Lehrerin macht jetzt Kampfsport:Gewalt in der Grundschule: Was eine Lehrerin erlebt
von Isabel de la Vega
Tatort Schule: Immer wieder werden Lehrerinnen und Lehrer Opfer von Gewalt. Eine Betroffene berichtet, wie die Wut von Schülern gegen Lehrkräfte zunimmt.
Lehrkräfte berichten von immer mehr Gewalttaten an Schulen. Neben Beleidigungen und Bedrohungen nehmen auch Körperverletzungen und Cybermobbing zu. Lehrkräfte fordern wirksame Gegenmaßnahmen.
21.04.2026 | 1:57 minSie ist Grundschullehrerin im Rhein-Main-Gebiet - ihren Namen möchte sie nicht nennen. Das Thema ist heikel: Gewalt im Klassenzimmer. Die junge Frau wird regelmäßig - vor allem von Jungen - im Klassenzimmer körperlich angegriffen. "Gewalt", schildert sie, "ist ein ganz elementarer Faktor im Schulalltag."
Ich habe mich vor den Schüler gekniet, um ihn zu beruhigen (…). Er hat dann ausgeholt mit der Schere.
Grundschullehrerin
Oft seien es Prügeleien zwischen Schülern, bei denen sie dazwischengehen müsse. Manchmal aber werde sie selbst Ziel von Angriffen: "Ich bin sowohl von Kindern als auch von Eltern bereits körperlich, verbal, massiv angegriffen worden."
"Körperliche Übergriffe gibt es an verschiedenen Schulen und das hat zugenommen" - hier müsse es mehr Prävention geben, sagt Stefan Düll, Präsident Deutscher Lehrerverband, zu Gewalt an Schulen.
16.04.2026 | 5:56 minLehrerin: "Psychisch extrem belastend"
Einmal habe eine Mutter sie vor der Schule angespuckt. Hintergrund war, dass sie ein Schulbuch in Rechnung gestellt habe. Sie schildert, wie ein wutentbrannter Vater eines Tages unvermittelt ins Klassenzimmer gerannt kam und ihr mit erhobener Faust drohte. Ein Glück, dass ein zweiter Kollege im Klassenraum sofort dazwischenging.
Das krasseste war der Fall, dass ein Schüler in der vierten Klasse, nachdem er eine entsprechende Serie im Fernsehen geschaut hatte, einen großen Stock mit Nägeln beschlagen hat und damit morgens in die Schule kam und angab, dass er damit seine Lehrerin ermorden wollte.
Grundschullehrerin
"Es ist psychisch extrem belastend", sagt sie. "Zusätzlich zu der ohnehin schon vorhandenen Überlastung" durch krankgeschriebene Kollegen und Kolleginnen, durch schwierige Schüler mit Lerndefiziten. Es fehlten Sozialpädagogen an ihrer Schule. Auch, um die Wut abzufangen, mit der viele Schüler von zuhause kämen.
Mehrere Lehrkräfte berichten von Gewalt und Mobbing durch Schüler an einer Berliner Grundschule. Nach seinem Outing sieht sich ein homosexueller Lehrer Angriffen ausgesetzt.
02.07.2025 | 7:25 minForscher über Gewalt und Aggression
Gewaltforscher Andreas Zick verweist auf den Familien-Alltag: "Wenn Kinder und Jugendliche wahrnehmen, dass Aggression und Gewalt bei den Eltern eine Möglichkeit ist, den Alltag zu bewältigen und eine Möglichkeit ist, zu kommunizieren und gemeinsam die Beziehung zu regulieren."
Es ist sehr deutlich auch eine Erziehungsfrage.
Andreas Zick, Gewaltforscher
Eine Umfrage der Universität Mainz unter rund 7.500 Lehrkräften in Rheinland-Pfalz zwischen 2022 und 2026 ergab, dass 17 Prozent von ihnen bereits Gewalt erfahren haben. Meist von Schülern: Drohungen, Beleidigungen, aber auch körperliche Gewalt.
Eine Studie zum Thema sexualisierte Gewalt an Schulen hat 133 Betroffene über ihre Erfahrungen befragt. Das Ergebnis: Rund 80 Prozent aller Opfer sind weiblich.
03.12.2025 | 1:40 min"Der Umgang unter den Kindern wird roher", sagt die Grundschullehrerin. Das sei kein "Ich-schubs-mal zurück", das sei schon zum Teil "drastische Gewalt." Sie führt es auf wirtschaftliche Probleme vieler Familien, auf die Armut im Stadtteil zurück, aus dem viele Kinder kämen. Auf überforderte Eltern, mangelnde Sprachkenntnisse, auf Bildungsferne. Und zentral: der Medienkonsum.
Aggressivität im Klassenchat, Stimmungsmache gegen Lehrer, das sei das "Vorglühen" zu echten Gewalttaten.
Experte: Social Media zentraler Faktor
"Wenn wir Gewalt und Aggression an Schulen sehen", sei ein ganz zentraler Faktor immer noch Social Media, erklärt Andreas Zick.
Weil auf Social Media eine parallele Schulkultur abläuft, die die Schule auch nicht in den Griff kriegt. Deswegen diskutieren wir ja auch Social-Media-Verbot an Schulen.
Andreas Zick, Konfliktforscher Universität Bielefeld
Mehrere Ministerpräsidenten drängen auf strengere Regeln für soziale Medien. Sie fordern Altersgrenzen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen und kritisieren die langsame Politik.
14.03.2026 | 0:28 minZur Frage, welche Rolle ein Migrationshintergrund bei dem Thema spielt, sagt Zick: "Migration ist dann ein Faktor, wenn wir Menschen haben, die mit einer höheren Akzeptanz von Gewalt und Aggression in die Gesellschaft kommen. Das heißt, zu Beginn eines Einwanderungsprozesses spielt das eine größere Rolle."
Viel Unterstützung von der Schulleitung bekam die betroffene Grundschullehrerin nicht. Und so hat sie privat Konsequenzen gezogen: Sie macht jetzt Kampfsport, um sich besser gegen ihre Schüler schützen zu können. Und überlegt, die Schule zu wechseln.
Isabel de la Vega berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Hessen.
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