Münchner Projekt gegen Wohnungsnot:Wenn Büros zu Wohnungen werden
von Benedikt Karl
Millionen Quadratmeter Büroflächen stehen leer. Könnten sie die Wohnungsnot lindern? Ein Münchner Projekt zeigt, welches Potenzial im Umbau steckt.
Die Nachfrage nach Büros sinkt, der Leerstand wächst. Durch Umwandlung könnten laut ifo-Institut bis 2030 bis zu 60.000 neue Wohnungen entstehen - auch für Studierende und Wohnungslose.
09.08.2026 | 1:34 minFür Melanie Dilg von der Diakonie sind sie "Lebenskünstlerinnen", die 32 Frauen, die hier im Münchner Westen ein Zuhause gefunden haben. Früher waren sie wohnungslos, haben oft Traumatisches erlebt. In der Diakonie-Einrichtung können sie nun in Einzimmerapartments leben, unbefristet.
Das Gebäude, in dem die Frauen wohnen, war früher ein Bürogebäude. Ein Investor hat es umgebaut und so Wohnraum geschaffen, der in München dringend benötigt wird. In deutschen Städten stehen Millionen Quadratmeter an Gewerbeflächen leer. Und der Trend nimmt zu: Nach Berechnungen des ifo-Instituts dürfte der Bedarf an Büroflächen dank Homeoffice bis 2030 um 12 Prozent sinken.
Das eröffnet Möglichkeiten, diesen Leerstand umzunutzen. "Man muss über neue Lösungen nachdenken", sagt der Münchner Architekt Rudolf Hierl. Er ist einer der Vorreiter in Sachen Umbau und überzeugt: "Diese Lösungen gibt es alle."
Wie schaffen wir neuen Wohnraum? Und wie viel Platz brauchen wir zum Leben wirklich? Wie kann man aus Altem schnell was Neues bauen? Mit neuen Ideen zur eigenen Wohnung!
03.05.2026 | 43:32 minStudenten-WGs in bester Wohnlage
Gerade ist er dabei, ein Bürogebäude in der Münchner Innenstadt umzubauen: In Bestlage zwischen Universität und Englischem Garten sollen hier künftig Studenten einziehen. Das Gebäude stammt aus den 1970er-Jahren, Hierl hat den Eigentümer davon überzeugt, lieber um- statt neu zu bauen. Das sei "komplexer und anspruchsvoller als Neubau", sagt der Architekt.
Denn für Bürogebäude gelten andere Normen als für Wohngebäude. Insbesondere in Sachen Schall-, Brand- und Lärmschutz sowie Wärmedämmung muss bisweilen aufwendig umgerüstet werden.
Der Soziale Wohnungsmonitor des Pestel-Instituts zeigt: In Deutschland fehlen rund 1,4 Millionen günstige Wohnungen. Gleichzeitig werden weiterhin zu wenige neue Häuser gebaut.
15.01.2026 | 1:34 minUnd dann ist da noch die Frage nach Schadstoffen: Rudolf Hierl hatte auch in diesem Gebäude in der Münchner Innenstadt Asbest befürchtet. Doch er hatte Glück: Schadstoffe fanden sich nicht. Hierl ist sich sicher, dass man den angespannten Wohnungsmarkt durch Umbaumaßnahmen wie diese schnell entspannen könnte.
Umbau muss man wollen und können.
Rudolf Hierl, Architekt
Experten gehen davon aus, dass rund ein Drittel der leerstehenden Gewerbeflächen gut geeignet wären für einen zeitnahen Umbau. Das ergäbe binnen weniger Jahre ein Potenzial von Wohnraum für rund 100.000 Menschen - allein in den sieben größten deutschen Städten.
Familie, Trennung oder Alter: Wohnbedürfnisse verändern sich. Ein Leipziger Projekt setzt auf flexible Wohnungen, die sich an neue Lebenssituationen anpassen lassen – ohne Umzug.
14.07.2026 | 2:06 minGewerbemieten bringen mehr Geld
Wenn die Bedingungen stimmten, sei die Umwandlung von Bürogebäuden "extrem sinnvoll", sagt Benedikt Boucsein, Professor für Urban Design an der TU München. Denn dadurch lassen sich in großem Maße Emissionen einsparen und Quartiere beleben. Das Problem: Gewerbe zu vermieten sei in der Regel lukrativer als Wohnraum, so Boucsein. Deshalb zögern viele Eigentümer.
Steuerliche Anreize und Förderungen könnten das verändern. Die Bundesregierung hat das Potenzial erkannt und will mit dem Förderprogramm "Gewerbe zu Wohnen" Umbaumaßnahmen mit bis zu 300.000 Euro unterstützen.
Bezahlbarer Wohnraum wird in Deutschland immer knapper, vor allem in den Großstädten. In München verzweifeln selbst Besserverdiener und vor allem Familien.
13.03.2026 | 4:45 minBenedikt Boucsein von der TU München plädiert dafür, alle zur Verfügung stehenden Maßnahmen zu verbinden. Angesichts des großen Mangels gebe es nicht mehr den einen großen Hebel, um die Wohnungsnot zu lindern. Überhaupt bleibe ein grundlegendes Problem bestehen:
Solange unsere Gesellschaft akzeptiert, dass mit Boden spekuliert werden kann, haben wir in allen städtebaulichen Aspekten einen schweren Stand.
Benedikt Boucsein, TU München
Es sei weiterhin attraktiv, auf Boden sitzen zu bleiben und auf eine Wertsteigerung zu spekulieren. Und das erschwere die Schaffung günstigen Wohnraums massiv.
In Deutschland sind 2025 so wenige Wohnungen gebaut worden wie seit 13 Jahren nicht mehr. Im vergangenen Jahr wurden 206.600 Wohnungen fertiggestellt - 18 Prozent weniger als im Vorjahr.
22.05.2026 | 0:27 minMehr als nur Wohnraum
Im Projekt der Münchner Diakonie ist aus einem ehemaligen Bürogebäude mehr als neuer Wohnraum entstanden. Die Einrichtung verfolgt das Konzept "Housing First". "Das Wohnen ist die Grundlage. Alles Weitere erfolgt auf freiwilliger Basis", sagt Leiterin Melanie Dilg.
Beratung und Unterstützung können die Bewohnerinnen nutzen, müssen sie aber nicht. Für Frauen, die oft erfahren hätten, nirgendwo dazuzugehören, sei das Haus vor allem eines: ein Ort, an dem sie zum ersten Mal wirklich ankommen.
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