15 Jahre nach Selbstenttarnung des NSU:Geburtsstätte des NSU: Wie Jena rechten Terror aufarbeitet
von Daniela Sonntag
In Jena hat sich das NSU-Trio radikalisiert. 15 Jahre nachdem die Rechtsterroristen aufgeflogen sind, befasst sich die Stadt umfangreich mit diesem Teil ihrer Geschichte.
Vor 15 Jahren wurde die rechtsterroristische Mordserie des NSU aufgedeckt. In Jena wird seither aufgearbeitet. Zum Jahrestag sind zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen geplant.
04.11.2026 | 1:59 min"Ich bin Frank, 72er Baujahr. Seit mein Alter seinen Job verloren hat, hat er nur noch mehr Zeit zum Saufen." Wenn Darsteller Yann Bahn seinen Charakter Frank auf die Bühne bringt, taucht er ein in die Zeit Anfang der 90er in Jena. Als die Rechten immer lauter und immer mehr werden.
Frank ist Neonazi und Yann spielt ihn als Laiendarsteller für ein Theaterstück, das in diesem Jahr Teil des Jenaer Gedenkprogrammes ist - 15 Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU. Dass die Täter aus seiner Stadt kamen, lässt den jungen Darsteller nicht los. "Wenn… man diese Geschichten im Hintergrund hat, dann schaudert einen das schon kurz durch."
Jena: Wie wurden Jugendliche zu Rechtsradikalen?
Das NSU-Trio, Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, ist für eine beispiellose rechtsextreme Mordserie verantwortlich. Neun Männer mit Migrationshintergrund und eine Polizistin sterben.
Die zehn Opfer des NSU
Quelle: APFür die Stadt ist der Jahrestag Anlass für eine breit angelegte Veranstaltungsreihe. Immer wieder Thema: Wie wurden Jugendliche aus Jena zu Rechtsradikalen, wie driftete der selbst ernannte "Nationalsozialistische Untergrund" in den Terror ab?
Beate Zschäpe muss mindestens bis 2035 im Gefängnis bleiben. Das Oberlandesgericht München legte für die seit 2011 in Haft sitzende NSU-Terroristin eine Mindestverbüßungsdauer von 24 Jahren fest.
27.10.2026 | 0:32 minUnd unter welchen Bedingungen konnte das in Jena passieren? Für die Opfer hat Jena einen Gedenkraum neu eingerichtet. Und es gibt Ausstellungen, Podiumsdiskussionen und Schulprojekte.
Das ist etwas, was einen beschäftigt, damals beschäftigt und anhaltend beschäftigt und deswegen stellen wir uns diesem Gedenken auch anhaltend.
Johannes Schleußner, SPD, Kulturdezernent Stadt Jena
NSU-Trio radikalisierte sich im Jugendtreff
Dazu gehört auch, dass Jena sich mit dem Versagen von städtischen Behörden befasst. Die Historikerin und Pädagogin Leonie Dellen hat für die Stadt die Jugendamtsakten aus der Zeit systematisch aufgearbeitet. Denn das NSU-Trio radikalisierte sich unter anderem im so genannten Winzerclub, einem städtischen Jugendtreff. Die Sozialarbeiter dort ließen sie gewähren.
Bis heute beschäftigt die Mordserie des NSU die Justiz und Politik. An diesem Tag erinnert Kassel an Halit Yozgat, der vor 20 Jahren von den Terroristen erschossen wurde.
06.04.2026 | 1:33 minEin Fehler, der aber auch den Umständen der Zeit geschuldet war. Sozialarbeit damals startete nach der politischen Wende praktisch bei null. Es gab kaum ausgebildete Fachkräfte und wenig Geld. Die ersten Konzepte in Jena lehnten sich an die offene Arbeit der evangelischen Kirche an. Es ging viel um Akzeptanz und wenig um Grenzen, wie die Mitarbeiter damals selbst dokumentierten:
Sie beschreiben…, dass sie eigentlich nicht mehr glauben, dass sie pädagogisch mit denen arbeiten können und belassen sie trotzdem im Club.
Leonie Dellen, Historikerin und Pädagogin
Expertin: Rechter Terror entsteht, wo es "keinen Widerspruch gibt"
So nahmen Rechte rund um das NSU-Trio in Jena damals öffentliche und städtische Räume ein, verdrängten andere Jugendliche aus dem Club. Es entstanden No-Go-Areas für alternative Jugendliche oder Punks in manchen Stadtteilen. Das Beispiel Jena zeige deutlich, so Dellen, wie rechter Terror möglich wird: in Umgebungen, "in denen es keinen Widerspruch gibt, in denen keine politische Bildung gemacht wird."
Zwei Jahre auf Bewährung: Das Oberlandesgericht Dresden hat Susann E. wegen Unterstützung des NSU verurteilt. Sie galt als enge Vertraute der Rechtsterroristin Beate Zschäpe.
17.07.2026 | 1:31 minAuch deshalb geht das Theaterprojekt mit den jungen Laiendarstellern in die Schulen. In einer Projektwoche unter dem Namen "Einigkeit und Hass und Hetze" erleben Jugendliche das Theaterstück, eine flankierende Ausstellung und können dabei auch selbst aktiv werden, so Martin Zinnow von der freien Bühne Jena, der das Projekt mitverantwortet.
Da setzen wir uns einfach mit verschiedenen Typen von Jugendlichen auseinander, damit wir auch die Gegenwart besser verstehen können.
O-Ton Martin Zinnow, Freie Bühne Jena
Denn auch heute gäbe es rechte Tendenzen, Gewalt gegen Migranten. Die Vergangenheit nicht nur abhaken, sondern daraus lernen, das sei wichtig.
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