Religiöse Konflikte an Schulen: Streit im Ramadan erhitzt Gemüter

Interview

Streit ums Pausenbrot im Ramadan:Expertin: Lehrer bei "religiösen Konflikten sehr ängstlich"

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In Kleve gab es Streit an einer Schule ums Essen im Ramadan. War das ein Einzelfall oder Beispiel für wachsende kulturelle Konflikte an Schulen? Eine Expertin gibt Antworten.

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An einer Gesamtschule in Kleve sollen während des noch laufenden Fastenmonats Ramadan nicht fastende Kinder mit ihrem Pausenbrot fastende muslimische Kinder provoziert haben. Umgekehrt sollen fastende Kinder die anderen aufgefordert haben, ihr Pausenbrot wegzuwerfen und auch zu fasten.

Eine Lehrerin soll beide Gruppen aufgefordert haben, sich wegzudrehen. Weder die fastenden noch die essenden Kinder sollten jeweils durch die andere Gruppe gestört werden. Der Vorgang sorgte für heftige Diskussionen - auch außerhalb von Kleve.

Inzwischen hat die schulische Aufsichtsbehörde mit allen Beteiligten gesprochen und den Streit nach eigenen Angaben beigelegt. Margit Stein ist Professorin für Pädagogik und forscht unter anderem zu Religiosität, Migration und Interkulturalität sowie Kinder- und Jugendrechte.

ZDFheute: Sie haben Studien zum Thema religiös motivierte Konflikte in Schulen durchgeführt. Kennen Sie Fälle, wie den derzeit diskutierten?

Margit Stein: Was da in Kleve wohl passiert ist, ist eigentlich ein typisches Beispiel für das, was uns auch in unserer Forschung oft begegnet. Wir haben verschiedene Studien zum Thema religiös motivierte Konflikte in Schulen durchgeführt und dazu Lehrkräfte, Schulleitungen und Schulsozialarbeiter*innen befragt.

Denn es gab ja immer wieder anekdotische Berichte aus Schulen, wo von religiösem Mobbing die Rede war. Und mit unserer Forschung wollten wir schauen, wie weit ist das Phänomen überhaupt verbreitet? Oder wird übertrieben, oder ist es nur ein Phänomen an einzelnen Brennpunktschulen?

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ZDFheute: Was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Studien?

Stein: Es hat sich gezeigt, dass ein Drittel der Befragten in der Tat von religiösen Konflikten an der Schule berichtet, zum Beispiel im Kontext Fasten, Kleiderordnung und anderen kontroversen Themen wie Gleichgeschlechtlichkeit oder Sexualkunde. Und ein Viertel der Befragten hat diese Konflikte als radikalisiert wahrgenommen.

Es geht um interreligiöse Konflikte und intrareligiöse Konflikte, also auch zum Beispiel innerhalb der muslimischen Community. Also da werden Schüler*innen zum Beispiel gemobbt, weil sie vermeintlich zu wenig streng fasten oder kein Kopftuch tragen.

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ZDFheute: Ist Mobbing aber nicht - leider - auch normal an Schulen?

Stein: Ja, es ist normal, dass es in Schulen Mobbing und Hänseleien gibt. Aber es sollte nicht normal sein. Ziel ist ja eine Schule, in der die einzelnen Schülerinnen und Schüler Freiheit haben und sich entfalten können, ohne dabei von anderen eingegrenzt zu werden.

Jede Form von Mobbing, ob religiös motiviert oder aus welchen Gründen auch immer, muss natürlich von Seiten der Lehrkräfte pädagogisch unterbunden werden.

Aber die Lehrkräfte sind gerade bei diesen religiösen Konflikten sehr ängstlich, mischen sich da ungern ein, wenn der Konflikt von einem muslimischen Schüler ausgeht, weil sie sich, so sagen sie, im Islam nicht auskennen. Aber darum geht es gar nicht, was der Schüler denkt, was falsch oder richtig ist. Es geht darum, pädagogisch immer Mobbing zu unterbinden und die Opfer zu schützen, egal aus welchen Gründen.

Portätfoto von Margit Stein
Quelle: Friedrich Schmidt, Universität Vechta

… ist Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Universität Vechta. Ihre Tätigkeitsbereiche beinhalten Forschung, Publikation und Lehre zu Kindheit und Jugend, Entwicklung von Werthaltungen und Engagement, Religiosität, Migration und Interkulturalität sowie Kinder- und Jugendrechte. Ein Schwerpunkt ihrer gegenwärtigen Lehr- und Forschungstätigkeit liegt im Bereich der Radikalisierung.


Also wir stärken den Lehrkräften eigentlich immer den Rücken, dass sie da pädagogisch intervenieren und sich gar nicht auf eine Diskussion einlassen. Jeder kann glauben, was er möchte, aber er darf anderen das nicht aufoktroyieren. Es geht darum, die Freiheit des anderen zu achten.

Das heißt in dem Fall: Du hast das nicht zu kommentieren. Du kannst hier in Ruhe fasten, der andere kann in Ruhe was essen. Es muss sich auch niemand wegdrehen. Andererseits darf natürlich auch niemand jetzt dem Fastenden die Semmel direkt unter die Nase halten, solche Fälle hatten wir auch.

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ZDFheute: Sind die Lehrkräfte für solche Konflikte gerüstet?

Stein: Gerade viele ältere Lehrkräfte sagen, dieses Thema, das war bei uns noch gar nicht Stoff im Studium. Jetzt kommt es ja langsam und die meisten sagen, wir hatten da auch keine Fort- und Weiterbildung. In unseren Studien sagen sie:

Wir sind da schon ziemlich alleingelassen.

Und viele wissen auch gar nicht, dass es spezielle Beratungsstellen gibt, wo man anrufen und sich beraten lassen kann, wenn solche Konflikte in der Schule auftauchen. Man müsste Adressen und Ansprechpersonen in den Schulen weitergeben.

ZDFheute: Steigt der Beratungsbedarf?

Stein: Ja, der steigt. Also es sind mehr Personen mit verschiedenen religiösen Hintergründen in der Gesellschaft und viele Konflikte werden ja auch mitgebracht aus den Herkunftsländern. Manche Streite sind auch intrareligiös, also wo Personen "frisch" zugewandert auf Personen treffen, die jetzt hier schon in zweiter Generation gut sozialisiert sind. Und dann ist natürlich die Polarisierung durch die derzeitigen Kriege auch an den Schulen stärker geworden.

Das Interview führte Ina Baltes, Reporterin im ZDF-Studio in Nordrhein-Westfalen.

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Über dieses Thema berichtete ZDFheute am 06.03.2026 im Beitrag "Wie gehen Profi-Fußballer mit dem Ramadan um?", heute am 18.02.2026 ab 19:00 Uhr und Logo im Beitrag "Warum Menschen fasten" online verfügbar seit 17.02.2026 ab 11:04 Uhr.

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