Vorsitzender des Paritätischen Bremen:Steigende Armut hat "gesellschaftliches Konfliktpotenzial"
Joachim Schuster vom Paritätischen Bremen nennt die steigende Armut in Deutschland einen "Skandal" - und warnt vor den gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung.
Laut dem Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands leben in Deutschland so viele Menschen in Armut wie seit 2020 nicht mehr. Demnach waren 13,3 Millionen Menschen 2025 von Armut betroffen.
02.06.2026 | 0:24 minDie Zahl der Menschen in Deutschland, die in Armut leben, ist im vergangenen Jahr gestiegen, wie aus dem jährlichen Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands hervorgeht. Demnach sind rund 13,3 Millionen Menschen von Armut betroffen, die Armutsquote stieg damit im Jahr 2025 auf 16,1 Prozent - ein Höchststand im Beobachtungszeitraum seit 2020.
Es gibt jedoch große regionale Unterschiede: Während in Bayern etwa jeder Achte von Armut betroffen ist, gilt in Bremen mehr als jeder Vierte als arm. Joachim Schuster, Vorsitzender des Paritätischen Bremen, geht vorerst von keiner Verbesserung der Lage in seinem Bundesland aus.
ZDFheute: Mit einer Armutsquote von 27,5 Prozent bleibt Bremen das Bundesland mit der mit Abstand höchsten Armutsquote und hat im Vergleich zu 2024 noch einmal zugelegt. Woran liegt das?
Joachim Schuster: Also das eine, das aber nur einen kleinen Teil erklärt, ist: Eine Großstadt hat typischerweise eine höhere Armutsquote als Flächenländer. Dazu kommt eine hohe Arbeitslosenrate, die immer noch über zehn Prozent liegt, die entsprechend durchschlägt.
Ein dritter Grund ist, dass unsere Wirtschaftsstruktur zwar auf der einen Seite sehr viele gut bezahlte Industriearbeitsplätze hat, auf der anderen Seite aber auch sehr viele Sektoren mit prekärer Beschäftigung oder mit Beschäftigung, die nicht so gut bezahlt wird.
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ZDFheute: Kürzungen im Sozialbereich und Reformpläne werden in der Politik diskutiert. Welche Auswirkungen befürchten Sie?
Schuster: Das macht mir große Sorgen. Man diskutiert ja nicht mehr, wie man Sozialleistungen effektivieren oder besser machen muss, um die Kosten in sozialen Systemen zu begrenzen, sondern es geht im Moment vor allen Dingen um Sozialabbau. Das wird natürlich die ärmeren Schichten besonders treffen, genauso wie die Inflation in der Regel ärmere Menschen besonders stark trifft, weil die eben fast alles im Konsum ausgeben müssen, was sie haben.
Das wird man dann zunehmend auch im Stadtbild sehen. Armut zeigt sich auch im Stadtbild.
Joachim Schuster, Paritätischer Bremen
... ist seit 2024 Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Landesverband Bremen. Zuvor war er zehn Jahre lang für die SPD Mitglied im Europäischen Parlament.
ZDFheute: Nehmen wir das Beispiel Wohnarmut, auch hier ist Bremen bundesweit am stärksten betroffen. Für Sie ein Alarmsignal?
Schuster: Wohnkosten verstärken die Armut, die gestiegenen Wohnkosten schlagen natürlich besonders bei denjenigen durch, die selbst wenig Geld haben und schon einen relativ hohen Anteil ihres Einkommens fürs Wohnen zahlen müssen. Durch die gestiegenen Preise ist es gerade bei den unteren gesellschaftlichen Gruppen inzwischen so, dass teilweise über 40, manchmal sogar 50 Prozent der Ausgaben dieser Menschen fürs Wohnen sind.
Das ist etwas, was man ja nicht einsparen kann. Man muss ja irgendwo wohnen. Und das fehlt dann natürlich für andere Ausgaben und das führt dazu, dass diese Menschen dann zusätzlich arm werden.
ZDFheute: Was fordern Sie?
Schuster: Beim Wohnraum brauchen wir natürlich Förderung von neuem Wohnungsbau, insbesondere bezahlbarem Wohnraum. Die zweite Sache ist, dass die Mietpreisbremse geschärft und entsprechend durchgesetzt werden muss. Auch da gibt es ja entsprechende Defizite, und das, was neu am Horizont auftaucht, die energetische Sanierung, die bei Wohnungen erforderlich ist, darf nicht zur Erhöhung der Warmmiete am Ende des Tages führen. Auch das wird ein Faktor sein, den wir im Bereich Wohnen regulieren müssen.
Kein Geld für Hobbys, Urlaub oder Nachhilfe. Die Befreiung aus der Armutsspirale ist schwer.
27.02.2024 | 28:48 minZDFheute: Der Titel des Armutsberichts lautet "Wachsende Armut, schrumpfende Sicherheit". Was befürchten Sie?
Schuster: Wer zu wenig hat, bei dem ist natürlich keineswegs sicher, dass er sich immer wieder regelkonform verhält. Es wird da Auswüchse von Armut geben, also Kriminalität in Anführungsstrichen, und seien es nur Ladendiebstähle.
Auf Dauer hat so etwas gesellschaftliches Konfliktpotenzial.
Joachim Schuster, Paritätischer Bremen
Aber Sicherheit ist für mich mehr als jetzt nur innere Sicherheit im engeren Sinne, sondern es ist auch schon ein Skandal in einer so reichen Gesellschaft wie Deutschland, dass so viele Menschen unter der Armutsgrenze leben. Das ist eben auch eine Frage von sozialer Sicherheit, die man hat.
Das Interview führte Katharina Weisgerber, Redakteurin im Landesstudio Bremen.
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