Pilotprojekt in Bremen:Wie viel arbeiten Lehrkräfte wirklich?
von Nathalie Siegler, Paula Nicnerski
Vormittags recht haben und nachmittags frei - so lautet ein Klischee über Lehrkräfte. Ein Pilotprojekt an neun Bremer Schulen soll zeigen, wie viel Lehrer wirklich arbeiten.
Für das Schuljahr 2026/2027 startet Bremen ein Pilotprojekt an ausgewählten Schulen. Das Projekt soll zeigen, wie hoch die tatsächliche Belastung von Lehrkräften im Schulalltag ist.
03.09.2026 | 1:49 minLisa Kolano ist Lehrerin an der Oberschule an der Lerchenstraße in Bremen-Vegesack. Ihr Alltag hat mit dem Klischee vom frühen Feierabend wenig zu tun:
So ein Tag kann auch mal von acht bis 19:30 Uhr gehen.
Lisa Kolano, Lehrerin an der Oberschule an der Lerchenstraße
Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, Elternabende, Konferenzen und Mails gehören ebenfalls zu ihrer Arbeit. Dieser Aufwand außerhalb des Unterrichts bleibt häufig unsichtbar. Auch Kolano und ihr Arbeitgeber wussten bislang nicht genau, wie viele Stunden sie insgesamt arbeitet.
In Deutschland gilt seit der Kaiserzeit das sogenannte Deputat. Maßgeblich ist dabei die Zahl der zu leistenden Unterrichtsstunden. An Kolanos Schule liegt sie bei einer Vollzeitstelle zwischen 25 und 28 Unterrichtsstunden pro Woche.
App "Untis Arbeitszeit" soll Arbeitszeit sichtbar machen
Seit diesem Schuljahr erfassen Lehrkräfte in der App "Untis Arbeitszeit", wann sie welchen Tätigkeiten nachgehen. Dazu zählen etwa Pausenaufsichten, Korrekturen, die Beratung von Eltern und Schülern, die Organisation von Klassenfahrten und das Schlichten von Streit. So soll die gesamte Arbeit auch außerhalb des eigentlichen Unterrichts sichtbar werden.
Dabei geht es auch um den Arbeits- und Gesundheitsschutz. Das Land Bremen reagiert mit dem Pilotprojekt auf Beschlüsse des Europäischen Gerichtshofs und des Bundesarbeitsgerichts, die Arbeitgeber zur Erfassung der Arbeitszeiten ihrer Beschäftigten verpflichten. "Es gibt eine Rechtsverpflichtung. Und deshalb erfassen wir jetzt die Daten", sagt Mark Rackles (SPD), Senator für Kinder und Bildung.
Die Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland nimmt weiter zu. 2024 wurden über 1.200 Fälle einfacher Körperverletzung und mehr als 500 schwere Übergriffe erfasst.
10.04.2026 | 0:28 minBildungssenator: Gesamtarbeitszeit statt Deputat betrachten
Dabei sieht Rackles in dem Pilotprojekt mehr als die Erfüllung rechtlicher Vorgaben: "Es ist wichtig, dass man sich von dieser Deputatsstunden-Sicht löst, die Gesamtarbeitszeit im Blick behält und dann überlegt, was Lehrkräfte heutzutage leisten müssen."
Früher stand der Pauker vor der Klasse, hat unterrichtet, das war seine Arbeit. Heute ist es nur ein Teil der Arbeitszeit.
Mark Rackles, Senator für Kinder und Bildung
Jonathan Dauber, Schulleiter der Oberschule an der Lerchenstraße, erhofft sich von den Daten eine bessere Organisation des Schulalltags. Wichtig sei die Frage:
Wie viel Zeit kostet gute Schule und welche Organisationsformen können wir wählen, damit die Kolleginnen (…) mehr Zeit haben für das, was sie wirklich können, nämlich die Beziehungsarbeit am Kind und die Bildungsprozesse zu begleiten?
Jonathan Dauber, Schulleiter der Oberschule an der Lerchenstraße
Statt des bisherigen "Planens im nebulösen Raum" wünscht sich Dauber mehr Übersicht. Lehrkräfte könnten dann flexibler nach ihren Interessen, Fähigkeiten und Kapazitäten eingesetzt werden.
25 Jahre nach dem ersten PISA-Schock lassen die Ergebnisse der wohl bekanntesten Bildungsstudie wieder aufhorchen: Deutschlands Schüler schneiden so schlecht ab wie noch nie.
10.09.2026 | 41:48 minGewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert weitere Schritte
Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bremen begrüßt den Vorstoß. "Es ist gut, dass dieser Schritt gegangen wird", sagt Elke Suhr. Die Belastung im Beruf sei hoch, eine Arbeitszeiterfassung könne zumindest Teile davon sichtbar machen.
Die Erfassung dürfe jedoch nicht der letzte Schritt sein. Mehr Verwaltungskräfte und mehr Schulsozialarbeit könnten die Lehrkräfte spürbar entlasten, fordert Suhr.
Mehr als 60.000 Jugendliche verließen 2025 in Deutschland die Schule ohne Abschluss. Ein Berufskolleg in Gelsenkirchen gibt einigen eine zweite Chance. Wir begleiten eine Klasse ein Jahr lang.
10.09.2026 | 6:00 minLehrer: Erfassung hilft bei Strukturierung
Björn Wolf, ebenfalls Lehrer an der Oberschule an der Lerchenstraße, hat durch die App persönliche Erkenntnisse gewonnen. Er sei überrascht gewesen, wie viel er derzeit arbeite: Zu Beginn des Schuljahres seien es rund 50 Stunden pro Woche.
Auch wenn er die anfallende Arbeit nur schwer reduzieren könne, helfe ihm die Erfassung, seinen Alltag besser zu strukturieren:
Ich versuche jetzt, an den Wochenenden die 36-Stunden-Pause einzuhalten, statt immer noch was dazwischenzuschieben.
Björn Wolf, Lehrer an der Oberschule Bremen
Welche Konsequenzen sich für Lehrkräfte wie Kolano und Wolf durch die Arbeitszeiterfassung tatsächlich ergeben, und wie Schule in Zukunft aussehen kann, wird sich am Ende des Bremer Schuljahres zeigen.
Nathalie Siegler und Paula Nicnerski berichten aus dem ZDF-Studio in Bremen.
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