Letzte große Reise als Bundespräsident:Steinmeier in China: Warum der Besuch ein Balanceakt ist
von Wulf Schmiese und Markus Aust
Es ist Steinmeiers letzte ganz große Reise im Amt: Der Bundespräsident soll in China Deutschland als Partner anpreisen, aber auch Pekings aggressive Wirtschaftspolitik kritisieren.
Bundeskanzler Merz reist nach Japan, Südkorea und Singapur. Unterdessen ist Bundespräsident Steinmeier zu Gast in China. Bei beiden Reisen steht Pekings wachsende Macht im Fokus.
26.10.2026 | 0:27 minWährend Deutschland rätselt, wer dem Bundespräsidenten im Amt nachfolgen wird, reist der aktuelle Amtsinhaber durch China. Heute wird Frank-Walter Steinmeier mit höchsten Ehren von Präsident Xi Jinping empfangen. Es ist der Höhepunkt eines schwierigen Balanceakts für Deutschland. Zumal Bundeskanzler Friedrich Merz parallel Chinas Konkurrenten Singapur, Japan und Südkorea besucht - um sie als Verbündete zu ehren.
China-Besuche waren für Bundespräsidenten immer heikel. Weil Deutschlands Staatshäupter dabei stets beides sein mussten: Bewunderer und Kritiker. Nirgendwo sonst auf der Welt ist der Bundespräsident mehr gefordert als Lober und Mahner zugleich.
Steinmeier, der einstige Außenminister, ist auf seiner letzten ganz großen Auslandsreise oberster Diplomat seines Landes, das über die Jahrzehnte vom Förderer zum Bittsteller in China geworden ist.
Auf seiner Asienreise ist Kanzler Merz "auf der Suche nach Freunden", berichtet ZDF-Korrespondentin Diana Zimmermann.
27.10.2026 | 1:26 minBundespräsident reist ohne Wirtschaftsdelegation
Es ist der erste China-Besuch eines Bundespräsidenten nach fast acht Jahren. Seit Steinmeier 2018 erstmals als Staatsoberhaupt dort war, hat sich die Weltlage drastisch verändert. Heute ist sie vielerorts zum Reißen gespannt durch Handelskriege, scharfe Geopolitik und Russlands Krieg gegen die Ukraine - was alles zu Spannungen auch zwischen China und Deutschland führt.
Im Gegensatz zu Merz, der von 30 CEOs begleitet wird, reist Steinmeier ohne Wirtschaftsdelegation. Dennoch begann der Präsident seine Reise zum Wochenbeginn im Zeichen der Automobilindustrie. Weil Deutschlands einstiger Exportschlager, der Verbrennungsmotor, nicht mehr zieht, stand nun auf dem Programm die Volkswagen China Technology Company, ein hochmodernes Entwicklungszentrum für Elektromobilität in der Millionenstadt Hefei.
Während der Bundespräsident in China ist, reißt die Debatte um die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier in seiner Heimat Deutschland nicht ab.
28.10.2026 | 2:44 minExpertin: Reisen sollen Stärke und Partnerschaft zeigen
"Die parallelen Reisen zeigen, dass Deutschland seine China-Politik zunehmend auf zwei Säulen stützt", sagt Eva Seiwert, Senior Analystin des Mercator Institute for China Studies (Merics). Einerseits wolle Deutschland durch die Merz-Reise seine wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Partnerschaften in Asien ausbauen, um einseitige Abhängigkeiten von China zu reduzieren.
Gleichzeitig aber solle Steinmeiers Programm zeigen, dass China weiterhin von Deutschland als ein "zentraler wirtschaftlicher und geopolitischer Akteur" anerkannt werde.
"Auch vor diesem Hintergrund ist der Fokus seiner Reise auf den gesellschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Austausch zu verstehen", sagt China-Analystin Seiwert. Nach Kultur im Unesco-Weltkulturerbe-Dorf Hongcun und Natur im Huangshan-Gebirge folgt für den Bundespräsidenten nun in Peking erst Wissenschaft und dann - als Krönung zum Schluss - die Politik.
Bundeskanzler Merz ist in Singapur gelandet und beginnt dort seine viertägige Asienreise. Die Reise soll eine wirtschaftliche Zusammenarbeit stärken und so die Abhängigkeit von China verringern.
27.10.2026 | 0:21 minDeutschland will ernst genommen werden
Mit welchem Ziel trifft Steinmeier Xi? Merics-Fachfrau Seiwert mutmaßt:
Bundespräsident Steinmeier dürfte vor allem deutlich machen wollen, dass China die deutschen und europäischen Sorgen über unfaire Wettbewerbsbedingungen und bestehende wirtschaftliche Ungleichgewichte ernst nehmen muss.
Eva Seiwert, Mercator Institute for China Studies (Merics)
"Es geht also auch darum, Peking zu vermitteln, dass Europa zunehmend bereit ist, seine wirtschaftlichen Interessen entschiedener zu verteidigen, wenn China bestehende Ungleichgewichte nicht angeht."
Diese Reise ist anders als frühere Besuche
Hier wird ein deutlicher Kontrast sichtbar zu allen früheren Reisen deutscher Bundespräsidenten. Heute setzt die chinesische Wirtschaft Deutschland zu wie nie. Peking subventioniert heimische Produkte wie vor allem E-Autos über alle Maßen, damit die durch unschlagbar niedrige Preise auf Deutschlands Markt Fuß fassen.
Bundeskanzler Merz versucht, auf seiner Asienreise mit Verbündeten einen Gegenpol zu den USA und China zu bilden. Auch in Japan warb er dafür, ökonomisch und militärisch enger zusammenzuarbeiten.
28.10.2026 | 1:44 minSteinmeier soll gegen chinesische Subventionen mahnen
Von Steinmeier wird erwartet, dass er zum Ende seines Aufenthalts mal dagegen mahnt. Im Grunde ein Drohen mit Zöllen sollte China da heraushören, auch wenn ein Bundespräsident dazu gar keine Prokura hat. Früher fühlte sich Deutschland überlegen, sah sich als Förderer Chinas, weil es dorthin exportieren wollte. Zu Beginn der erst 1972 begonnenen bilateralen Beziehungen wähnte sich Deutschland noch ein ganzes Zeitalter voraus.
Als erster Bundespräsident hatte Karl Carstens 1982 "Rotchina" besucht, wie die maoistische Volksrepublik damals umgangssprachlich noch genannt wurde. In der Großen Halle des Volkes, in der heute Steinmeier feierlich empfangen wird, wurden damals noch ganz selbstverständlich Spucknäpfe von den Funktionären in Mao-Kitteln benutzt anstatt Taschentücher. China war ein Entwicklungsland, wollte Kredite und bot spottbillige Arbeitskräfte zur Pkw-Produktion. Volkswagen fasste Fuß, auch auf dem chinesischen Markt, und die Bundesrepublik verdiente jahrzehntelang blendend.
"Es war ein Signal der Annäherung, China braucht die EU als Absatzmarkt", so ZDF-Korrespondentin Miriam Steimer. ZDF-Korrespondent Röller sieht "ein paar Hoffnungsschimmer für die EU".
10.10.2026 | 3:11 minKein "Wandel durch Handel" mit China absehbar
Vorbei, die goldenen Zeiten - und es sind nicht nur Chinas Überkapazitäten, die Deutschland unter Druck setzen. Sondern auch die faktische Unterstützung Russlands im Krieg gegen die Ukraine. Früher, als Steinmeier noch Außenminister war, galt er als Pragmatiker, dem Dialog und wirtschaftliche Zusammenarbeit wichtiger zu sein schienen als Ideologie-Kritik.
"Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat zu einer kritischeren Bewertung wirtschaftlicher Verflechtungen geführt", sagt die Expertin Seiwert.
Steinmeier selbst hat seitdem betont, dass wirtschaftlicher Austausch nicht automatisch zu politischer Annäherung führt.
Eva Seiwert, Mercator Institute for China Studies (Merics)
Mit anderen Worten: Dieser China-Besuch von Bundespräsident Steinmeier wird trotz der ungewöhnlichen Länge von sechs Tagen wohl keine Wende in den deutsch-chinesischen Beziehungen bringen. Aber eben auch keinen "Wandel durch Handel", woran doch gerade Sozialdemokraten wie einst er selbst so lange glaubten.
Wulf Schmiese ist Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio.
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