Expertin warnt vor Bildungskrise :Überforderte Schulen: Warum Lehrkräfte nicht mehr reichen
von Jenifer Girke
Hinter Fehlzeiten von Schülern verbergen sich oft persönliche Krisen - Lehrkräfte allein können dem nicht gerecht werden, sagt eine Bildungsexpertin. Es brauche neue Konzepte.
Im Ruhrgebiet ermöglicht ein spezielles Stipendium Studierenden den Eintritt in die Praxis. Ihr Einsatz verschafft notwendige Erfahrung und ist willkommene Hilfe für Lehrkräfte.
29.01.2026 | 2:49 minMissstände zu Hause, Fluchttraumata, psychische Probleme: Wenn Kinder und Jugendliche nicht zur Schule kommen, heißt das nicht, dass sie faul sind oder keine Lust haben - oft steckten andere Gründe dahinter, die im Schulsystem vernachlässigt würden, erklärt Bildungsexpertin Manuela Mohr.
Wenn es so weitergeht, steuern wir ganz klar auf eine Verschärfung der Bildungskrise zu oder sogar auf einen Zusammenbruch des Systems.
Manuela Mohr, Gründerin vom Education Innovation Lab
Man sehe heute schon, dass "Schulen immens unter Druck stehen", sagt Mohr. "Lehrkräfte sind überlastet und die Unterschiede wachsen zwischen den Kindern."
Zwei Ansätze aus einem Berufskolleg in Gelsenkirchen könnten helfen:
Mehr Praxis in der Lehrerausbildung
Am Berufskolleg am Goldberg in Gelsenkirchen gibt es die Bemühung, möglichst früh mit angehenden Lehrkräften zusammenzuarbeiten, um ihnen Praxiserfahrungen zu ermöglichen.
Jonas Overländer begleitet seit eineinhalb Jahren die Lehrkräfte im Unterricht, sammelt Praxiserfahrung und erhält dafür 300 Euro monatlich. Möglich macht das dem 21-jährigen Studenten das Lehramtsstipendium Ruhr: Es vermittelt Studierende an Schulen in herausfordernden Lagen im Ruhrgebiet. Mit dem Ziel, sie genau dort als Lehrkräfte zu gewinnen.
Es fehlen bundesweit mehrere Tausend Lehrer. Deswegen will Sachsen die vorhandenen Lehrer nun mehr arbeiten lassen. Der Lehrerverband warnt vor Überlastung und ruft zum Protest auf.
08.04.2025 | 1:30 minDas Interesse ist groß, auf die 70 Plätze pro Jahrgang gingen zuletzt 200 Bewerbungen ein. Für Jonas Overländer kein Wunder, denn Praxis komme im Studium viel zu kurz:
Man hat in drei bis vier Jahren Studium fünf Wochen Praxis. Das wird der Sache überhaupt nicht gerecht.
Jonas Overländer, Lehramtsstudent an der Ruhr-Universität Bochum
Finanziert wird das Programm auch vom NRW-Bildungsministerium. Den Wunsch nach mehr Praxis nehme man durchaus wahr, sagt Ministerin Dorothee Feller (CDU). Es gebe einen Diskurs mit den Universitäten und diese sagten laut Feller zu Recht, dass es eine gute Balance zwischen Fachwissen und Praxisanteilen brauche.
"Unser Bildungssystem verstärkt die soziale Ungleichheit", sagt Expertin Manuela Mohr, und fordert auch von der Politik langfristige Lösungen "über Ländergrenzen hinweg".
29.01.2026 | 4:53 minBildungsexpertin Mohr fordert dringend eine Änderung. Im Alltag würden viele Kompetenzen von den Lehrern abverlangt, die in der Ausbildung kaum eine Rolle spielen - wie Resilienz, Problemlösekompetenz und Empathie. "Aber wir schieben immer noch zu stark das Fachinteresse in den Vordergrund", so Mohr.
... ist Co-Gründerin und Geschäftsführerin vom Education Innovation Lab. Sie entwickelt neue Konzepte und Produkte für soziale Bildungsinnovation. In den letzten Jahren hat sie verschiedene Bildungsinitiativen und Start-Ups mit aufgebaut.
Mehr Teamarbeit an Schulen
In der AVV-Klasse (Ausbildungsvorbereitung in Vollzeit) am Berufskolleg in Gelsenkirchen sind die Schüler etwa zwischen 16 und 20 Jahre alt und bekommen eine zweite Chance. Denn wer in dieser Klasse sitzt, hat keinen Schulabschluss und will ihn nachholen. Die Unterstützung, die sie brauchen, gewährt ihnen vor allem Klassenlehrer Philipp Liese.
Schulabsentismus sei ein großes Problem, sagt Liese: "Wenn die Eltern ganz andere Probleme haben, ist das für die Schüler nochmal doppelt schwierig."
Viele Lehrkräfte fühlen sich nach dem Berufseinstieg alleingelassen, hadern mit dem Traumjob.
05.05.2024 | 27:09 minDeswegen sei ihm die Beziehung zu den Schülern so wichtig: "Der Kontakt zu den Schülern ist das A und O, so bekomme ich sie in die Schule." Es sei nicht selten, dass er anruft oder vorbeifährt, sagt Liese.
Dieses Engagement lerne man weder im Studium, noch steht es im Arbeitsvertrag. Es seien aber oft engagierte Lehrkräfte, die vieles abfangen, so auch die Einschätzung von Mohr. Sie fordert mehr Unterstützung - für psychosoziale Themen, Beratung, aber auch Sprachförderung "braucht es einfach ein multidisziplinäres Team".
Es ist nicht das Berufsprofil Lehrperson, das alles richten wird.
Manuela Mohr, Bildungsexpertin
Bildungsministerin Feller ist sich des Bedarfs bewusst. Man habe die Sozialpädagogen-Stellen in Nordrhein-Westfalen bereits ausgeweitet. "Wir haben aktuell über 7.000 Stellen an Schulen gegeben."
Für die Bildungsexpertin eine gute Maßnahme, die aber nicht ausreicht. Vielmehr müsse man Bildung über Landesgrenzen und Wahlperioden hinwegdenken, so Mohr. "Mit dem Mut, Schule wirklich zu verändern, statt sie nur am Laufen zu halten."
... fördert angehende Lehrkräfte der drei Universitäten im Ruhrgebiet (Ruhr-Universität Bochum, TU Dortmund, Universität Duisburg-Essen), die sich bereits im Studium für Schulen in herausfordernder Lage im Ruhrgebiet engagieren wollen. Dafür werden sie als Lernhelfer an teilnehmende Schulen vermittelt und erhalten 300 Euro monatlich. Auch ein Begleitprogramm u. a. zur Persönlichkeitsentwicklung ist Teil des Stipendiums. Gefördert und finanziert wird das Programm von der RAG-Stiftung, der Wübben Stiftung Bildung und vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Schule und Bildung. Ziel ist die Gewinnung von Lehramtsstudierenden für die Arbeit an Schulen in herausfordernder Lage im Ruhrgebiet.
Jenifer Girke ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.
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