"Merz muss Ausrichtung ändern":CDU-Arbeitnehmer greifen Kanzler scharf an
Der Arbeitnehmer-Flügel der CDU, die CDA, kritisiert scharf die eigene Partei. Man sei keine Volkspartei mehr. Ihr Chef Radtke fordert ein neues Grundverständnis in CDU-Reihen.
Der CDA-Bundesvorsitzende Dennis Radtke sieht die CDU nicht mehr als Volkspartei. Kanzler Merz habe nicht ausreichend vermocht, Menschen einzubinden.
27.09.2026 | 7:21 minZDFheute: Herr Radtke, die CDU ist keine Volkspartei mehr?
Radtke: Ja, unser Anspruch muss sein, wieder Volkspartei zu werden. Also Friedrich Merz hat davon gesprochen, wir sind es nur noch in Teilen. Ich denke, da gibt es sicherlich auch regionale Unterschiede. Aber insgesamt muss man konstatieren, nicht nur anhand der Ergebnisse, sondern auch anhand von anderen Indikatoren:
Wir werden den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht!
Und deswegen gilt es jetzt auch da, die Ärmel aufzukrempeln und nicht jammern und Wehklagen betreiben, sondern was dafür tun, dass wir wieder auf den alten Stand kommen.
ZDFheute: Jetzt drängt ja die Zeit, wenn man sich überlegt, du meine Güte, wir wollen wieder Volkspartei werden, aber in Nordrhein-Westfalen schmiert auch die CDU ab, in den anderen Ländern auch. Im Grunde haben Sie jetzt ein halbes Jahr Zeit, da wird man nicht Volkspartei. Was kann man denn akut machen, damit die Union in der Breite wieder auf den grünen Zweig kommt?
Die Unzufriedenheit mit Kanzler Merz ist stark gestiegen. Nach Wahlniederlage, schwachen Umfragen und offenen Reformfragen ist die Frage, wie es jetzt weiter geht.
14.09.2026 | 2:41 minRadtke: Ich glaube, wir brauchen jetzt das Gegenteil von Aktionismus. Ich glaube, es ist schon auch richtig, dass jetzt auch das Präsidium zu einer Klausurtagung zusammenkommt. Danach müssen wir es auch nochmal auf breitere Füße stellen, aber wir müssen ganz nüchtern die Defizite analysieren und mir geht es auch nicht um die Frage, Recht zu haben.
Viele Dinge, die jetzt für einige ganz offenkundig als Defizit auch öffentlich werden, habe ich schon sehr, sehr lange angesprochen, was soziales Profil der Partei angeht, was die Breite der personellen Aufstellung angeht, auch der inhaltlichen Aufstellung, das ist ja nicht neu.
.... ist Mitglied der CDU und des Europäischen Parlaments. Er ist Bundesvorsitzender der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft Deutschlands. Die CDA ist eine Vereinigung innerhalb der CDU mit dem inhaltlichen Schwerpunkt Sozialpolitik.
Wenn man auch die personelle Breite in der Bundestagsfraktion, in manchen Landtagsfraktionen beklagt, das sind ja Dinge, die lassen sich nicht von heute auf morgen ändern.
Und natürlich bleibt es auch dabei, dass die Kreisverbände vor Ort entscheiden, wer ihr Kandidat, ihre Kandidatin ist, aber ich halte es für elementar, dass da, wo man weiß, da entstehen Vakanzen, weil jemand nicht mehr kandidiert, dass dann auch die Führung stärker draufschaut und sagt, was fehlt uns eigentlich in unserem Profil, was würde uns einfach gut tun, damit wir auch die ganze Bandbreite entsprechend auch bei den Mandatsträgern abbilden.
ZDFheute: Also im Grunde eine Art Quote für Nicht-Akademiker, eine Quote für Frauen, eine Quote für Migranten, stellen Sie sich sowas vor?
Für die CDU hat ein Kampf an mehreren Fronten begonnen: gegen den Frust im Land, gegen politische Rivalen und gegen interne Zerreißproben.
22.09.2026 | 35:29 minRadtke: Nein, wir brauchen keine Quoten, das ist überhaupt nicht das, was ich mir vorstelle, sondern ich stelle mir vor, dass wir wieder mit einem anderen Grundverständnis an die Dinge gehen. Nochmal, vor Ort bleibt jeder frei, muss jeder frei bleiben, seinen Kandidaten, seine Kandidatin aufzustellen.
Aber ich würde mir wünschen, dass es endlich einmal wieder ein Verständnis dafür gibt, dass unsere Gruppe, also der Anspruch einer Volkspartei ist ja eben, die ganze Breite abzubilden.
Aber die Gruppe an Mandatsträgern und Funktionsträgern wird immer homogener und dem muss man etwas entgegensetzen.
Man hat gesehen, dass diese Arroganz, wie man über die Abschlüsse oder Nichtabschlüsse von Herrn Siegmund - "ist der jetzt ein Parfümverkäufer?" - wie man darüber geredet hat. Das hat ja eigentlich eher noch dazu geführt, dass sich noch mehr Menschen mit ihm identifiziert haben, weil die Mehrheit der Bevölkerung besteht eben nicht aus Akademikern.
ZDFheute: Die CDU ist zu abgehoben?
Radtke: Das ist ja zumindest der Eindruck, den viele Menschen haben. Also wenn 70 Prozent der Wählerinnen und Wähler, die wir in Sachsen-Anhalt verloren haben bei der letzten Wahl, die noch Reiner Haseloff gewählt haben und jetzt beim letzten Mal nicht mehr, wenn 70 Prozent dieser Wählerinnen und Wähler sagen, die CDU kümmert sich nicht um Arbeitnehmerinteressen, dann ist das ein bedrückender und erdrückender Befund.
Wie geht es nach dem desaströsen CDU-Ergebnis bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt weiter? Und wie trifft die Wahl die CDU auf Bundesebene?
10.09.2026 | 17:59 minAlso die sagen nicht, man kümmert sich zu wenig, sondern die Botschaft war, sie kümmern sich nicht, und mit diesem Befund muss sich die Partei auseinandersetzen.
ZDFheute: Welchen Anteil hat denn der Parteichef Friedrich Merz, der seit vier Jahren die Partei führt?
Radtke: Interessanterweise hat er das ja auch 2021 eigentlich angekündigt, als er sich zum dritten Mal um den Parteivorsitz beworben hat, dass das eines der Defizite ist. Da haben Sie einen Punkt.
Und was man natürlich auch nicht außen vor lassen kann in der Betrachtung, dass natürlich die Rhetorik, - "die Menschen feiern zu viel krank", "zu wenig Leistungsbereitschaft" - dass das natürlich eher Menschen triggert, als Menschen abzuholen. Das ist doch ganz offenkundig und das kann auch nicht wegdiskutiert werden, und diese Dinge muss sich der Parteivorsitzende selbstverständlich zu Herzen nehmen.
Mehr über die Kritik der Arbeitnehmer in der CDU erfahren Sie in der ZDF-Sendung Berlin direkt. Dazu äußert sich auch Gesprächsgast Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen. Sehen Sie Berlin direkt am 27.09.2026 ab 19:10 Uhr im TV oder im Streamingportal.
ZDFheute: Kann er bleiben? Oder sind Sie der Meinung, eigentlich wäre es gut, da käme jetzt auch eine andere Person?
Radtke: Diese Diskussion flammt ja immer mal wieder auf und natürlich hat die jetzt auch durch die deprimierenden Wahlergebnisse noch mal Futter bekommen. Aber ich komme nicht zu dem Ergebnis, dass das insgesamt zu einer Verbesserung und zu einer Beruhigung der Situation beigetragen hat.
Also mit solchen Optionen sollte man nicht willkürlich spielen. Aber für mich ist klar:
Es müssen sich Dinge verändern, und natürlich muss sich auch Herr Merz in seinem Verhalten, in seiner Ausrichtung, auch in seiner Kommunikation, muss er sich verändern, wenn wir aus diesem Knick herauskommen wollen.
Gerüchte von Kanzlertausch bis Kanzlersturz machen die Runde. Was steckt dahinter? Was sind mögliche Szenarien? Eine Analyse.
17.09.2026 | 31:07 minZDFheute: Ganz konkret bei den Reformen, die gerade diskutiert werden. Wo sind Sie für eine Aufweichung dessen, was jetzt vorher schon beschlossen worden war?
Radtke: Wir brauchen für die Rente, für besonders langjährige Versicherte, also nach 45 Jahren, brauchen wir für die Menschen, die in besonders belasteten Berufen sind - Pflege, Bau und so weiter -, da brauchen wir eine verlässliche Anschlusslösung, dass das da auch weiter gilt; aber keine Pauschallösung mehr für alle.
ZDFheute: Wie enttäuscht sind Sie, dass keiner der Ministerpräsidenten, vor allem Ihrer, Hendrik Wüst, bereit ist, zu sagen: Ich will Kanzler werden, wir brauchen auch eine neue Figur an der Spitze?
Radtke:
Den Kanzler austauschen tut man nicht mal eben. Die Beispiele aus anderen Ländern zeigen auch, dass eine hohe Fluktuation jetzt nicht zwingend zu einer Verbesserung und Stabilisierung der Lage beiträgt.
Aus dem Landtag rauszufliegen ist sicherlich eine Zäsur. Wir haben ja dieses Jahr landauf landab den 150. Geburtstag von Konrad Adenauer gefeiert. Ausgerechnet in diesem 150. Geburtstagsjahr ein solches Erlebnis, das in Wahrheit doch vor Kurzem niemand für denkbar gehalten hat! Dass dieser stolzen Partei so etwas passiert...
Bundeskanzler Merz traf zum Auftakt der CDU-Landesklausur auf NRW-Ministerpräsident Wüst. Spekulationen um einen möglichen Kanzlertausch wurden allseits abgewiesen.
01.06.2026 | 1:45 minIch nehme aber keine Gleichgültigkeit bei den Ministerpräsidenten wahr, auch nicht bei anderen Akteuren. Aber die Frage ist ja: Wie geht man jetzt gemeinsam mit dieser Situation um?
Und die Ministerpräsidenten, finde ich, haben in ihrem Schreiben auch eine gemeinsame Verantwortung deutlich gemacht. Und natürlich könnte man es sich auch einfacher machen und sagen, wir schieben jetzt alles auf Friedrich Merz.
Oder man geht den Weg, den die Ministerpräsidenten jetzt gewählt haben und sagt: Wir haben eine gemeinsame Verantwortung für dieses Land, auch für diese Partei. Und wir wollen jetzt alles tun, um dieser gemeinsamen Verantwortung auch gerecht zu werden.
Das Interview führte Wulf Schmiese. Er ist Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio.
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