Wie reagieren Deutschlands Innenministerien? ZDFheute hat nachgefragt, ob die Software weiter genutzt wird.
Alex Karp, CEO des umstrittenen Software-Unternehmens Palantir, wird wegen kontroverser Aussagen kritisiert. Hessens Innenminister Poseck nennt die Palantir-Nutzung trotzdem richtig.
22.04.2026 | 0:44 minMit Überwachungssoftware ist Palantir in wenigen Jahren zu einem der wichtigsten Tech-Unternehmen der USA aufgestiegen. Militär und Donald Trumps Einwanderungsbehörden bauen auf seine Produkte. Und auch die Polizei in mehreren deutschen Bundesländern nutzt und zahlt für Palantir-Software.
Nun hat das Unternehmen ein Manifest veröffentlicht, in dem es massive politische Veränderungen in den USA und weltweit fordert - für KI-Waffen und gegen "rückstandige und schädliche Kulturen". Internationale Medien schreiben von "Tech-Faschismus".
Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) sagt dazu ZDFheute:
Auch wenn ich die Äußerungen von Herrn Karp und Herrn Zamiska nicht teile, ändert das aus meiner Sicht nichts daran, dass es gegenwärtig richtig und notwendig ist, die Software von Palantir einzusetzen.
Roman Poseck, hessischer Innenminister
"Dabei spielen nicht die persönlichen Ansichten des CEOs und des Rechtsberaters, sondern unsere Sicherheitsinteressen die entscheidende Rolle", so Poseck. Ohne die Palantir-Software habe man "eine erhebliche Sicherheitslücke".
Was sagen die anderen deutschen Innenministerien zu den Äußerungen? ZDFheute hat nachgefragt.
Palantir-Software bedrohe den Datenschutz, meint IT-Experte Kipker. Hessens Innenminister Poseck verweist auf Fahndungserfolge, aber hofft langfristig auf europäische Lösungen.
30.07.2025 | 15:47 minWas ist das für ein Manifest und was steht darin?
Das von Palantir am Samstag auf ihrem X-Kanal veröffentlichte Manifest umfasst 22 einzelne Punkte. Sie basieren auf dem Buch "The Technological Republic" von Palantir-Chef Alexander Karp und Mitgründer Nicholas Zamiska.
Viele der Punkte beschreiben eine Vision, wie Tech-Unternehmen künftig Hand in Hand mit dem Staat agieren sollten - und wie sich die Bürger gegenüber Staat und Tech-Unternehmern verhalten sollten. Die Autoren sprechen sich dafür aus, dass das Silicon Valley den US-Behörden alle denkbaren Waffensysteme und Software-Lösungen zur Verfügung stellt, die sie für Kriege und Kriminalitätsbekämpfung benötigen. Auch eine Wehrpflicht wird gefordert.
Dazu kommen Aussagen, die rechte Kulturkämpfe aufgreifen:
Wir müssen den Versuchungen des nichtssagenden und hohlen Pluralismus widerstehen. Wir in Amerika und im Westen insgesamt haben uns das letzte halbe Jahrhundert lang gewehrt, nationale Identitäten zu definieren - im Namen der Inklusivität.
Palantir-Manifest
Das Manifest beklagt, dass "Kritik und Werturteile" über Kulturen verboten seien. "Dieses Dogma geht über den Umstand hinweg, dass manche Kulturen und insbesondere Subkulturen (…) Wunder hervorbrachten. Andere haben sich als mittelmäßig, oder schlimmer, rückständig und schädlich, erwiesen."
Die Kastration von Deutschland und Japan in der Nachkriegszeit muss zurückgenommen werden. Deutschland die Zähne zu ziehen war eine Überkorrektur für die Europa nun einen schweren Preis zahlt.
Palantir-Manifest
Es ist nicht das erste Mal, dass Palantir-Vertreter mit politischen Aussagen auf sich aufmerksam machen. Der umstrittene Tech-Milliardär Peter Thiel ist ebenfalls Palantir-Mitgründer und gehört dem Verwaltungsrat des Unternehmens an.
Peter Thiel, Elon Musk, David Sacks – nur drei der Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley, die in Washington mitregieren. Wie konnte Big Tech derart großen Einfluss gewinnen?
11.03.2026 | 44:51 minWie reagieren die deutschen Innenministerien?
Palantir-Produkte kommen in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen zum Einsatz, teils seit mehreren Jahren. Die Kosten dafür belaufen sich auf Dutzende Millionen Euro. Baden-Württemberg hat im November den rechtlichen Weg für eine Nutzung freigemacht, der politische Streit darum dauert aber an.
Viele der übrigen Länder verweisen in ihren Antworten lediglich darauf, keine Produkte von Palantir zu nutzen - offene Kritik an den Aussagen des Unternehmens, die auch Deutschland betreffen, gibt es nur vereinzelt.
ZDFheute Infografik
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Palantir ist daher nach wie vor keine Option für die niedersächsische Polizei. Die Äußerungen des Unternehmens bestärken das [Ministerium] in seiner Bewertung und seiner ablehnenden Haltung.
Innenministerium Niedersachsen
- Brandenburg: "Das Innenministerium Brandenburg ist kein Kunde des genannten Unternehmens - schon aus diesem Grund bewerten wir die Äußerungen als Ministerium nicht."
- Thüringen: "Das Thüringer Innenministerium kommentiert keine X-Beiträge oder politischen Manifeste." Man prüfe den Markt für Analyseplattformen "weiterhin ergebnisoffen".
- Schleswig-Holstein: "Die Landespolizei Schleswig-Holstein arbeitet nicht mit der Software der Firma Palantir und plant auch nicht, diese einzusetzen." Eine Ausschreibung für Datenanalyse-Software sei für Mitte Mai 2026 geplant, aus vergaberechtlichen Gründen könne man sich nicht zu etwaigen Kriterien äußern.
- Sachsen: "Das Sächsische Staatsministerium des Innern erteilt umfänglich Auskunft zu seinen Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Eine Bewertung der Selbstauskunft von Unternehmen gehört nicht dazu."
Die bayerische Polizei steht nach wie vor in einem laufenden Vertragsverhältnis mit der Firma Palantir Technologies GmbH. Äußerungen des Unternehmens Palantir via X haben auf dieses rechtlich bindende Vertragsverhältnis keinen Einfluss.
Bayerisches Innenministerium
Ein Quantensprung für die Polizeiarbeit: Das soll die Analysesoftware VeRA des US-Tech-Konzerns Palantir sein. Aber wie genau arbeiten die Behörden mit Palantir in der Praxis?
16.01.2026 | 7:46 minWarum setzen mehrere Länder weiterhin auf Palantir?
Palantir ermöglicht es der Polizei, Informationen in einer einzigen Software-Umgebung zusammenzutragen und mit Karten oder Netzwerkdiagrammen auszuwerten, was zuvor über verschiedene Anwendungen und Datenbanken verteilt war.
Das bringe laut dem Innenministerium Baden-württemberg einen Gewinn an Schnelligkeit bei Gefahrenlagen. "Eine möglichst schnelle und automatisierte Analyse vorliegender polizeilicher Daten [ist] unentbehrlich." Bei einer händischen Auswertung seien Rückschlüsse "nicht oder nur mit massiver Zeitverzögerung, Stunden bis Tage, möglich gewesen.
Die Sicherheitslage erfordert es, dass unsere Polizei die beste Software einsetzt, die es auf dem Markt gibt.
Innenministerium Baden-Württemberg
Die Software ist an die deutsche Rechtslage angepasst und nutzt etwa viele der KI-Fähigkeiten nicht, mit denen Palantir in anderen Ländern wirbt. Ein Datenabfluss in die USA soll ausgeschlossen sein.
Warum nutzt man nicht eine europäische Alternative?
Dass die Landespolizeien eine Software mit Fähigkeiten wie die von Palantir zur Datenauswertung grundsätzlich benötigen, ist Konsens und vom Bundesrat am 21. März 2025 beschlossen worden.
Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern positionierten sich dort sogar eindeutig gegen Palantir und forderten einen expliziten Ausschluss des US-Unternehmens, was jedoch keine Mehrheit fand.
Die US-Regierung scheue nicht davor zurück, technologische Abhängigkeiten als Druckmittel zu nutzen. Ein Fall sei Starlink in der Ukraine, sagt Tech-Journalist Fritz Espenlaub.
30.07.2025 | 13:35 minAuch jetzt verweisen mehrere Bundesländer darauf, dass sie gerne eine europäische Lösung beschaffen würden. "Für die Polizei Rheinland-Pfalz ist der Einsatz von Software der Firma Palantir ausgeschlossen. Wir verfolgen seit mehreren Jahren eine produktoffene Marktschau (…). Aktuell werden ausschließlich europäische Produkte im Rahmen technischer Teststellungen betrachtet", schreibt etwa das Innenministerium in Mainz auf Anfrage.
Die Innenministerkonferenz hat im Herbst klar beschlossen, dass in Zukunft digitale Souveränität in Europa anzustreben ist.
Innenministerium Bremen
Das Innenministerium in Stuttgart spricht bei seiner Palantir-Kaufentscheidung von einer "Übergangslösung für einen begrenzten Zeitraum". Nordrhein-Westfalen verweist darauf, dass sein bisheriger Vertrag mit Palantir am 12. Oktober ende und derzeit eine neue Ausschreibung laufe. Darauf könnte sich Palantir erneut bewerben. In Düsseldorf betont man, dass eine "digital souveräne Lösung", also eine ohne Abhängigkeit von US-Konzernen, "perspektivisch anzustreben" sei. Das heißt so viel wie: es wird noch dauern.
In Bayern gibt man sich zuversichtlich, dass "einige Unternehmen" gerade geeignete Anwendungen entwickelten. "Ein jahrelanger Verzicht, bis eine entsprechende deutsche oder europäische Lösung entwickelt und implementiert wäre, ist (…) keine Option", so das Staatsministerium in München.
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