Reform der Notfallversorgung:Notaufnahmen am Limit: Was sich ändern soll
Der Bundestag will die Notfallversorgung neu organisieren. Eine digitale Ersteinschätzung soll Patienten besser steuern. Doch bei Personal und Finanzierung bleiben Fragen offen.
Viele Patienten kommen mit nicht lebensbedrohlichen Beschwerden in die Notaufnahmen und überlasten sie. Die geplante Notfallreform soll sie gezielter zur passenden Behandlung führen und so die Notaufnahmen entlasten.
15.10.2026 | 2:50 minDie Zahl der Menschen in Deutschland, die Hilfe in Notaufnahmen der Krankenhäuser suchen, ist seit Jahren gestiegen. Auch die Rettungsdienste klagen über Überlastung und Fehlsteuerung. Heute will der Bundestag eine Notfallreform verabschieden, um die größten Probleme zu lindern.
Warum ist das Thema so dringend?
Notaufnahmen und Rettungsdienste sind überlastet. Das Statistische Bundesamt hat im vergangenen Dezember mitgeteilt, dass in den Krankenhäusern in Deutschland 2024 rund 13 Millionen ambulante Notfälle behandelt worden seien. Das war ein Anstieg um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Wert seit Beginn der Erfassung 2018. Damit wurden im Jahr 2024 im Durchschnitt täglich rund 35.600 Menschen in einer Notfallambulanz versorgt.
Warum ist das ein Problem?
Der Leidensdruck ist auf allen Seiten hoch. Patienten klagen über überfüllte Notaufnahmen und lange Wartezeiten. Ärzte und Mitarbeiter im Rettungsdienst zeigen sich überfordert und berichten von Fehlsteuerungen: Patienten nutzten die Notaufnahmen und die Notrufnummer auch bei kleineren Problemen und chronischen Erkrankungen oder bei Einsamkeit. Im Rettungsdienst gebe es viele unnötige Fahrten. Und der Streit über die Finanzierung von Rettungsfahrten zwischen Kassen, Kommunen und Patienten ist heftig.
In deutschen Krankenhäusern ist fast jede zweite Notaufnahme überlastet. Eine Umfrage, die ZDF frontal und dem "Spiegel" vorliegt, zeigt: Teils könnte sogar die Patientensicherheit gefährdet sein.
22.09.2026 | 0:26 minGibt es konkrete Daten dazu?
Nach einer im April veröffentlichten Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin sieht sich fast jede zweite Notaufnahme in Deutschland als überlastet an - und das teils so stark, dass die Patientensicherheit gefährdet sein kann. 60,6 Prozent der Kliniken gaben als Grund für die Überlastung an, Patienten hätten von der Notaufnahme nicht auf reguläre Stationen verlegt werden können, weil dort keine Betten frei gewesen seien. Beinahe zwei Drittel der Krankenhäuser berichteten von unbesetzten Stellen in ihrer Notaufnahme im ärztlichen Dienst beziehungsweise in der Pflege. Nur knapp ein Drittel bewertete die Personalausstattung als ausreichend.
Die Ergebnisse der bundesweiten Umfrage lagen ZDF frontal und dem "Spiegel" exklusiv vor. Die ganze Doku unserer Kollegen von ZDF frontal zu den Herausforderungen für die Notfallmedizin können Sie sich hier anschauen:
Lange Wartezeiten, fehlende Betten, überlastete Ärzte in deutschen Notaufnahmen: Viele Patienten erleben ein System am Limit. Und zu oft ignorieren Politik und Klinikkonzerne die Hilferufe.
22.09.2026 | 33:27 minWas ist das Ziel der Reform?
Dass der Not- und Rettungsdienst in Deutschland dringend reformiert werden muss, gehört seit Jahren zu den Forderungen von Gesundheitspolitikern und Experten. Schon 2019 wurde ein Anlauf unternommen, der zunächst am Widerstand der Bundesländer und später an der Corona-Pandemie scheiterte. Auch die Ampel hatte die Reform der Notfallversorgung als Teil der großen Krankenhausreform im Herbst 2024 auf der To-do-Liste. Doch der Bruch der Regierungskoalition sorgte für eine erneute Verschiebung.
Es geht nun wieder darum, die drei Versorgungsbereiche vertragsärztlicher Notdienst, Notaufnahmen der Krankenhäuser und Rettungsdienste besser aufeinander abzustimmen. Die Patientinnen und Patienten sollen besser gesteuert werden. Ein Kernelement der Reform ist die telefonische oder digitale Ersteinschätzung: Gerade bei leichten Erkrankungen sollen Videosprechstunden den Versicherten Wege und Wartezeiten ersparen.
Mit der Reform sollen rund 750 integrierte Notfallzentren an Krankenhäusern aufgebaut werden, die den stationären und ambulanten Bereich besser verzahnen und rund um die Uhr erreichbar sein sollen. Vorgesehen ist, dass die Notaufnahme des Krankenhauses, Notdienstpraxen der Kassenärztlichen Vereinigung sowie eine - perspektivisch digitale - Ersteinschätzung zusammenarbeiten. Um einer Überlastung der Notaufnahmen vorzubeugen, sollen weitere Notdienstpraxen zu festgelegten Zeiten - etwa an Wochenenden - unterstützen.
Häusliche Besuche beim Patienten sollen erst dann vermittelt werden, wenn weder eine Weiterleitung zur Arztpraxis, eine telemedizinische Behandlung noch eine Versorgung in einem Notfallzentrum im Einzelfall geeignet sind.
Ein zentraler Baustein ist eine bessere Vernetzung der Notrufnummer 112 und der bundesweiten Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117. Das Ziel ist, gesundheitliche Beschwerden anhand eines Ersteinschätzungsverfahrens zu bewerten und die Anrufenden in die passende Versorgung zu vermitteln. Die Funktion der Rufnummer 116 117 wird unterteilt in eine Terminservice- und eine Akutleitstelle. Die Akutleitstelle soll ambulante Not- und Akutfälle in die richtige Versorgungsebene vermitteln und sich mit den Rettungsleitstellen (112) digital zu einem Gesundheitsleitsystem vernetzen.
Unter der Nummer 116 117 sollen außerdem für Akutfälle flächendeckend und rund um die Uhr telemedizinische und aufsuchende Notdienste als Erstversorgung zur Verfügung stehen. Über die Notrufnummer 112 soll aber weiterhin für Notfälle mit Lebensgefahr oder schweren gesundheitlichen Störungen eine Rettungsleitstelle immer direkt erreichbar sein.
Länder und Kommunen sind für die Rettungsdienste verantwortlich. Experten beklagen eine "völlig zersplitterte Zuständigkeit"; das gilt für technische Ausstattung, Recht und Personal. Die Björn-Steiger-Stiftung aus Winnenden hat Verfassungsbeschwerde gegen die Bundesregierung und die Bundesländer erhoben, weil die Politik kein durchgängig funktionierendes, flächendeckendes Rettungsdienst-System zur Verfügung stelle.
Neu im Gesetzentwurf ist, dass die Notfallrettung künftig als Sachleistung der gesetzlichen Krankenversicherung eingestuft werden soll. Das medizinische Notfallmanagement, die Versorgung vor Ort und die fachlich-medizinische Betreuung während des Transports sollen als Teil der Krankenbehandlung anerkannt werden. Damit wird zugleich verhindert, dass Versicherte einen Teil der Kosten selbst tragen müssen.
Wie erfolgversprechend ist das Reformvorhaben?
Für die regionale Planung und Organisation bleiben die Länder zuständig. Der Bund dringt aber auf eine verbesserte digitale Ausstattung und Vernetzung: Rettungswagen sollen künftig wichtige Informationen über den Zustand des jeweiligen Patienten standardisiert an Kliniken oder Arztpraxen übermitteln. Auch ein technisches System zur Anzeige der aktuellen Krankenhausressourcen wird verbindlich. Für die Digitalisierung stellt der Bund aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität 225 Millionen Euro an Fördermitteln bereit.
Wie blicken Ärzte auf die Reform?
Der Marburger Bund, die Gewerkschaft der angestellten und verbeamteten Ärztinnen und Ärzte, begrüßt die Reform grundsätzlich. Die Marburger-Bund-Vorsitzende Susanne Johna sagt im ZDF-Morgenmagazin, man sei zufrieden, dass es nach drei Anläufen - unter Jens Spahn, Karl Lauterbach und zuletzt Nina Warken - nun so weit sei. Integrierte Notfallzentren fordere der Verband schon lange.
Kritik übt sie an drei Punkten: Mehr als die Hälfte der Krankenhäuser bekomme kein solches Zentrum. Patienten, die ambulant behandelt werden können, sollen dort von Notaufnahmen ohne Zentrum weitergeleitet werden - nach Ansicht Johnas keine gute Idee, denn wenn man Patienten schnell ambulant versorgen könne, solle man das auch tun. Und kurz vor der Verabschiedung seien noch mehr als 22 Änderungsanträge eingegangen, was schwer nachzuvollziehen sei.
Integrierte Notfallzentren sollen den Druck aus den Notaufnahmen nehmen.
Quelle: Boris Rössler / dpaWie ist die finanzielle Situation?
Auch die Frage der Finanzierung bleibt kompliziert: Der Ökonom Matthias Brachmann rechnet vor, dass ein Krankenhaus für die ambulante Behandlung eines gesetzlich Versicherten in der Notaufnahme im Bundesdurchschnitt 32 Euro erhält, dem Kosten von 126 Euro gegenüberstehen - ein Defizit von 94 Euro pro Patient.
Als Sachverständiger bei der Bundestagsanhörung am 9. September kritisierte er die fehlende Finanzierung der integrierten Notfallzentren. Es gebe keine zusätzliche Finanzierung, um das bestehende Defizit zu beheben. Auch Kassenärzte widersprachen Erwartungen an die Zentren: Für eine zweite Praxisstruktur fehle schlicht das Personal.
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