Überlastete Kliniken:Notaufnahmen: "Nackt im Sturm des Kostendrucks"
von K. Gnirke, E. Klotsikas und C. Salewski
Eine neue Umfrage zeigt: Fast jede zweite Notaufnahme in Deutschland ist überlastet - teilweise so stark, dass die Patientensicherheit gefährdet ist. Was sagen betroffene Ärzte?
Jede Minute zählt. Doch viele Notaufnahmen arbeiten längst am Limit. frontal inside blickt hinter die Recherche - zeigt, wie Personalmangel, Kostendruck und Überlastung Patienten gefährden kann.
22.09.2026 | 17:03 minDer Vormittag beginnt ruhig an einem Dienstagmorgen im Juni in der Notaufnahme des Klinikums Fürth. Doch um 12:03 Uhr kommt plötzlich Hektik auf. Eine Patientin mit Verdacht auf Sepsis wird eingeliefert, ihr Zustand: kritisch. Jetzt zählt jede Minute.
Im Schockraum, einem Behandlungszimmer ausgestattet für intensivmedizinische Notfälle, kämpfen die Ärzte um ihr Leben, da schrillt schon der nächste Alarm. Ein schwerer Verkehrsunfall wird angekündigt: Noch ein Schockraum, noch ein Ärzteteam, noch ein Kampf um Leben und Tod.
"Genau das ist das klassische Bild eines Overcrowdings", erläutert Oberarzt Luan Garibaldi. Der Fachbegriff beschreibt eine Überlastung der Notaufnahme. Nicht nur die Schockräume, auch die Wartezimmer sind dann überfüllt.
Notaufnahmen in ganz Deutschland überlastet
Hier am Klinikum Fürth erleben sie das an etwa fünf von sieben Tagen pro Woche. Die Folge:
Jede Sekunde, die wir nicht normal funktionieren können, bedeutet Verzug. Und dieser zeitliche Verzug kann potenziell tatsächlich zu Patientengefährdungen führen.
Oberarzt Luan Garibaldi, Klinikum Fürth
Mit dem Begriff Overcrowding beschreiben Notfallmediziner eine Überlastung der Notaufnahme, bei der der benötigte Bedarf an Notfallversorgungskapazitäten die verfügbaren Ressourcen eines Krankenhauses - sei es räumlich, materiell oder personell - übersteigt. Um die Überforderung in den Kliniken zu messen, nutzen Notfallmediziner eine Überlastungsampel (CEDOC-Score). Der Grad der Auslastung reicht von Level 1 (blau = entspannt) über Level 4 (orange = stark erhöht) bis Level 6 (schwarz = kritisch). Ein Overcrowding, also eine Überlastung, die zu Patientengefährdungen führen kann, liegt bei Level 4 bis 6 vor.
Nicht nur in Fürth, in ganz Deutschland sind an diesem Dienstag, dem 2. Juni 2026, Notaufnahmen überlastet. Wie alarmierend die Lage ist, zeigt eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin (DGINA), die an diesem Stichtag durchgeführt wurde und deren Ergebnisse ZDF frontal und dem "Spiegel" exklusiv vorliegen.
Trotz Hightech- und Spitzenmedizin sind in Deutschland jedes Jahr ca. 170.000 Menschen von Behandlungsfehlern im Krankenhaus betroffen. Rund 17.000 bezahlen dafür mit ihrem Leben.
07.05.2026 | 43:51 min45 Prozent der Notaufnahmen melden demnach eine Überlastung. 31,4 Prozent davon waren auf der Ampel Orange, bei 8,1 Prozent zeigte die Ampel rot und 5,5 Prozent meldeten sogar schwarz, dort herrschte eine akute Patientengefährdung.
Schwierigkeit, Patienten auf Stationen zu verteilen
Auch am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg kennen sie diese Situation. Am Tag der Umfrage wird es um 10:55 Uhr hektisch in der Notaufnahme. Fast zeitgleich bringt der Rettungsdienst zwei kritische Patienten. Der erste wird bereits auf dem Weg in den Schockraum reanimiert, der zweite künstlich beatmet. Der stellvertretende Chefarzt Alexander Ilisch muss jetzt den Überblick behalten und dazu gehört auch: freie Betten finden.
Rund 50.000 Notfall-Patienten versorgen sie hier pro Jahr. Das Krankenhaus ist mit über 700 Betten ein sogenannter Maximalversorger. Trotz der ländlichen Lage komme es immer wieder zu einer Vollbelegung, sagt Ilisch.
Dann habe ich ein nachgelagertes Problem: Ich habe eigentlich Patienten schon fertig in der Notaufnahme, ich kriege sie nur nicht verlegt. Das führt zum Stau in der Notaufnahme.
Alexander Ilisch, Chefarzt Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg
Im Fachjargon heißt dieser Stau Exit-Block. Am Tag der Umfrage hatten 60,6 Prozent der teilnehmenden Notaufnahmen mit einem solchen Exit-Block zu kämpfen.
Von einem Exit-Block sprechen Notfallmediziner, wenn Patienten, die stationär aufgenommen werden sollen, nach Abschluss der Behandlung in der Notaufnahme nicht auf eine Station verlegt werden können, weil dort keine Betten verfügbar sind. Da diese Patienten weiterversorgt werden müssen, führt der Exit-Block zu einer zusätzlichen Belastung in der Notaufnahme. Notfallmediziner gehen davon aus, dass es in den meisten Krankenhäusern ab einer Belegungsquote von 85 Prozent schwierig und ab 90 Prozent kaum noch möglich ist, einen Exit-Block in der Notaufnahme zu vermeiden.
Der Bundestag beriet im Juli über eine Reform der Notfallversorgung. Künftig sollen der Not- und Rettungsdienst sowie die Notaufnahmen besser vernetzt werden, um die Notaufnahmen zu entlasten.
10.07.2026 | 1:43 minFinanzierungsdruck auf Notaufnahmen
Dass die Krankenhausstationen immer prall gefüllt sind, hat auch finanzielle Gründe. Denn wer Geld verdienen will, braucht hohe Fallzahlen, also Patienten, die stationär in den Krankenhäusern behandelt werden, erläutert Gesundheitsökonom Matthias Brachmann von der Universität Witten/Herdecke.
Die Notaufnahmen seien dagegen ein Verlustgeschäft. 94 Euro würden Klinikbetreiber im Schnitt draufzahlen, wenn sie gesetzlich versicherte Patienten behandeln, rechnet der vor. Er warnt: "Die Notaufnahmen stehen nackt im Sturm des Kostendrucks in den Krankenhäusern. Und in der finanziellen Lage aktuell ist der Sparanreiz brutal."
Gesetzespläne von Gesundheitsministerin Warken sehen vor, dass Patientinnen und Patienten mit dringenden Anliegen künftig gezielter zu passenden Behandlungsangeboten kommen sollen.
22.04.2026 | 1:37 minPersonalnot in den Kliniken
Das gelte insbesondere beim Personal. Und tatsächlich berichteten rund zwei Drittel der Notaufnahmen in der Umfrage von unbesetzten Stellen im ärztlichen Dienst und in der Pflege. Nur knapp ein Drittel bewerteten die Personalausstattung als ausreichend.
Die neuen DGINA-Zahlen dürften die Debatte um eine Notfallreform befeuern, die noch im Herbst im Bundestag verabschiedet werden soll. Der Gesetzentwurf sieht unter anderem vor, die Notaufnahmen durch eine bessere Patientensteuerung zu entlasten.
Fachkräftemangel überall. Besonders in Krankenhäusern spitzt sich die Situation derzeit zu. Operationen müssen verschoben werden, Pflegekräfte kommen an ihre Grenzen.
05.02.2023 | 30:00 minMehr zu diesem Thema sehen Sie am Dienstag, 22.09.2026, ab 18 Uhr im ZDF-Streaming-Portal in der Doku: "Notaufnahmen vor dem Kollaps".
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