"Markus Lanz" zur Pflegereform:Thorsten Frei: "Dann fährt man das System an die Wand"
von Bernd Bachran
Bei "Markus Lanz" warnt Union-Fraktionschef Thorsten Frei vor einem Kollaps des Pflegesystems. Ohne Gegenmaßnahmen drohten in zehn Jahren 8,3 Millionen Pflegebedürftige.
Sehen Sie hier die Sendung Markus Lanz vom 30. September 2026.
01.10.2026 | 76:41 minNach wochenlangem Streit hat das Bundeskabinett am Mittwoch die umkämpfte Pflegereform von Gesundheitsminister Carsten Linnemann beschlossen. Während der allgemeine Beitragssatz bei 3,6 Prozent stabil bleibt, steigt ab dem 1. Januar 2027 der Beitragszuschlag für Kinderlose um 0,3 Punkte auf 0,9 Prozent.
Zuvor hatte die SPD mit einer Blockade gedroht, da sie ein "reines Kürzungspaket" nicht mittragen wollte. Weitreichendere strukturelle Reformen bleiben zurzeit jedoch aus und werden an eine Expertenkommission ausgelagert, die im Oktober ihre Arbeit aufnehmen soll.
Am Mittwochabend nahm der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU im Bundestag, Thorsten Frei, bei "Markus Lanz" Stellung zur nun beschlossenen Pflegereform:
Ich finde, egal welche Reformen man macht, die sollten immer gerecht sein. Das ist die oberste Maßgabe. Das ist auch Voraussetzung für Akzeptanz.
Thorsten Frei, Fraktionsvorsitzender der Union
Frei warnt vor 8,3 Millionen Pflegebedürftigen
Frei wies darauf hin, dass die Herausforderungen in der Pflege aufgrund des demografischen Wandels weiter zunehmen werden. Die Zahl der Pflegebedürftigen ist seit 2017 von 2,8 auf 6,4 Millionen gestiegen.
Am Mittwoch hat das Bundeskabinett den Entwurf zum Pflegeordnungsgesetz beschlossen. Dieser war von der SPD stark kritisiert worden, jetzt hat sich die Koalition auf einen Kompromiss geeinigt.
30.09.2026 | 0:58 minAllein durch die Alterung der Gesellschaft wäre jedoch lediglich ein jährlicher Anstieg von nur etwa 100.000 Pflegebedürftigen zu erwarten gewesen, so Frei, was nach seiner Einschätzung noch beherrschbar wäre. Die tatsächliche Entwicklung gehe jedoch deutlich darüber hinaus.
Wenn wir nichts verändern, dann werden wir in weiteren zehn Jahren bei 8,3 Millionen Pflegebedürftigen sein.
Thorsten Frei
Das ist "ein erster wichtiger Schritt heute gewesen, der reicht aber nicht aus, um die Pflegeversicherung für die 30er Jahre fit zu machen", so Bundesgesundheitsminister Linnemann.
30.09.2026 | 6:20 minFrei: "Dann fährt man das System an die Wand"
Frei warnte, dass das Pflegesystem ohne Gegenmaßnahmen an seine Grenzen geraten werde. "Dann fährt man das System an die Wand." Deshalb müsse der Anstieg der Ausgaben zunächst gebremst werden.
Grundlegende Reformfragen sollten anschließend von der geplanten Expertenkommission ab Oktober geklärt werden, da diese auch gesellschaftspolitische Entscheidungen erforderten. "Wir müssen schauen, wie man die Kosten trotz allem, was notwendig ist, in den Griff bekommt. (…) Das, was pflegerisch notwendig ist, das muss man natürlich machen."
In der Pflegeversicherung steigt der Beitragszuschlag für Kinderlose ab dem 1. Januar von 0,6 auf 0,9 Prozent. Auch die Beitragsbemessungsgrenze soll monatlich um 300 Euro angehoben werden.
30.09.2026 | 1:49 minFokus auf besonders Hilfsbedürftige
Frei räumte ein, dass Reformen in einzelnen Fällen auch geringere Leistungen bedeuten könnten. Zugleich werde es nach seiner Einschätzung Bereiche geben, in denen zusätzliche Leistungen erforderlich seien.
Wir müssen uns auf die konzentrieren, die diese Hilfe und Unterstützung ganz besonders intensiv brauchen, um sie an anderer Stelle dann runterzufahren.
Thorsten Frei
Der CDU-Politiker verwies darauf, dass nur rund 14 Prozent der Pflegebedürftigen stationär versorgt würden, diese jedoch mehr als ein Drittel der Gesamtkosten verursachten. Die große Mehrheit werde dagegen zu Hause gepflegt, etwa durch Angehörige, Nachbarschaftshilfen oder ambulante Pflegedienste.
Um die Kosten langfristig zu begrenzen, sprach er sich dafür aus, Prävention, frühzeitige Beratung und niedrigschwellige Unterstützungsangebote stärker auszubauen.
Gesundheitsökonom Greß fordert einen Deckel für Pflege-Eigenanteile. Viele Betroffene könnten die stark gestiegenen Kosten kaum noch tragen und seien auf Sozialhilfe angewiesen.
28.09.2026 | 3:31 minMehr private Vorsorge
Frei sprach sich zudem für mehr Eigenverantwortung bei der Altersvorsorge aus. Jeder Bürger müsse stärker privat vorsorgen, um sich für das Alter abzusichern. "Wir tun immer so, als wäre [die Pflegeversicherung] eine Vollversicherung. Sie ist aber 1995 als eine Teilversicherung konzipiert worden."
Mit Blick auf die Rentenreform betonte Frei, die Vorschläge der Rentenkommission seien als Gesamtpaket zu verstehen. Dabei handle es sich nicht nur um einen Kompromiss zwischen den Koalitionsparteien, sondern auch zwischen den Generationen. Zwar enthalte das Paket auch Punkte, die er persönlich kritisch sehe, insgesamt müsse jedoch eine ausgewogene Gesamtlösung gefunden werden.
Es geht darum, dass man auch einen Kompromiss zwischen den Generationen schafft.
Thorsten Frei
"Dabei müssen wir diejenigen im Blick nehmen, die heute in Rente sind. Wir müssen aber auch diejenigen im Blick haben, die in zehn, 20, 30 oder 40 Jahren in Rente gehen. Und dazu müssen alle ihren Beitrag leisten."
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