Stichwahl in München:Wie die Grünen die Fehler von SPD und Reiter nutzten
von Eva Schiller
42 Jahre lang hat die SPD München regiert. Das ist vorbei. Dieter Reiter von der SPD zieht sich nach einem Fettnäpfchen-Wahlkampf zurück. Bayerns Hauptstadt wird nun grün regiert.
Es ist eine Sensation für Bayern: Dominik Krause vom Bündnis 90/Die Grünen gewinnt die Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters in München.
Quelle: dpaDie Grünen feiern Dominik Krause wie einen Superstar, als sich der 35-Jährige am Abend durch die Menschenmenge in einer Münchner Konzerthalle schiebt. Zwischen "Bella Napoli"-Klängen und wildem "Dominik"-Gekreische erklimmt Krause die Bühne.
Dann steht er da: Ein bisschen aufgeregt, ein bisschen schüchtern und sichtbar überwältigt. "Vielen Dank München für dieses großartige Ergebnis. Es ist ein gigantisches Vertrauen, das die Münchner und Münchnerinnen in uns gesetzt haben. Und jetzt geht die Arbeit los", sagt der 35-jährige Physiker, der bislang schon als zweiter Bürgermeister München mitregierte.
Nach der Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters in München hat sich Dominik Krause von den Grünen durchgesetzt. Damit bricht die jahrzehntelange Vorherrschaft der SPD.
23.03.2026 | 0:25 minDieter Reiter verkündet Ende der politischen Karriere
Und während die Grünen diese historische Sensation feiern, räumt Dieter Reiter mit brüchiger Stimme seine klare Niederlage mit klaren Worten ein. "Ich hab’s verbockt, es ist meine Schuld." Und:
Das ist heute der letzte Tag meiner politischen Karriere.
Dieter Reiter, SPD
Nachdem München 42 Jahre ein roter Fleck im überwiegend schwarz, CSU-regierten, Bayern war, ist diese Ära jetzt vorbei und es stellt sich die Frage: Warum ist diese Bastion gefallen? Liegt es an der Person Reiter oder an einer SPD, die das Gespür fürs Volk verloren hat?
Münchens SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter hat im Rennen um das Rathaus seine Niederlage eingestanden und dem Grünen-Bewerber Dominik Krause gratuliert.
23.03.2026 | 0:57 minWahlkampf in München: Fehler und Entschuldigungen des OB
Seinen Wahlkampf hat Reiter komplett, ja fast ausschließlich auf sich zugeschnitten: "Reiter passt" war überall in München zu lesen. Themen - Fehlanzeige. Dazu reihte sich ein Fehler, eine Entschuldigung an die andere. Da ist die Nebentätigkeit beim FC Bayern, die Reiter sich nicht vom Stadtrat genehmigen ließ. Dann ein rassistisches Zitat, das ihm aus Versehen rausrutschte. Und für den Wahlkampfendspurt nahm er Sonderurlaub, während sein Kontrahent und Stellvertreter Krause die Amtsgeschäfte führte.
Das brachte viele Münchner Seelen zum Kochen, in der Stadt machte sich ein Gefühl breit, dass da ein Bürgermeister agierte, der entkoppelt schien von seinen Bürgern.
Dieter Reiter hat im Stadtrat einen rassistischen Begriff verwendet und sich später dafür entschuldigt. Er sprach von einem spontanen Zitat des Kabarettisten Fesl.
06.03.2026 | 0:26 minDominik Krause: Thema Wohnen hat Wahl entschieden
Der Wahlsieger Krause verliert am Abend kein schlechtes Wort über Reiter. Im Gegenteil. Er dankt ihm für die zwölf Jahre als Oberbürgermeister. Aber auf die Frage im ZDF-Interview, was diese Wahl entschieden hat, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Wohnen, Wohnen, Wohnen, bezahlbare Mieten und ich habe wahrgenommen von den anderen, was alles nicht geht. Wir haben Vorschläge gemacht, was möglich sein kann."
Der junge Grüne hat einen aktiven, strukturierten, themenorientierten Wahlkampf geführt, viele Unterstützer mobilisiert, die wochenlang überall in der Stadt für ihn warben. Er hat es geschafft, Aufbruchsstimmung zu verbreiten, während Reiter offenkundig unterschätzt hat, wie sehr sich viele Münchner Veränderung gewünscht haben.
Und so zeigte dieses Überraschungsergebnis wohl beides: Es liegt an der Person Reiter, der sich seiner Sache zu sicher war und zu viele Fehler im Wahlkampf gemacht hat. Es liegt aber auch an einer SPD, der es in München und anderswo schwerfällt, ein klares Profil zu zeigen, zu spüren, was die Mitte der Bevölkerung umtreibt und das zu adressieren.
Bezahlbarer Wohnraum wird in Deutschland immer knapper, vor allem in den Großstädten. In München verzweifeln selbst Besserverdiener und vor allem Familien.
13.03.2026 | 4:45 minGrüne jubeln über Sieg - und freuen sich auf Wiesn mit Markus Söder
Bleibt die Frage, wie Ministerpräsident Markus Söder (CSU) das findet, dass einer seiner politischen Lieblingsfeinde, die Grünen, jetzt München regieren. Bei den Grünen jedenfalls facht das jetzt schon die Freude über diesen Sieg weiter an:
Allein, dass ein grüner Bürgermeister Markus Söder auf der Wiesn die erste Maß einschenkt. Ich liebe es.
Katharina Schulze, Grüne Fraktionschefin im Landtag
Derweil hat Krause auf der Bühne seine Dankesarie beendet, küsst seinen Lebensgefährten und verspricht, loszulegen. Der Erwartungsdruck, der auf dem 35-Jährigen lastet, ist groß. Münchens Kassen sind leer und trotzdem müssen jetzt auf seine Worte Taten folgen.
Eva Schiller leitet das ZDF-Studio in München.
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