Streit in der Koalition: Merz' Führung "ganz schwach"

Interview

Von Lucke über Krisengespräche:Streit in der Koalition: Merz' Führung "ganz schwach"

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Zwei Tage lang hat die Koalition über Entlastungen der Bürger und Reformvorhaben beraten. Albrecht von Lucke rechnet nicht mit einem großen Wurf und kritisiert den Kanzler scharf.

Albrecht von Lucke | Politikwissenschaftler

Wirtschaftsministerin Reiche, CDU, wolle "keinerlei Interventionen in Märkte", während die SPD diese fordere, so der Politologe Albrecht von Lucke über konträre Ansichten zu Eingriffen in Energiepreise.

13.04.2026 | 4:46 min

Der Streit um Energiepreise und staatliche Interventionen hat die Koalition tief gespalten. Im ZDF-Morgenmagazin zieht Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke eine ernüchternde Bilanz: Er spricht von einem "echten Graben", kritisiert die Führung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und äußert Zweifel bezüglich der Erfolgsaussichten der anstehenden Reformen.

Sehen Sie das Interview im ZDF-Morgenmagazin oben in voller Länge und lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagt Albrecht von Lucke ...

... zum Koalitionsstreit

Der Konflikt zwischen Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) drehe sich um eine Grundsatzfrage der deutschen Wirtschaftspolitik, erklärt von Lucke. Reiche fordere eine reine Marktwirtschaft ohne staatliche Eingriffe, während die SPD auf staatliche Maßnahmen bei Übergewinnen bestehe. Genau hier liege der Konfliktstoff.

Spritpreise

Bis in die Nacht hat die Koalition über Reformen zu Rente, Pflege und Energie verhandelt. Der Streit über Tank-Abgaben, Übergewinnsteuer und Marktregulierung wurde allerdings nicht beigelegt.

13.04.2026 | 1:33 min

Reiche habe nicht nur Klingbeil, sondern auch den Kanzler scharf attackiert, indem sie die SPD-Vorschläge als "verfassungswidrig" abtat. Von Lucke sieht diesen Konflikt als weit schwerwiegender als frühere Streitigkeiten innerhalb der Regierung. Bisherige Auseinandersetzungen, etwa die um das Verfassungsgericht oder die Stadtbild-Debatte, seien im Vergleich dazu "Petitessen". Hier hingegen sei ein "echter Graben aufgerissen", der all das "weit in den Schatten gestellt" habe. Eine große Lösung erwartet er nicht:

Es wäre ja schon viel, wenn eine echte Konfliktbegradigung stattfinden würde.

Albrecht von Lucke, Politikwissenschaftler

30.01.2026, Berlin: Katherina Reiche (CDU), Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, gibt in der 57. Plenarsitzung der 21. Legislaturperiode im Deutschen Bundestag eine Regierungserklärung zum Jahreswirtschaftsbericht 2026 ab.

Wirtschaftsministerin Reiche kritisiert Vorschläge der SPD für Entlastungen wegen hoher Energiepreise scharf. Nun gerät sie selbst unter Druck, auch aus der eigenen Partei.

10.04.2026 | 2:14 min

… zur Rolle von Bundeskanzler Friedrich Merz

Von Lucke kritisiert die Führung von Bundeskanzler Friedrich Merz scharf: Diese sei "ganz schwach und das ist dramatisch". Merz habe ein "Vakuum geschaffen", weil er den Streit zwischen den Koalitionspartnern nicht rechtzeitig gestoppt habe.

Dieses Versäumnis schwäche die Regierung innen wie außen. Deutschland könne in der aktuellen europäischen Lage nicht mit Stärke auftreten, obwohl ein "Aufbruchsignal aus Neudeutschland" dringend nötig wäre.

Jetzt ist die Chance, mit einem starken deutschen Kanzler in der Außenpolitik das zu machen, was es braucht - Europa geschlossen zu halten.

Albrecht von Lucke, Politikwissenschaftler

Von Lucke kritisiert, Merz habe seine "starke außenpolitische Neigung" nicht auf die Innenpolitik übertragen. Zwar werde er als "Außenkanzler" wahrgenommen, doch er habe nicht klargemacht, "was es für die Innenpolitik bedeutet". Das schade ihm massiv - und verstärke die Spannungen in der Koalition.

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil und Bundeskanzler Friedrich Merz vor der Sitzung des Kabinetts in Berlin

Streit wegen hoher Spritpreise und steigender Reformdruck: Zwischen Union und SPD knirscht es. Wie handlungsfähig ist Schwarz-Rot?

12.04.2026 | 3:52 min

... zu den anstehenden Reformen

Von Lucke rechnet nicht mit großen Reformen, sondern höchstens mit kleinen Schritten. Seine Skepsis begründet er mit den heftigen Auseinandersetzungen selbst bei vergleichsweise einfachen Themen wie dem "Benzinstreit". Wenn schon daran alles scheitere, seien größere Reformen kaum vorstellbar.

Dabei stünden drängende Themen wie Rente, Pflege, Gesundheit und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auf der Agenda. Doch die Schwäche beider Parteien und die Zerrissenheit der Koalition erschwerten Fortschritte. Hinzu komme der Zeitdruck: Viele Reformen seien für den Herbst angekündigt. Ohne eine Beruhigung der Lage und eine Wiederherstellung der Kanzler-Autorität sieht von Lucke keine Chance, "wie die großen Reformen" gelingen sollen.

Das Interview führte Andreas Wunn, zusammengefasst hat es Finia Zoé Dienst.

Über dieses Thema berichtete das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 13.04.2026 ab 05:30 Uhr.

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