Brandbrief an Kultusminister:Warum Lehrer in Hessen Alarm schlagen
von Susana Santina
Mit einer Resolution an den hessischen Kultusminister haben Lehrer auf eine gestiegene Bedürftigkeit von Grundschülern hingewiesen. Worum es geht und welche Reaktionen es gibt.
Laut der Lehrkräfte an Darmstädter Grundschulen habe die Bedürftigkeit der Schüler zugenommen, vielen fehle es an Fähigkeiten. Sie fordern kleinere Klassen und eine bessere Betreuung.
30.01.2026 | 2:03 minEs ist ein Hilferuf, den Hunderte Lehrer in Hessen Ende des Jahres an die Landesregierung geschickt haben. Die Bedürftigkeit von Grundschülern sei deutlich gestiegen. Viele Eltern würden ihre Verantwortung an die Schulen abgeben.
An der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Dietzenbach etwa beobachtet Klassenlehrerin Olga Friesen-Eck: Bei den Kindern gebe es immer mehr emotional-soziale Defizite.
Die Kinder haben Schwierigkeiten sich selbst zu regulieren. Sie haben Probleme, sich angemessen in der Gruppe zu verhalten, zu kommunizieren mit Lehrkräften und mit anderen Kindern.
Olga Friesen-Eck, Lehrerin Dietrich-Bonhoeffer-Schule Dietzenbach
Viele bräuchten "eine sehr enge, teilweise auch Eins-zu-eins-Begleitung im Schulalltag", erklärt sie. Das sei kaum zu leisten.
Mit ihrer vierten Klasse habe sie grundsätzlich Glück gehabt, sagt Friesen-Eck. Doch auch hier gebe es sozial auffällige Kinder. Für die sei sie auch und allein zuständig, weil Personal fehle. Zudem müssten hier, wie in der gesamten Schule, die Sprachkenntnisse besonders gefördert werden, weil viele Schüler aus Familien mit migrantischen Wurzeln kämen.
Schulleiter schlagen seit vielen Jahren Alarm, dass es zu wenig Lehrer an Schulen gibt. Die Ressourcen und die Zeit fehlt, um Lehrkräfte einzustellen.
28.11.2025 | 1:45 minFehlende Voraussetzung vieler Kinder für Schulunterricht
Mehr als 1.100 Lehrkräfte aus Hessen hatten sich mit einer Resolution an den Kultusminister gewandt. Darin ist von fehlenden Voraussetzungen für eine erfolgreiche Teilnahme vieler Kinder am Schulunterricht die Rede. Aufgeführt werden unter anderem:
- fehlende Konzentration und Regelbefolgung
- mangelnde Merkfähigkeit
- Schwierigkeiten, Schuhe zu binden, mit der Schere zu schneiden oder zu kleben
- der eigenständige Gang zur Toilette sei oft nicht möglich
- Eltern würden ihre Verantwortung zunehmend an die Schulen abgeben
In Baden-Württemberg sind aufgrund einer schweren IT-Panne 1.440 Lehrstellen fälschlicherweise als belegt verbucht worden. Der Fehler geht offenbar bis ins Jahr 2005 zurück.
17.07.2025 | 1:47 minIm ZDF-Interview betont der hessische Kultusminister Armin Schwarz (CDU), dass die Resolution richtige Dinge anspreche. Es sei nicht hinnehmbar, dass Lehrkräfte zunehmend Defizite aus dem Elternhaus kompensieren müssten. Den Sprachproblemen begegne man mit einer verpflichtenden Deutschförderung vor der Einschulung, und auch gegen den Mangel an ausgebildeten Lehrkräften tue man was.
"Erstmals wird der Bildungsetat auf mehr als sechs Milliarden Euro, auf 6,3 Milliarden Euro steigen", sagt er.
Derzeit sind über 20.000 junge Menschen damit beschäftigt, in Hessen Lehramt zu studieren. Und über 5.000 sind im Referendariat. Insofern für den qualifizierten Nachwuchs ist gesorgt.
Armin Schwarz, Kultusminister Hessen (CDU)
Gewerkschaft sieht akuten Fachkräftemangel
Es fehle an Nachwuchs und nach wie vor an qualifiziertem Lehrpersonal, sagt hingegen Kirsten Schultheis-Schauer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Zum 31. Oktober 2025 waren in Hessen insgesamt 253 Schulleitungsstellen nicht besetzt, ein Großteil davon in den Grundschulen. Auch der Lehrkräftemangel ist dort besonders groß."
Viele Lehrkräfte fühlen sich nach dem Berufseinstieg alleingelassen, hadern mit dem Traumjob.
05.05.2024 | 27:09 minInsgesamt sind an den Grundschulen in Hessen 20.500 Lehrkräfte tätig. Davon, so die GEW, würden 5.100 nicht über eine adäquate Lehrer-Ausbildung verfügen. Ein Anteil von rund 25 Prozent. Auch das führe zu einer Überlastung, sagt Kirsten Schultheis-Schauer, die selbst Grundschullehrerin ist.
Wir müssen ja diese Menschen, die keine Ausbildung im Grundschulbereich haben, zusätzlich unterstützen. Sie haben nicht die nötige Kompetenz, natürlich führt auch das zu einer weiteren Belastung der ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen.
Kirsten Schultheis-Schauer, GEW
"Und wenn der Kultusminister sagt, er schafft jetzt Studienplätze, dann muss ich einfach mal feststellen, jetzt hat er erstmal in den Hochschulen gekürzt", fügt sie hinzu.
Es fehlen bundesweit mehrere Tausend Lehrer. Deswegen will Sachsen die vorhandenen Lehrer nun mehr arbeiten lassen. Der Lehrerverband warnt vor Überlastung und ruft zum Protest auf.
08.04.2025 | 1:30 minUm das Problem zu meistern, fordert die Gewerkschaft unter anderem Klassen mit maximal 20 Schülern, Doppelbesetzungen in Intensivklassen und eine deutliche Reduzierung der Pflichtstunden, um den gestiegenen Arbeitsaufwand bewältigen zu können.
Susana Santina berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Hessen.
Mehr zum Thema Schule
In fast allen Bundesländern:Zahl der Einschulungen sinkt weiter
mit Video1:42Lehrkräfte streiken:Unterrichtsausfälle in Ostdeutschland
Video0:20Diskussion um Lehrpläne:Schriftlich dividieren: Was müssen Schüler lernen?
von Cornelia Schiemenzmit Video1:31