Ökonom Stelter zur Krise der Wirtschaft:"Wir müssen die Notbremse ziehen"
Der Ökonom Daniel Stelter wirft der Politik falsche Weichenstellungen in der Wirtschaftspolitik vor. Er fordert "radikale Reformen" und einen "Kurswechsel".
Zu viel Konsum, zu wenig Investitionen: Ökonom Stelter wirft der Politik vor, die Wirtschaftskrise mitverursacht zu haben. Sie habe zu lange "weggeschaut", sagt er im ZDF.
18.01.2026 | 1:26 minDaniel Stelter ist Unternehmensberater, Ökonom und Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums "Beyond the Obvious". Er spricht darüber, wie er die Reformfähigkeit in Politik und Gesellschaft beurteilt.
ZDFheute: Worin sehen Sie die Ursache für die dramatische Lage der Wirtschaft?
Daniel Stelter: Wir haben in den letzten 20 Jahren so getan, als würden die guten Zeiten nie enden. Mit dem Ergebnis, dass wir das Geld überwiegend falsch verwendet haben.
Der Staat schwamm im Geld, hat den Konsum ausgeweitet, hat nicht ausreichend investiert. Nun rächt sich das.
Daniel Stelter, Ökonom
ZDFheute: Warum tut sich die Politik mit Reformen aktuell so schwer?
Stelter: Das hat verschiedene Ursachen. Eine davon ist, dass wir deutlich mehr Probleme haben als vor 20 Jahren, da war es eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Wir hatten eine hohe Arbeitslosigkeit. Das war ein adressierbares Problem.
Mehr zum Thema Reformen gibt es am Sonntag ab 19:10 Uhr bei Berlin direkt - moderiert von Wulf Schmiese.
Heute kommt alles zusammen: die Energiepolitik, die Klimapolitik. Das Thema 'Wie gehen wir mit Migration um?', das Thema 'Wie gehen wir mit dem neuen Wettbewerb aus China um?'. Das macht es so schwierig, die Probleme zu lösen.
Der zweite Grund ist: Die Parteien, die heute regieren, haben auch in den letzten 20 Jahren an der Macht gesessen, oder zumindest überwiegend, und sind damit mitverantwortlich.
Die Politiker müssten sich auch eingestehen, dass sie in der Vergangenheit Fehler gemacht haben, und bekanntlich tut sich die Politik damit sehr schwer.
Daniel Stelter, Ökonom
ZDFheute: War die Politik - und auch Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen - in der Vergangenheit zu optimistisch, was die Transformation der Wirtschaft anbelangt?
Stelter: Die Politik war zu optimistisch, aber nicht nur die Grünen. Wir alle haben uns in einer Traumwelt bewegt. Wir haben geglaubt, wir wären ein reiches Land, was sich alles leisten kann. In Wirklichkeit haben wir da schon von der Substanz gelebt. Der Niedergang der deutschen Industrie begann bereits 2018, 2019. Das hätte man merken können, hat man aber nicht, man hat weggeschaut.
Jetzt hat sich alles beschleunigt. Wir sind plötzlich aufgewacht in einer Welt, die eine andere ist, die deutlich unangenehmer ist, die auch Reformen dringender nötig macht, gleichzeitig aber schwerer, weil sie schwerer zu vermitteln sind.
Die ökologische Wende wird für Deutschlands Unternehmen zur Bewährungsprobe. Die Politik muss die Weichen richtig stellen, damit Klimaschutz und Konkurrenzfähigkeit vereinbar sind.
02.11.2025 | 2:58 minZDFheute: Was Reformen anbelangt, hat man den Eindruck, die Politik hat Angst vor dem Wähler. Ist die berechtigt?
Stelter: Ich glaube, die Bürger sind weiter. Gleichzeitig ist die Angst trotzdem berechtigt. Zum einen blicken die Politiker in die Geschichte und müssen natürlich sehen, Gerhard Schröder hat damals die richtigen Reformen gemacht, wurde aber dafür abgestraft. Angela Merkel hat die Reformen nicht gemacht, hat aber von den Schröderschen Reformen profitiert.
Das Zweite ist, die Bürger wissen schon, dass was zu tun ist.
Aber wir sind eine alternde Gesellschaft. Viele denken sich auch, für mich wird es schon noch funktionieren. Warum sollte ich jetzt auf etwas verzichten?
Daniel Stelter, Ökonom
Das macht es sehr schwer, Reformen durchzuführen, und darum haben die Politiker zu Recht Angst.
Die Bundesregierung will den deutschen Sozialstaat grundlegend reformieren. Bisher tut sich die Koalition allerdings schwer – und im Superwahljahr dürfte es nicht leichter werden.
11.01.2026 | 3:16 minZDFheute: Wie müsste Politik aus Ihrer Sicht vorgehen?
Stelter: Meine Empfehlung wäre gewesen, wir machen radikale Reformen und verbinden die mit volleren Taschen für die Bürger. Ich hätte also auch Schulden gemacht, die aber genutzt, um den Bürgern mehr Geld für Konsum zu lassen und mir dadurch die Akzeptanz dafür zu kaufen, dass bestimmte Dinge reformiert werden müssen. Das wäre die Kombination gewesen. So wie es jetzt passiert, ist es genau das Falsche.
Wir müssten uns zudem von einigen Wunschprojekten verabschieden. Wir müssten ehrlicher mit der Energiewende umgehen, wir müssten ehrlicher mit der Klimapolitik umgehen. Das ehrlich auszusprechen, würde auch helfen.
Deutschland hat laut einer Studie der Denkfabrik Agora Energiewende sein Klimaziel im Jahr 2025 erreicht. Mit einem Rückgang um 1,5 Prozent sank der CO2-Ausstoß gegenüber dem Vorjahr nur leicht.
07.01.2026 | 0:39 minZDFheute: Was ist aus Deutschlands Vorreiterrolle beim Klimaschutz geworden?
Stelter: Das gehört zu diesen Lebenslügen, die wir haben. Wir müssten uns eigentlich eingestehen, wir haben uns in den letzten 20 Jahren falsch orientiert. Wir müssen die Notbremse ziehen.
Wir müssen uns eingestehen, dass wir einen Kurswechsel brauchen. Wir trauen uns nicht, das zu tun, und damit verschärfen wir die Probleme.
Daniel Stelter, Ökonom
Das ist nicht nur das Problem der Großen Koalition, das ist parteiübergreifend das Problem, auch in der Bevölkerung, und übrigens auch in den Medien. Wir haben alle gemeinsam daran gearbeitet, ein bestimmtes Bild zu erzeugen.
Jetzt müssen wir uns eingestehen, wir waren auf dem falschen Weg. Ein Umdrehen ist noch möglich, aber viel Zeit haben wir nicht mehr, denn ich glaube, wenn der Massenjahrgang der 64er erst mal in Rente ist, dann ist Deutschland nicht mehr reformfähig.
Das Interview führte Frank Buchwald, Korrespondent im Hauptstadtstudio.
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