Vor zehn Jahren starb der FDP-Politiker:Je höher, desto leiser: Als Westerwelle ganz oben war
von Wulf Schmiese
Guido Westerwelle war ein Aufmüpfer und Quälgeist, fast sein Leben lang. Dabei wollte er gemocht und geschätzt werden. Fünf Jahre vor seinem Tod hatte er sein Ziel erreicht.
Die FDP kämpft ums Überleben. Guido Westerwelle würde an die Zukunft der Liberalen glauben, sagt sein Witwer. Was lernt seine Partei von ihm - dem Menschen und Politiker Westerwelle?
17.03.2026 | 6:55 minAm 11. März 2011, die heute-Nachrichten um 7 Uhr sind schon um, platzt uns ins ZDF-Morgenmagazin eine verstörende Eilmeldung: Japans Erde bebt so stark wie nie zuvor. Guido Westerwelle, FDP-Vorsitzender und seit anderthalb Jahren deutscher Außenminister, ist gerade als Gast im Berliner Studio eingetroffen für ein Gespräch zum Bürgerkrieg in Libyen.
Obwohl sein Sprecher dringend davon abrät, ungeprüft etwas zur unübersichtlichen Lage an Japans Küste zu sagen, ordnet Westerwelle aus dem Stegreif korrekt ein. Er ist an diesem Morgen der erste Außenminister weltweit, der sich zur Katastrophe in Fukushima äußert. Er tut es ernst und ohne Pathos, seinem Amt angemessen.
Dann warnt er die Weltgemeinschaft davor, in Libyen militärisch einzugreifen. Es ist kein halbes Jahr her, da hielten nicht einmal die Mitarbeiter im Außenministerium das für möglich: Ihr Minister ist zum Staatsmann gereift.
Vom Schreihals zum Diplomaten
Im Auswärtigen Amt war ihnen der neue Chef vom ersten Tag an peinlich gewesen. Der schrille FDP-Schreihals, der einst mit gelbem Guidomobil im Wahlkampf provoziert hatte, der sollte nun Vizekanzler und unser höchster Diplomat sein? Auf Westerwelles erster Dienstreise nach Afghanistan kneteten die begleitenden deutschen Beamten nervös ihre Finger, als ihr Vorgesetzter ihnen zu arglos rumscherzte. Es klang, als habe er noch nicht begriffen: Das ist jetzt ernst.
Nach dem Scheitern der Ampel-Koalition und dem Rückzug von Christian Lindner als Parteichef ringt die FDP um Kurs und Profil.
15.03.2026 | 3:32 min70 Auslandsreisen später, einige Wochen nach dem Auftritt im ZDF-Morgenmagazin 2011, sprechen wir lange unter vier Augen über den Wolken. Ja, er habe manches falsch gemacht, gibt der Minister zu, wie befreit. Nicht außen-, sondern innenpolitisch; weniger inhaltlich, mehr im Ton habe er sich vergriffen.
"Spätrömische Dekadenz" witterte er etwa im deutschen Sozialstaat. Westerwelle tobte in Koalitionsrunden, gab sich schroff und eingeschnappt im Kabinett. Kanzlerin Angela Merkel distanzierte sich von seinem "Duktus". Als "pubertär" beschrieben Minister sein zänkisches Auftreten.
Westerwelle führte FDP als Wahlkämpfer zu Rekordergebnis
Seine Erklärung: Elf Jahre lang sei er auf Opposition trainiert gewesen. Die kleine FDP habe er groß gemacht mit diesem Erfolgskonzept: nur einen Anchorman an der Spitze, nämlich ihn. Nur ein Thema, nämlich Steuern runter.
2009 hatte er seine FDP auf 14,6 Prozent gebracht, das beste Ergebnis jemals bei einer Bundestagswahl. Nun, keine zwei Jahre später war sie in Umfragen und Landtagswahlen verkommen zur Splitterpartei; und Westerwelle zum unpopulärsten Minister.
Doch in diesem Moment, wo alles auf der Kippe steht, hält sein Stab im Auswärtigen Amt eisern zu ihm. Zwar gilt Westerwelle als anstrengender Chef, perfektionistisch, misstrauisch und kontrollierend.
Aber sie haben ihn als beratbaren und treuen Vorgesetzten schätzen gelernt: Er hat niemanden versetzt, nur weil ihm das Parteibuch nicht passte. "Meine Mitarbeiter gaben mir einen alten 'Spiegel'-Artikel von 1974. Darin konnte man lesen, wie schwer es Hans-Dietrich Genscher nach seinem Start als Außenminister hatte", sagt Westerwelle fast stolz.
Für die FDP könnte 2026 entscheidend werden. Nach der Bundestagswahl sitzt sie nur noch in zwei Landesregierungen. Beim Dreikönigstreffen wollte sie neue Impulse setzen.
06.01.2026 | 1:33 minWesterwelle findet als Außenminister einen neuen Ton
Vor dem Stuttgarter Dreikönigstreffen im Januar 2011 zittern die Beamten im Auswärtigen Amt. Sie glauben, es könne der politische Todesstoß für ihren Chef werden. Seine Rede verfolgen sie mit angespannten Gesichtern, die altbekannten Phrasen von "Leistungsgerechtigkeit" und "Freiheit zur Verantwortung" scheinen ihnen zu abgedroschen, die Rede des Generalsekretärs Christian Lindner viel weitsichtiger. Doch aus dem Saal kommt Applaus. Nicht für den Inhalt, aber für den Ton.
Denn Westerwelle keift nicht mehr, sein Gezeter ist verstummt. Er ist einfach nur: selbstbewusst. "Die Stimmung im Saal drehte sich spürbar", erzählt Westerwelle hoch über den Wolken. "Da wusste ich: Das ist die Wende." Er habe es endlich begriffen:
Je weiter oben du bist, desto leiser darfst du sein.
Guido Westerwelle
Doch seine so sicher geglaubte Wende war eine Fata Morgana. Die FDP ließ ihn fallen. Auf dem Bundesparteitag im Mai 2011 kandidierte er nicht wieder als Vorsitzender, gab damit sein Amt auf. Außenminister blieb er noch zwei Jahre, aber seine große Zeit war vorbei.
Politisch währte Westerwelles großes Glück keine fünf Monate - und doch über den Absturz und sogar den Tod hinaus.
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