Bahnhofsviertel Frankfurt:Suchtkranken-Hilfe mit dem Nachtbus
von Inken Klinge
Ohne Schlafplatz sind die Nächte im Frankfurter Bahnhofsviertel hart und gefährlich. Streetworker Roberto Carelli fährt Suchtkranke regelmäßig ins Krisenzentrum "Eastside".
Streetworker Roberto Carelli kümmert sich im Frankfurter Nachtbus um Suchtkranke und andere, die Hilfe brauchen.
12.06.2026 | 15:07 min"Haben wir noch freie Betten?" - Roberto Carelli erkundigt sich bei seinen Kollegen vom Wohnbereich im zweiten Stock der Drogenhilfeeinrichtung "Eastside" im Frankfurter Osten. Es gibt noch drei freie Plätze heute Abend. Carelli bricht gemeinsam mit einem Kollegen auf.
Es geht mit einem Kleinbus Richtung Bahnhofsviertel. Die Nachtschicht als Streetworker übernimmt er gerne. Seit 32 Jahren arbeitet er in der Drogenhilfe - fast die gesamte Zeit im "Eastside".
Auf der Fahrt Richtung Bahnhof erzählt er, dass er selbst Erfahrung mit Drogen hat. "Ich habe als Jugendlicher viel probiert. Ich habe mit Alkohol und Tabletten angefangen." Später kamen Heroin und Kokain dazu; er sei polytox gewesen - also abhängig von mehreren Suchtstoffen gleichzeitig. Vielleicht fällt es ihm deshalb so leicht, Zugang zu obdachlosen Menschen mit Suchterkrankung im Frankfurter Bahnhofsviertel zu bekommen.
Der Bahnhof als Hotspot der Kriminalität: Prostitution, Drogen, Waffen. Herausforderungen, die Polizeikommissar Daniel Kerleau gerne annimmt.
12.06.2026 | 15:32 minNach der Entgiftung wird es schwer
Er weiß, wie das ist - und vor allem, wie schwer es ist, von den Drogen loszukommen. "Die Entgiftung ist ein erster Schritt und nicht das Schwerste", meint er.
Die Arbeit danach, die ist schwer - dieses Cleansein für sich zu verinnerlichen.
Roberto Carelli, Streetworker in Frankfurt am Main
Auch Carellis ruhige, unaufgeregte Art kommt bei den Menschen hier an. Carelli steigt aus - mitten im Viertel. Im Bahnhofsviertel, in den Straßen rund um die Niddastraße, herrscht Betrieb fast wie am Tag, doch es ist dunkel. Auf den Bürgersteigen liegen und sitzen Menschen, viele von ihnen sichtbar im Rausch.
Die Not im Bahnhofsviertel ist unübersehbar groß. Streetworkerin Alaleh Bergmann versorgt mit ihrem Verein "Bijans Helfer mit Herz" obdachlose Menschen direkt auf der Straße.
12.06.2026 | 15:37 minViele Suchtkranke sind obdachlos
Carelli entdeckt einen alten Bekannten. Sein Spitzname im Viertel: T.C. "Du willst nicht mit?" - Carelli ahnt, dass der Mann, der seit Jahrzehnten auf der Straße lebt, bleiben möchte. "Es ist kein Problem, auf der Straße zu leben", sagt T.C., "wenn man ein guter Mensch ist. Ich kriege genug Geschenke. Ich habe Decken, ich habe Schlafsäcke."
Seinen Schlafplatz verrät er allerdings nicht - er ist froh, einen guten gefunden zu haben. Wie es so weit gekommen ist? "Meine Frau und mein Kind sind gestorben, da ist für mich eine Welt zusammengebrochen", sagt er. "Allein in einer Wohnung kann ich irgendwie nicht sein."
Viele, die im Bahnhofsviertel obdachlos sind, nehmen auch Drogen. T.C. raucht Crack - "Stein" heißt das hier. Crack ist eine Form von Kokain, wird geraucht und ist im Bahnhofsviertel meist für ein paar Euro zu haben. Laut Drogenhilfeeinrichtungen und laut der Stadt ist das die Hauptdroge hier; sie macht extrem abhängig und wirkt nur kurz aufputschend.
Anabelle kam ins Frankfurter Bahnhofsviertel, um als Stripperin Geld zu verdienen. Ihr Erfolgsrezept: sexy aussehen, erotisch tanzen und gepflegte Konversation mit Kunden.
12.06.2026 | 15:24 minUnkomplizierte Hilfe, ohne Bedingungen
Carelli geht zurück zu seinem Bus. "Das passiert mit vielen Leuten", sagt er.
Die kommen nach Frankfurt, genießen eine Zeit lang den Lifestyle, die Drogenszene - aber irgendwann ist Sense im Karton.
Roberto Carelli, Streetworker
Carelli und dem "Eastside" geht es darum, für die Menschen da zu sein und unkompliziert Hilfe anzubieten - ohne Bedingungen. "Unser Ziel ist es, die Leute von der Straße zu holen und ihnen einen sicheren Platz zu geben, damit sie zur Ruhe kommen und sich orientieren können."
Das "Eastside" ist Teil des sogenannten "Frankfurter Wegs" - einer Drogenpolitik, die auf Hilfe statt Verdrängung setzt. Hier gibt es Schlafplätze, Unterstützung im Alltag und Beratung. 1994 wurde hier der erste offizielle Konsumraum Deutschlands eingerichtet - ein Ort, an dem mitgebrachte Drogen unter sicheren Bedingungen konsumiert werden können.
Streetworker Mo – für viele ein Ankerpunkt im Bahnhofsviertel. Mit seinem Team kümmert sich der Ex-Dealer um Suchtkranke. Und sie jagen Freier, die Sex mit drogensüchtigen Frauen haben wollen.
12.06.2026 | 15:04 minInzwischen spricht die Stadt etwa angesichts der Crack-Szene von einem "Frankfurter Weg 2.0". Die bestehenden Hilfen stoßen im Viertel oft an Grenzen und sollen an die veränderte Lage angepasst werden.
Ein paar Ecken weiter, direkt am Bahnhof, sieht Carelli zwei weitere bekannte Gesichter. Die beiden wollen mit. Sie kennen das "Eastside" und schlafen regelmäßig dort. Ahmed ist froh, dass er die Nacht nicht hier verbringen muss. "Bahnhof ist jeden Tag gleich", sagt er, "immer Drogen, immer Stress, immer Schlägerei." Die Aggressivität sei hoch, bestätigt Carelli. Er nimmt die beiden mit. Der Bus fährt zurück ins "Eastside".
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