Krieg und Gewissen: Ex-Soldat berichtet bei "Lanz"

Debatte bei "Lanz" um Krieg und Gewissen:Ex-Bundeswehrsoldat: "Wie oft war es ein Fehler?"

von Bernd Bachran

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Am Flughafen von Kabul entschied Oberleutnant Hinzmann über Leben und Tod. Bei "Lanz" berichtete er von der Angst, falsche Entscheidungen getroffen zu haben.

Markus Lanz vom 3. März 2026: Markus Lanz, Dunja Neukam, Andreas Rückewoldt, Marc Hinzmann, Marcel Bohnert

Markus Lanz vom 03.03.2026: Über die Bedeutung gesellschaftlicher Wertschätzung für Soldaten und Veteranen, über den schwierigen Evakuierungseinsatz 2021 in Kabul sowie zur Verteidigung der Bundesrepublik im Ernstfall.

03.03.2026 | 75:21 min

"Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden." Diesen Satz sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im September 2025 beim "Ständehaus-Treff" der "Rheinischen Post" in Düsseldorf. Für den Oberstleutnant im Generalstabsdienst Marcel Bohnert beschreibt dieser Satz des Bundeskanzlers perfekt die Lage, in der sich Deutschland derzeit befindet.

"Man unterhöhlt das Vertrauen in den Staat. Man verängstigt die Bevölkerung, bringt auch Gruppen innerhalb der Bevölkerung gegeneinander auf", so Marcel Bohnert am Dienstagabend bei "Markus Lanz".

Im Hintergrund zu erkennen ist das Brandenburger Tor in Berlin, davor Menschen mit Ukraine-Flaggen. Rechts im Bild zu sehen ist der Host Mirko Drotschmann.

Vor vier Jahren überfielen russische Truppen die Ukraine. Mirko Drotschmann blickt auf die Folgen für Deutschland: neuer Wehrdienst, höhere Verteidigungsausgaben, Angst vor Krieg.

19.02.2026 | 12:05 min

Allgemeine Wehrpflicht statt allgemeiner Wehrdienst?

Aufgrund dieser aktuellen Gefahrenlage und als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gilt in Deutschland seit dem 1. Januar 2026 eine neue Regelung für den allgemeinen Wehrdienst. Dabei handelt es sich aber nicht um die Reaktivierung der allgemeinen Wehrpflicht, wie sie in Deutschland bis 2011 galt. Der Neue Wehrdienst beruht aktuell auf Freiwilligkeit.

Ob mit dieser Freiwilligkeit allerdings die dringend benötigte Anzahl an Soldatinnen und Soldaten erreicht wird, das bezweifeln viele Experten. Bei den jüngeren Menschen, die konkret von der neuen Wehrdienstreform betroffen sind, gibt es nicht nur ideologische Bedenken gegen einen Dienst an der Waffe, sondern auch ganz konkrete Ängste vor schweren Verletzungen bis hin zum Tod im Einsatz. Auch, wenn Wehrpflichtige nicht zu Auslandseinsätzen geschickt werden dürfen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht beim Feierlichen Gelöbnis als Zentralveranstaltung zum 70. Jahrestag der Bundeswehr am Bundesforum

Die Bundeswehr hat in Berlin ihr 70-jähriges Bestehen gefeiert. Bundespräsident Steinmeier forderte abermals einen Pflichtdienst für alle - im Militär oder im sozialen Bereich.

12.11.2025 | 2:47 min

Die ehemalige Bundeswehrsoldatin Dunja Neukam forderte bei "Lanz", öffentlich und unmissverständlich darüber zu sprechen, welche Belastungen Einsätze mit sich bringen - was sie für die einzelnen Soldaten bedeuten und welche Auswirkungen sie auch auf deren Angehörige haben. "Was passieren kann, auf was wir uns einstellen müssen, wie viele traumatisiert sind und auch moralisch verwundet sind."

Oberleutnant: "Mir war nicht klar, was ich dort machen würde"

Von solchen moralischen Verwundungen sprach bei "Markus Lanz" unter anderem der Hauptmann der Reserve Marc Hinzmann. Am 13. August 2021 wurde der damalige Oberleutnant Hinzmann alarmiert und zu einem Einsatz beordert. Er war im festen Glauben, er würde mit seiner Truppe nach Taschkent in Usbekistan fliegen. Erst am Flughafen erfuhr er, dass er nach Kabul in Afghanistan fliegen würde.

Ich wusste nicht, was da auf mich zukommen wird. Vom Auftrag her war mir nicht klar, was ich dort vor Ort machen würde.

Ehemaliger Oberleutnant Marc Hinzmann

"Ich lande da, diese Ladeluke geht hinten auf, brüllende Hitze schlägt einen entgegen. Es ist ein Gestank in der Luft. Ich komm' da raus und ich sehe überall Soldaten. Ich sehe irgendwelche Drohnen am Himmel fliegen. Ich kam mir vor wie in einer ganz anderen Welt."

Hinzmann sollte im Eiltempo die Evakuierung von deutschen Staatsangehörigen und Ortskräften organisieren - ohne genaue Vorgaben der deutschen Regierung, ohne aktuelle Fluglisten und ohne Einweisung. Vor den Toren des Flughafens herrschte Chaos. Die Menschen flehten darum, ausgeflogen zu werden, die Taliban im Rücken.

"Meine erste Frage war immer: Warum soll ich Sie mit nach Deutschland nehmen? Welche Grundlage haben Sie?"

Bundeswehr-Rekruten

Insgesamt rund 700.000 junge Menschen werden in Deutschland dieses Jahr volljährig. Sie alle bekommen Post von der Bundeswehr. Darin ein Fragebogen, um die Bereitschaft zum Wehrdienst abzufragen.

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Verschwundener Säugling hinter Müllberg gefunden

Hinzmann berichtete, er habe am Flughafen eine Frau erlebt, die sie zunächst nicht mitnehmen durften und die verzweifelt schreiend ihr Baby suchte, was er zunächst für einen Versuch gehalten habe, in den Flughafen zu gelangen. Schließlich habe einer seiner Soldaten mit Hilfe eines afghanischen Soldaten erfahren, dass das Kind tatsächlich verschwunden sei. Der afghanische Soldat sei mit der Frau losgegangen und habe den Säugling schließlich hinter einem Müllberg gefunden.

"Da wurde mir klar (…) hätte ich die Frau einfach weggeschickt, ich hätte nie erfahren, dass ich einen Fehler gemacht habe. Und dann fragt man sich, wie oft ist das vielleicht vorgekommen, dass ich irgendwas entschieden habe und es war ein Fehler?", sagte Hinzmann.

Am Ende des Tages wird mich dieser Einsatz wahrscheinlich mein Leben lang in einer gewissen Art verfolgen.

Ehemaliger Oberleutnant Marc Hinzmann

Über dieses Thema berichtete die Sendung "Markus Lanz" am 03.03.2026 ab 23:15 Uhr.

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