Grüne Woche in Berlin: Eine Messe als Spiegel unserer Esskultur

100 Jahre Grüne Woche in Berlin:Die Messe, die zeigt, wie wir essen und trinken

Stephanie Gargosch

von Stephanie Gargosch

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Die Grüne Woche feiert ihr 100-jähriges Jubiläum. Der Blick zurück offenbart, wie die Messe vereinnahmt, erneuert und zum Spiegel unserer Esskultur wurde.

Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident, spricht während der Eröffnungsfeier der Internationalen Grünen Woche in der Messe Berlin.

In Berlin öffnet die Internationale Grüne Woche am Freitag ihre Tore für Besucherinnen und Besucher. Die Messe für Lebensmittel und Agrarprodukte feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen.

16.01.2026 | 0:22 min

Wenn die Grüne Woche heute ihre Tore öffnet, ist sie hundert Jahre alt. Kaum eine Messe hat die Entwicklung von Landwirtschaft, Ernährung und Politik in Deutschland so kontinuierlich begleitet. Sie wurde vereinnahmt und bejubelt, erschüttert und erneuert.

Schon 1964 fragte ein ZDF-Reporter, ob die Grüne Woche wiederkommen solle. Die Antwort von damals: "Da können wir nur froh sein, wenn die wiederkommt. Dann kommen wir auch wieder." Es ist dieser Satz, der die besondere Bindung vieler Besucher an die Messe beschreibt.

Bei der ersten Grünen Woche ging es um Maschinen statt Menüs

Gegründet wurde die Grüne Woche 1926 als Landschaftsschau. Berlin war eine Stadt im Auf- und Umbruch, auch Reichspräsident Paul von Hindenburg schaute bei der Schau vorbei.

Genuss spielte zunächst kaum eine Rolle. "Es ging nicht um Lebensmittel, eher um die Erzeugung", erklärt Lars Jaeger, heute Chef der Grünen Woche. "Die ersten Ausstellungsexponate waren Maschinen, Traktoren, als Beginn der Mechanisierung. Diese Vielfalt von heute an Lebensmitteln gab es noch nicht." Die Messe verstand sich als Leistungsschau einer modernen, sich wandelnden Landwirtschaft.

Ideologie und Neubeginn nach der NS-Zeit

Ab 1934 vereinnahmten die Nationalsozialisten die Grüne Woche propagandistisch: Blut und Boden, Ideologie im Stall - auch das gehört zu ihrer Geschichte. Die Messe überstand Diktatur und Zweiten Weltkrieg. 1948 kehrte sie zurück - in eine zerstörte Stadt und während der Blockade West-Berlins durch die Sowjetunion.

Für die erste Veranstaltung waren über 400 Flieger aus Amerika und England hier eingetroffen, um überhaupt Waren zu transportieren.

Lars Jaeger, Chef der Grünen Woche

Die Grüne Woche wurde in dieser Zeit zu einem Zeichen des Durchhaltens und des vorsichtigen Neubeginns.

Die Grüne Woche bot Wohlstand zum Probieren

In den sechziger Jahren änderte sich der Geruch der Messe. Mit wachsendem Wohlstand rückten Genuss und Vielfalt in den Vordergrund. Die Menschen kamen, staunten und schlemmten.

In eine alte Kaffeetasse mit Blümchenmuster wird auf Kaffeeersatzpulver Wasser gegossen.

Früher häufig auf dem Tisch, heute fast verschwunden: Muckefuck, Schildkrötensuppe oder Lebertran. Der gesellschaftliche Wandel zeigt sich auch beim Blick auf die Teller oder in die Tassen.

20.05.2024 | 43:02 min

Austern, in Japan oder Frankreich Volksnahrungsmittel, galten in Deutschland als kostspielige Delikatesse - auf der Grünen Woche wurden sie einmal im Jahr auch für "Frau Krause und Herrn Lehmann" erschwinglich, wie ein ZDF-Reporter damals berichtete. Die Messe wurde zur Bühne eines neuen Überflusses.

Tiere, Mauer und Wiedervereinigung

Über die folgenden Jahrzehnte prägten auch Tiere das Bild der Grünen Woche: Kühe, Schweine, Schafe, oft dicht gedrängt in den Hallen. Werner Mette, heute Stallmeister der Messe, war schon als Kind dabei. "Zu dem Zeitpunkt waren wesentlich mehr Tiere hier", erinnert er sich an die Zeit nach 1965.

Eine Gruppe Schafe steht im Kassenbereich in einem Supermarkt in Burgsinn.

Tiere gab es Anfang Januar auch im Discounter: 50 Schafe stürmten eine Supermarktfiliale.

07.01.2026 | 0:22 min

"Dann erlebten wir in Berlin viele politische Veränderungen - erst den Mauerbau, 28 Jahre Teilung, dann die Wiedervereinigung." Nur zwei Monate nach dem Fall der Mauer im November 1989 strömten DDR-Bürger auf die Messe. Von 120.000 im Vorverkauf ausgegebenen Karten gingen 70.000 an Menschen aus der DDR. Viele nutzten den Besuch, um zu sehen, zu vergleichen und Neues kennenzulernen.

Immer wieder Skandale und Debatten

Mit den Jahren wuchs die Messe weiter, wurde internationaler - und angreifbarer. Agrarskandale prägten die Zeit ab 1990: BSE, die sogenannte Rinderwahnsinn-Krankheit, bei der eine tödliche Erkrankung des Nervensystems von Rindern für große Verunsicherung sorgte, Dioxin in Eiern, Schweinepest, Maul- und Klauenseuche oder Vogelgrippe.

Kraniche stehen auf einem Feld. Zur Vermeidung der Einschleppung oder Verschleppung der Geflügelpest durch Wildvögel auf Haus- und Nutzgeflügelbestände wird in immer mehr Regionen in Niedersachsen die Stallpflicht angeordnet.

Die Vogelgrippe hat inzwischen in zehn Bundesländern Geflügelfarmen erreicht, in denen zur Seuchenprävention alle Tiere getötet wurden. Vielerorts wurde Stallpflicht angeordnet.

31.10.2025 | 1:35 min

Bauernproteste erreichten zuletzt 2024 auch die Hallen. "Solange ich denken kann, gab es immer irgendeine Kritik", sagt Werner Mette. "Mal zu wenig Tiere, mal zu viel." Die Grüne Woche hielt diese Spannungen aus - und machte sie sichtbar.

Heute ist die Grüne Woche ein Spiegel der Esskultur

Gerade darin liegt ihr heutiger Wert, meint Lars Jaeger. "Das sind die Themen, die Fachleute hier zusammenführen, um zu diskutieren und um Dinge zu bewegen, zu verändern." So setzten sich im Laufe der vergangenen Jahre Bio-Produkte stärker durch, das Tierwohl rückte in den Fokus, vegane Angebote wurden selbstverständlich.

Neue Trends betonen regionale und unverarbeitete Lebensmittel, weniger Zucker und alkoholfreie Alternativen. So spiegelt die Grüne Woche, wie Deutschland isst, trinkt und darüber diskutiert. Seit nunmehr 100 Jahren.

Simon Donhauser mit einem Ferkel in der Hand.

Vier Familienbetriebe kämpfen mit den Herausforderungen der Landwirtschaft, mit Preisdruck und Ernte-Risiken. Ferkelzüchter Simon Donhauser will den Hof in die Zukunft führen.

04.12.2025 | 26:30 min

Über das Thema berichtete das heute journal update am 16.01.2026 in dem Beitrag "Der Ausblick: Was am Freitag wichtig wird" ab 00:30 Uhr.

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