Bezahlbarer Wohnraum in München:90-Jähriger verschenkt Millionen für 27 günstige Wohnungen
von Benedikt Karl
Otto Gugger überlässt sein Grundstück in München einer Stiftung. Statt zehn Millionen Euro zu kassieren, ermöglicht der 90-Jährige dort bezahlbare Wohnungen.
Otto Guggers Grundstück bei München wäre rund zehn Millionen Euro wert, doch statt es zu verkaufen, stellt er es einer Stiftung zur Verfügung, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.
29.08.2026 | 4:36 minOtto Gugger könnte zehn Millionen Euro auf dem Konto haben. Er müsste dafür bloß sein Grundstück im Münchner Stadtteil Hadern verkaufen. Doch der 90-Jährige will das nicht.
Millionengrundstück für bezahlbaren Wohnraum
Im Gegenteil - er hat das 3.000 Quadratmeter große Grundstück an eine Stiftung verschenkt. Die soll hier etwas schaffen, das in der bayerischen Landeshauptstadt Mangelware ist: bezahlbaren Wohnraum.
Ich hab immer gedacht, dass es für Leute Heimat werden soll, die es sich nicht leisten können, die hohen Mieten zu zahlen.
Otto Gugger, Grundstückseigentümer
So erklärt Gugger seine Motivation. Gemeinsam mit seiner Schwester lebt er in dem großen Haus. Beide haben keine Kinder und wollten sicherstellen, dass auf dem weitläufigen Gelände etwas Sinnvolles entsteht.
Die Nachfrage nach Büros sinkt, der Leerstand wächst. Durch Umwandlung könnten laut ifo-Institut bis 2030 bis zu 60.000 neue Wohnungen entstehen - auch für Studierende und Wohnungslose.
09.08.2026 | 1:34 minDas muss nun Christian Stupka umsetzen. Die von ihm gegründete Stiftung "Daheim im Viertel" hat es sich zur Aufgabe gemacht, bezahlbaren Wohnraum dauerhaft zu sichern oder, wie im Falle Otto Guggers, zu schaffen. Dafür sucht sie Menschen, die ihre Immobilien oder Grundstücke verschenken, vererben oder zu einem deutlich günstigeren Preis als marktüblich verkaufen.
Dann übernimmt die Stiftung die Immobilie und verpflichtet sich, sie nicht zu verkaufen, sondern die Mietwohnungen zu erhalten - zu Preisen weit unter dem Durchschnitt. Jedes ihrer Häuser entzieht die Stiftung somit dauerhaft dem Immobilienmarkt und verhindert, dass sie zu Spekulationsobjekten werden.
Die Wohnungsnot in Deutschland bleibt eine Baustelle. Weniger als 200.000 Wohnungen sollen dieses Jahr fertig werden. Über Lösungen diskutiert die Branche auf dem Wohnungsbautag in Berlin.
26.03.2026 | 1:33 minStiftung plant 27 bezahlbare Wohnungen
Im Falle Otto Guggers geht es nicht nur darum, Wohnraum zu erhalten, sondern neuen zu schaffen. 27 Wohnungen sollen entstehen, rund 70 Menschen hier ihr Zuhause finden. Doch Neubau ist teuer; die Stiftung ist auf Spenden angewiesen. Je mehr Geld sie erhält, desto günstiger kann sie die Wohnungen später einmal anbieten.
Würde die Stiftung Grundstücke zum Marktpreis kaufen, müssten sie, um den Kauf zu refinanzieren, allein wegen des Bodenpreises Mieten von 20 bis 25 Euro pro Quadratmeter verlangen, rechnet Christian Stupka vor. Die Baukosten kämen da noch hinzu.
Ich bin frustriert, dass wir eine Explosion der Bodenpreise haben, wo doch das Wohnen ein Grundbedürfnis ist und eigentlich der Grund und Boden nicht missbraucht werden darf, dass man damit leistungslos Kasse macht.
Christian Stupka, Stiftung "Daheim im Viertel"
Experten sehen diese Entwicklung ebenfalls kritisch. Alain Thierstein, emeritierter Professor für Raumentwicklung an der TU München, sagt:
Eines der Hauptprobleme, die wir im Mietmarkt haben, ist die Spaltung der Mieten zwischen Neumieten und den Bestandsmieten.
Alain Thierstein, emeritierter Professor für Raumentwicklung an der TU München
Wie schaffen wir neuen Wohnraum? Und wie viel Platz brauchen wir zum Leben wirklich? Wie kann man aus Altem schnell was Neues bauen? Mit neuen Ideen zur eigenen Wohnung!
03.05.2026 | 43:32 minHohe Bodenpreise treiben die Mieten
Im vergangenen Jahr kostete eine unmöblierte Neubauwohnung in München bei Erstbezug im Schnitt fast 26 Euro pro Quadratmeter. Etwa 60 Prozent der Entstehungskosten mache dabei allein der Bodenpreis aus, so Thierstein. Diese Kosten legen Vermieter auf ihre Mieter um. Das Resultat: ein Immobilienmarkt, den sich immer weniger Menschen leisten können.
"Selbst wenn Baustandards reduziert werden, haben wir dort am Schluss einen Quadratmeterpreis, der sehr hoch ist und der bestimmte Einkommensschichten ausschließt", sagt Stadtentwicklungsforscher Thierstein.
Otto Gugger, der selbst Architekt war, will das auf seinem Grundstück verhindern. Er wünscht sich, dass Auszubildende aus dem nahe gelegenen Uni-Klinikum, in dem schon sein Vater arbeitete, in den neuen Wohnungen leben werden.
Betrachte man den Mietmarkt insgesamt, sei das natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, sagt Alain Thierstein. Es brauche insgesamt mehr Nachverdichtung und Neubau.
Aber alles hilft, was diese rein am Markt orientierten, maximierenden Mieten durchbricht.
Alain Thierstein, emeritierter Professor für Raumentwicklung an der TU München
Bezahlbarer Wohnraum wird in Deutschland immer knapper, vor allem in den Großstädten. In München verzweifeln selbst Besserverdiener und vor allem Familien.
13.03.2026 | 4:45 minOtto Guggers Entscheidung als Vorbild?
Man könne nicht davon ausgehen, dass es irgendeine Maßnahme gäbe, die dieses Problem auf einen Schlag lösen würde, so der Experte. Er sieht den Ansatz der Stiftung deshalb positiv und glaubt, dass Entscheidungen wie die von Otto Gugger eine Vorbildwirkung haben könnten.
Für den ist es eine einfache Rechnung: Otto Gugger verzichtet auf Millionen, damit andere auf seinem Grundstück das finden, was er dort seit 90 Jahren hat: ein Zuhause.
Benedikt Karl berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Bayern.
Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr zum Thema Wohnungsnot
Wohnen auf dem Supermarkt als Beispiel:Wie sich der Wohnungsbau in Deutschland ankurbeln lässt
von Frank Bethmannmit Video1:39"Hoffnungsschimmer, aber kein Durchbruch":Stärkster Anstieg bei Baugenehmigungen seit zehn Jahren
mit Video0:27- Grafiken
So viel Einkommen fließt ins Wohnen:Mieten oder Kaufen: Was ist wo günstiger?
von Luisa Billmayer und Kathrin Wolffmit Video2:17