Initiative gegen Vorurteile und Gewalt:Obdachlosen-Projekt an Schulen: "Man ist unsichtbar"
von Theresa Freund
Viele obdachlose Menschen erfahren immer wieder Ausgrenzung und Gewalt. Das will Oliver Manz ändern. Er war obdachlos und besucht Schulklassen, um mit Vorurteilen aufzuräumen.
Obdachlose erleben oft Vorurteile, Ausgrenzung und Gewalt. Beim Projekt "Draussenseiter macht Schule“ berichten Betroffene in Klassen von ihrem Alltag und wollen damit Verständnis und Respekt schaffen.
23.06.2026 | 1:51 minDas Leben vieler obdachloser Menschen in Deutschland ist von Unsicherheit, Ablehnung und Gewalt geprägt. Oliver Manz kennt diesen Alltag, denn er wurde vor vier Jahren plötzlich obdachlos.
Vom Burn-out in die Obdachlosigkeit
Vorher arbeitete der 51-Jährige als Manager in der Projektleitung bei einem Computerbuchverlag. Dann erlitt Manz ein Burn-out und eine schwere Depression. Während eines Klinikaufenthalts kündigte ihm sein Vermieter die Wohnung wegen Eigenbedarfs. Manz wurde aus der Klinik in die Obdachlosigkeit entlassen.
Kurzzeitig kam er bei Freunden unter. Nach zwei Wochen auf der Straße teilte die Stadt Köln ihm einen Platz in einem Not-Hotel zu. Dort lebte er mit zwei weiteren Männern auf zehn Quadratmetern. Statt Betten habe es nur Matratzen auf dem Boden gegeben, sagt Manz.
"Es ist dreckig, die Heizung hat nicht funktioniert, die Fenster waren kaputt, auch die Tür war nicht abschließbar. Es gab keine Privatsphäre", beschreibt Manz die Unterkunft.
Tagsüber hielt er sich meist draußen auf, bei Essensausgaben und auf den Straßen der Stadt. Vorurteile, Ignoranz und Abwertungen begegneten ihm in dieser Zeit täglich.
Man wird verbal weggeschubst, man wird angespuckt, Eltern ziehen ihre Kinder weg und gehen über die Straße rüber. Man ist unsichtbar und nicht mehr als Mensch wahrnehmbar und das geht dann wirklich tief.
Oliver Manz
Ausgrenzung und Gewalt im Alltag
Was mit Ablehnung beginnt, endet immer öfter auch in Gewalt. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik gab es im vergangenen Jahr mehr als 2.500 Straftaten gegen obdachlose Menschen. Das sind 17 Prozent mehr als im Jahr 2024. Bei einem Großteil der Straftaten handelt es sich um Körperverletzung. Unter den Tätern befinden sich auch Kinder und Jugendliche, so eine Sprecherin des Bundeskriminalamts.
Um Gewalt und Vorurteilen entgegenzuwirken, besucht Oliver Manz mit der Kölner Straßenzeitung "Draussenseiter" seit Anfang des Jahres ehrenamtlich Schulklassen und klärt über das Thema Obdachlosigkeit auf.
Die Zahl der Straftaten gegen Obdachlose ist im Jahr 2025 um 17 Prozent angestiegen. 2.563 Delikte wurden registriert, berichtet eine Zeitung unter Berufung auf Zahlen des Innenministeriums.
13.06.2026 | 0:23 minSchulbesuche gegen Vorurteile
Christina Bacher hat das Projekt ins Leben gerufen. Sie ist überzeugt, mit "Draussenseiter macht Schule" bei Kindern und Jugendlichen ein Verständnis für die Lebensrealität obdachloser Menschen zu schaffen, um so zukünftige Gewalt zu verhindern.
"Ich glaube wirklich, wenn wir vorher in der Klasse gewesen sind und auf Augenhöhe gesprochen haben, dass diese Kinder und Jugendlichen ganz sicher danach nicht auf die Straße gehen und zum Beispiel einfach einen Menschen treten, der auf der Straße liegt", sagt Bacher.
An Berliner Schulen ist Gewalt verbreitet: 56 % der Lehrkräfte sehen ein großes Problem. Besonders betroffen sind die Jüngsten. Allerdings dürfte die Hauptstadt damit nicht alleine stehen.
23.06.2026 | 2:11 minFragen aus der Klasse - und ein neuer Anfang
Das Projekt findet an allen Schulformen bisher von der vierten bis zur zwölften Klasse statt. Die Kölner Grundschule GGS Garthestraße besucht Manz mit dem "Draussenseiter" bereits zum zweiten Mal.
Warum haben viele obdachlose Menschen einen Hund? Wie bekommen sie Essen und Kleidung und was ist eine Notschlafstelle? Die Viertklässlerinnen und Viertklässler haben viele Fragen, die Manz und sein Kollege Mike Suerbier offen beantworten. Dabei lernen die Kinder viel Neues.
Der neunjährige Kerim sagt:
Dass es einfach kostenloses Essen, kostenlose Klamotten gibt, hätte ich nicht gedacht. Und ich finde das auch von mir aus gesehen sehr schön, dass es sowas gibt.
Kerim, Schüler
Oliver Manz' Leben hat sich inzwischen geändert: "Ich habe mittlerweile eine Wohnung und bin da sehr glücklich, weil ich jetzt auch wieder meinen Sohn zu Hause empfangen kann", sagt Manz.
Nun bereitet er sich auf die Rückkehr in den Arbeitsmarkt vor. In Zukunft möchte er gerne wieder in der Projektleitung arbeiten.
Bei einer Schüler-AG der Sophie-Scholl-Gemeinschaftsschule in Dillingen helfen Jugendliche der Tafel bei der Lebensmittelrettung. Dort erlernen sie den Umgang mit Lebensmitteln sowie soziale Kompetenzen.
15.05.2026 | 1:59 minWichtiger Hinweis in eigener Sache
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