Gutachter über Täter vom Weihnachtsmarkt:Magdeburg: "Als Herrscher über Leben und Tod Macht ausgeübt"
von Annette Pöschel
Der Attentäter vom Magdeburger Weihnachtsmarkt ist schuldfähig und weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit, so ein Sachverständiger. Das Gutachten verrät noch mehr über ihn.
Der Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt ist schuldfähig: Das ergab ein Gutachten, das im Prozess gegen den Angeklagten Taleb A. vorgelegt wurde.
28.01.2026 | 0:33 minTaleb A. hält sich die Ohren zu. Er will nicht hören, wie das psychiatrische Gutachten ihn beschreibt: als narzisstische Persönlichkeit. Dass er im "hohen Maße von sich eingenommen sei", sich "im Zentrum einer Verschwörung gesehen" habe.
Demnach hat der zum Tatzeitpunkt 50-jährige Arzt mit saudi-arabischer Staatsbürgerschaft genau gewusst, was er tat, als er am 20. Dezember 2024 mit einem Mietwagen über den Magdeburger Weihnachtsmarkt raste und sechs Menschen in den Tod riss. Zudem war der Anschlag von langer Hand geplant. Und schließlich hat er "als Herrscher über Leben und Tod Macht ausgeübt", so Langer.
Ein Jahr nach der Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mit sechs Toten und hunderten Verletzten ringt eine ganze Stadt mit den Folgen des Anschlags.
17.12.2025 | 26:53 minAttentäter von Magdeburg: Keine Reue, keine Empathie
Er attestiert Taleb A. mangelnde Empathiefähigkeit - besonders dann, wenn die Gefühle anderer seinen eigenen Interessen entgegenstünden. Im Prozess hat er keine Reue oder Einsicht gezeigt - auch nicht, als Geschädigte und Augenzeugen sehr detailliert von ihrem Erleben des Anschlags und den Folgen für sie berichteten. Das sind dann auch die Momente, in denen die Nebenkläger schwer zu kämpfen haben:
"Der Angeklagte ruft bei den Geschädigten eigentlich ausnahmslos Fassungslosigkeit hervor. Eine fassungslose Wut. Die Frage, die im Raum steht, ist immer die gleiche. Wie konnte er nur das tun?", so Opferanwalt Thomas Klaus.
Aber eine befriedigende Antwort haben sie bislang nicht erhalten. Und werden es wohl auch nicht.
Thomas Klaus, Opferanwalt
Taleb A., der Attentäter von Magdeburg steht über ein Jahr nach der Tat vor Gericht.
Quelle: dpaTaleb A. fiel bereits wegen Drohungen auf
Schon vor Jahren habe der Angeklagte eine "ausgeprägte Empfindlichkeit" an den Tag gelegt, zeigt Gutachter Bernd Langer auf. Wenn die Dinge für ihn nicht so gelaufen sind, wie er es gerne hätte. Zum Beispiel als ihm seine im Ausland erworbenen beruflichen Qualifikationen nicht anerkannt wurden, drohte er Mitarbeitern der Behörden, "was habe er denn zu verlieren".
Ein wiederkehrendes Interaktionsmuster auch der Hungerstreik: 2013 vor der Ärztekammer in Mecklenburg-Vorpommern und Ende 2025 im Verlaufe des Prozesses.
Etwa elf Monate nach dem Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mit sechs Toten und hunderten Verletzten hat der Prozess gegen Taleb A. begonnen.
10.11.2025 | 2:22 minAngeklagter wütet regelmäßig an seinem Platz im Gericht
Die meiste Zeit sitzt Taleb A. scheinbar regungslos in seinem Glaskasten, hinter ihm zwei Sicherheitskräfte. Und die sind auch nötig, denn so manches Mal rastet der Angeklagte aus. So auch heute. Minutenlang stört er die Ausführungen des Gutachters - lässt sich dabei auch nicht von den Ermahnungen des Vorsitzenden Richters beirren. Ein Sprecher erklärt:
Im gesamten Prozess hat sich gezeigt, dass der Angeklagte durchaus leicht erregbar ist, und zwar immer dann, wenn Dinge gesagt werden, die für ihn nicht so günstig sind.
Christian Löffler, Sprecher des Landgerichts Magdeburg
"Der Angeklagte neigt dazu, [zu glauben,] dass sich bestimmte Gruppen gegen ihn verschworen haben. Insbesondere diese Säkulare Flüchtlingshilfe, und er fühlt sich auch von der Justiz im Stich gelassen, weil er Prozesse gegen sie verloren hat", so Christian Löffler, Sprecher des Landgerichts Magdeburg.
Der Täter von Magdeburg, Taleb A., hat aus der Untersuchungshaft Kontakt mit fünf Opfern seiner Amokfahrt aufgenommen.
06.08.2025 | 2:38 minTäter sieht sich "im Zentrum einer Verschwörung"
Zunächst hatte er mit der Säkulären Flüchtlingshilfe in Köln gemeinsame Interessen verfolgt, als er sich - so Gutachter Langer - durchaus "altruistisch" für saudische Flüchtlinge eingesetzt hat. Doch später hätte er, der nach eigener Darstellung "prominenteste Islamkritiker" und "weltweit bekannter Aktivist" einen Konkurrenzkampf geführt.
Er warf der Organisation schwere Verbrechen vor: Korruption, Agententätigkeit oder etwa asylsuchende Frauen in die Prostitution zu zwingen. Keine seiner Anzeigen hatte Erfolg, sämtliche Verfahren wurden eingestellt. Vieles spreche dafür, so der Sachverständige, "dass sich der Angeklagte im Zentrum einer Verschwörung" gesehen habe.
Gutachter: Taleb A. nicht vermindert schuldfähig
In der Gesamtschau konnte Gutachter Bernd Langer keine schuldmindernden Umstände feststellen. Taleb A. kann also für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden. Weil er noch immer gefährlich sei, empfiehlt der Gutachter die Sicherungsverwahrung.
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