Nach Anschlag in Berlin:Wie Präventionsarbeit gegen Islamismus funktionieren kann
von Jasmin Astaki-Bardeh
Nach dem mutmaßlich islamistischen Anschlag in Berlin wird die Frage laut: Wie lässt sich das Risiko dieser Taten mindern? Ein Ansatz: die Deradikalisierung junger Menschen.
Nach dem CSD-Anschlag werden Rufe nach harten Konsequenzen laut.
28.07.2026 | 1:37 minEin entsprechendes Angebot zur Deradikalisierung bietet die Organisation Violence Prevention Network (VPN). Auch der mutmaßliche Täter des Anschlags auf den Berliner CSD, Abdul B., hatte nach seiner Freilassung die Auflage, an dem Programm teilzunehmen. Er kam zu Vorstellungsgesprächen. Zu einer eigentlichen Deradikalisierungsmaßnahme kam es jedoch nicht. Einblicke in das Programm:
Wie Radikalisierung entsteht und wie ein Ausstieg gelingen kann, weiß Deradikalisierungsberater Samet Er. Seit zehn Jahren begleitet er für VPN Menschen, die sich islamistisch radikalisiert haben. Mehr als 50 Ausstiege hat er bereits betreut. Dabei beginnt Radikalisierung nach seiner Erfahrung nur selten mit Gewalt.
Tatsächlich ist es so, dass islamistische Prediger, sei es auf Social Media oder in Moscheen, nicht direkt zu Gewalt aufrufen.
Samet Er, Deradikalisierungsberater
Stattdessen griffen sie gezielt die Probleme junger Menschen auf. "Sie sprechen genau diese Probleme an."
Samet Er arbeitet als De-Radikalisierungsberater im Strafvollzug. Sein Ziel ist es, Islamisten Wege aufzeigen, sich aus der Szene zu lösen.
08.09.2025 | 1:29 minGefährdete Jugendliche fühlen sich ausgegrenzt
Besonders wirksam seien Erfahrungen von Ausgrenzung und fehlender Zugehörigkeit. Die Botschaft der Extremisten laute: "Sie wollen dich nicht haben. Sie sind gegen dich. Du bist Opfer. Komm zu uns." Diese Strategie beobachtet Samet Er seit Jahren.
Wir haben sehr viele Fälle, die mit Koran-Verteilaktionen begonnen haben und schließlich im Gebiet des sogenannten Islamischen Staates gelandet sind.
Samet Er, Deradikalisierungsberater
Was zunächst harmlos wirke, könne laut Er der Einstieg in eine radikale Parallelwelt sein.
Samet Er ist Deradikalisierungsberater: Er versucht, mögliche Terroristen zu erkennen und zu de-radikalisieren. Über 50 Islamisten hat Samet Er beim Ausstieg aus der Szene begleitet.
09.01.2026 | 15:51 minAuch Bettina Rommelfanger, Leiterin der Stabsstelle konex beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg, sieht mehrere Faktoren, die Radikalisierung begünstigen können: "Diskriminierungserfahrungen, Mobbing, fehlende Zugehörigkeit, mangelnder familiärer Zusammenhalt und vor allem Online-Medien."
In Deutschland gelten laut Bundeskriminalamt 410 Menschen als islamistische Gefährder. Nach dem Anschlag auf den CSD stellt sich erneut die Frage, wie solche Taten verhindert werden können.
28.07.2026 | 1:34 min"Wut, nicht dazuzugehören"
Wie sich Ausgrenzung anfühlen kann, schildert ein ehemaliger Klient von Er. Der Sohn libanesischer Geflüchteter erinnert sich an seine Kindheit in Deutschland: "Die Wut, nicht dazuzugehören." Er habe nicht verstanden, "warum ein Stück Papier mich zu einem Dazugehörigen macht oder nicht".
Für Islamisten seien solche Erfahrungen eine ideale Angriffsfläche, sagt Er. Sie böten Anerkennung, Gemeinschaft und lieferten einfache Antworten auf komplexe Fragen.
Beleidigungen, Benachteiligung, Ausgrenzung – für viele Menschen gehört Diskriminierung zum Alltag. Eine aktuelle Studie zeigt: Rund neun Millionen Erwachsene in Deutschland sind betroffen.
10.03.2026 | 2:49 minWichtig: Vertrauen aufbauen, zuhören
Deradikalisierung funktioniere deshalb vor allem über Vertrauen.
Man muss sich viel Zeit nehmen, viele Gespräche führen und versuchen, das Gefühl zu vermitteln: Ich verstehe dich, ich höre dir zu und ich will dir helfen..
Samet Er, Deradikalisierungsberater
Oft dauere es lange, bis Menschen ihre Geschichte erzählten. Manche Klienten begännen erst nach einem oder sogar eineinhalb Jahren, über ihre Biografie zu sprechen. "In der Biografie liegt oft der Schlüssel zur Radikalisierung", sagt Samet Er.
Der mutmaßliche Täter Abdul B. war polizeilich bekannt und wegen der Vorbereitung schwerer Gewalttaten verurteilt. Wegen des Jugendstrafrechts konnte er sich dennoch frei bewegen.
27.07.2026 | 2:22 minPerspektive nach der Haft aufzeigen
Viele Gespräche führt er in Justizvollzugsanstalten. Dort begleitet er islamistische Straftäter über Monate oder sogar Jahre. Dabei gehe es nicht darum, Straftaten zu relativieren. "Wir zeigen ganz klar, dass das, was sie getan haben, falsch war und nicht zu akzeptieren ist." Gleichzeitig brauche es eine Perspektive für die Zeit nach der Haft. Denn bei vielen komme die Frage auf: "Wenn ich raus bin, wer hilft mir dann?"
Bundesinnenminister Dobrindt hat den kostenfreien Zugang zu Integrationskursen stark reduziert. Diese Sparmaßnahme wird derzeit kritisiert.
26.02.2026 | 1:30 minKurz nach der Entlassung sei eine besonders gefährliche Zeit, sagt Samet Er. Wenn dann das Gefühl aufkomme, allein gelassen zu werden, könnten sich negative Gefühle gefährlich hochschaukeln. Aus seiner Sicht müsse deshalb vor allem das Übergangsmanagement nach Haftentlassung verbessert werden: "Der Austausch zwischen Sicherheitsbehörden, Justizvollzugsanstalten und zuvilgesellschaftlichen Organisation muss gerade dann verstärkt werden", fordert Er und ergänzt:
Potenzielle Gefährder müssten nach der Haftentlassung intensiv begleitet werden.
Samut Er, Deradikalisierungsberater
Das sei eine strukturelle Sicherheitslücke, sie sich ändern müsse, sagt Er. Trotz aller Rückschläge hält er jedoh an seiner Arbeit fest. "Diese jungen Menschen nicht vorschnell abzustempeln, sondern ihnen weiterhin Unterstützung anzubieten und sie dauerhaft aus diesem Milieu herauszuholen" - darin sieht er den entscheidenden Auftrag der Präventionsarbeit.
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