Strafjustiz am Limit?:Richterbund: Mehr als eine Million offene Strafverfahren
Die Strafjustiz ist überlastet: Erstmals liegen über eine Million Fälle auf Halde, Verfahren dauern zu lange, Verdächtige werden entlassen. Richterbund und Polizei warnen.
Neue Fälle, Aktendruck, Personalmangel, gestiegene Dolmetscherkosten, Massenverfahren und schleppende Digitalisierung: Die Strafjustiz geht auf dem Zahnfleisch.
Quelle: Axel Heimken/dpa/ArchivDie Zahl nicht abgeschlossener Strafverfahren erreicht in Deutschland einen Höchststand. Der Deutsche Richterbund zeigte sich alarmiert. Bundesgeschäftsführer Sven Rebehn sagte der "Rheinischen Post": "Im Jahr 2025 haben wir im dritten Jahr in Folge rund 5,5 Millionen neue Strafverfahren bei den Staatsanwaltschaften gehabt."
Erstmals hat die Zahl der offenen Fälle zum Jahresende 2025 die Marke von einer Million überschritten.
Sven Rebehn, Bundesgeschäftsführer Deutscher Richterbund
Gerichte und Staatsanwaltschaften seien überlastet. "Ende 2020 waren es noch rund 700.000 offene Verfahren. Das entspricht einer Steigerung von annähernd 50 Prozent in fünf Jahren", rechnete Rebehn vor.
Etwa eine Million Strafverfahren galten 2024 in Deutschland als unerledigt, im Staatsdienst fehlten rund 2.000 Juristen und bei der Polizei 50.000 Beamte.
24.09.2024 | 10:09 minOffene Strafverfahren stauen sich, Folge sind auch frühere Haftentlassungen
Jahr für Jahr schöben Ermittler einen immer größeren Berg an Verfahren vor sich her und könnten diesen ohne zusätzliches Personal nicht abtragen. Bundesweit fehlten 2.000 Staatsanwälte und Strafrichter.
Eine gefährliche Folge seien aus der Untersuchungshaft entlassene Tatverdächtige. Der Grund: Nicht eingehaltene Fristen.
2025 sind bundesweit 50 dringend Tatverdächtige aus der Untersuchungshaft entlassen worden, weil die Verfahren zu lange gedauert haben.
Sven Rebehn, Bundesgeschäftsführer Deutscher Richterbund
"In diesen Fällen geht es in der Regel um den Vorwurf eines Verbrechens, also zum Beispiel um Tötungsdelikte, Vergewaltigungen oder schwere Körperverletzungen", erläuterte der Geschäftsführer des Deutschen Richterbunds.
Erstmals seit Jahren war Deutschland 2024 nicht das Hauptzielland für Asylsuchende in Europa – Frankreich und Spanien führen die Statistik an. Doch während die Zahlen sinken, steigt die Zahl der Asylklagen vor deutschen Gerichten.
10.04.2025 | 2:33 minMassiver Anstieg bei Asylverfahren: 2025 mehr als 140.000 Verfahren
Rebehn wies außerdem auf die steigenden Klagezahlen vor den Verwaltungsgerichten gegen Asylbescheide hin. "Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge arbeitet die Fälle inzwischen deutlich schneller ab und die Ablehnungsquote steigt. Das wird dann juristisch angegriffen und es landet bei den Gerichten", sagte der Chef des Richterbunds.
"Wir haben in den vergangenen drei Jahren mehr als eine Verdopplung der Verfahrenseingänge in Asylsachen gesehen. 2022 waren es noch rund 62.000 Klagen, im vergangenen Jahr mehr als 140.000 Verfahren."
Der Deutsche Richterbund wirft den Bundesländern vor, zu wenig gegen Organisierte Kriminalität zu tun. Weil die Landesregierungen auf die Personalkosten fixiert seien, gebe es zu wenig Ermittler.
26.12.2025 | 0:29 minGdP-Chef Kopelke warnt vor "Kollaps der Strafjustiz"
Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, forderte von der Politik Konsequenzen. "Dieser Kollaps der Strafjustiz muss von der Politik abgewendet werden", erklärte Kopelke. Die Situation um die deutsche Strafjustiz sei "dramatisch".
Insgesamt würden die Ermittlungsbehörden vor allem unter enormen Aktendruck, Personalmangel, gestiegenen Dolmetscherkosten, Massenverfahren, schleppender Digitalisierung und neuen Kriminalitätsphänomen leiden. Es seien spürbar mehr Polizisten, Staatsanwälte und Richter nötig.
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