Affäre um Verflechtungen:AfD-Spitze weist Vorwürfe zu Vetternwirtschaft zurück
von David Gebhard, Anne Herzlieb, Julia Klaus, Marta Orosz
Die AfD-Vorsitzenden weisen Vorwürfe zu Vetternwirtschaft zurück - trotz zahlreicher fragwürdiger Beschäftigungen. ZDF Frontal mit einem Überblick der Verflechtungen.
Mehrere Abgeordnete der AfD beschäftigen Familienangehörige ihrer Parteifreunde. In Sachsen-Anhalt stellten Landtagsabgeordnete gar eine halbe Fußballmannschaft an.
24.02.2026 | 11:16 minDie AfD-Spitze weist Vorwürfe im Zusammenhang mit Vetternwirtschaft und gegenseitigen Anstellungen innerhalb der Partei zurück. Medienberichte dazu seien "haltlos und völlig aufgebauscht", sagte die Co-Vorsitzende Alice Weidel am Dienstag. Man überprüfe "alles, was uns bekannt ist" und schaue sich die Einzelfälle an.
Ins Rollen gekommen war die Affäre durch Recherchen von ZDF Frontal zu Vorgängen in Sachsen-Anhalt. Der Vater des Spitzenkandidaten für die Landtagswahl Ulrich Siegmund arbeitet im Büro des Bundestagsabgeordneten Thomas Korell. Dafür hat er zwischenzeitlich ein Monatsgehalt von bis zu 7.725 Euro erhalten. Eine Anfrage von ZDF Frontal beantwortete der Abgeordnete nicht und verteidigte die Praxis - zunächst in einem Instagram-Video.
Einige Tage später gab der Spitzenkandidat in einem Interview mit der "Jungen Freiheit" zu, dass sein Vater projektbezogen im vergangenen Jahr mehr als 7.000 Euro monatlich erhalten habe, dies aber "seit mehreren Monaten" nicht mehr so sei. Mittlerweile verdiene er "knapp unter 5.500 Euro".
Nicht nur in Sachsen-Anhalt, auch in Niedersachsen sieht sich die AfD mit Vorwürfen der Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch konfrontiert.
24.02.2026 | 3:06 minAnstellungen mit "Geschmäckle"
Zu überprüfen gibt es für die AfD einiges: Wie die "Zeit" zuerst berichtete, sollen die drei Geschwister des Parlamentarischen Geschäftsführers der Magdeburger AfD-Fraktion, Tobias Rausch, bei der Bundestagsabgeordneten Claudia Weiss arbeiten. Deren Tochter findet sich auf einer Mitarbeiterliste der AfD-Landtagsfraktion. Rauschs Schwager fand Anstellung wiederum bei dem Bundestagsabgeordneten Thomas Korell. Fragen von ZDF Frontal dazu beantworteten die Beteiligten nicht.
Solche Anstellungen sind legal - das Abgeordnetengesetz verbietet nur die Beschäftigung von direkten Familienmitgliedern. Doch sie haben ein "Geschmäckle", wie Parteichef Chrupalla in der Sendung "Caren Miosga" zugab.
Verträge der halben Fußballmannschaft mit AfD-Abgeordneten
Das Netzwerk um Tobias Rausch geht noch weiter. ZDF Frontal liegen Verträge zwischen ihm und vier Fußballspielern vom SV 09 Staßfurt vor. Rausch ist Vorstandsvorsitzender im Fußballverein. Angestellt sind die Spieler für monatlich je 250 bis 300 Euro - um Rausch bei "seiner parlamentarischen Arbeit zu unterstützen". Nachfragen von ZDF Frontal dazu, was genau diese Arbeit beinhaltet, haben weder die Fußballspieler noch Tobias Rausch beantwortet.
Ein fünfter Spieler hat einen Vertrag mit Rauschs Fraktionskollegen, dem Landtagsabgeordneten Felix Zietmann. Die Beteiligten reagierten nicht auf Anfrage von ZDF Frontal.
Auf die Fußballer angesprochen verwies Parteichefin Weidel gegenüber ZDF Frontal auf eine Kommission in Sachsen-Anhalt, die die Vorgänge dort untersuchen werde.
Sollte hier irgendwas fehlerhaft gelaufen sein, dann werden diese Leute auch nicht auf ihren Stühlen verbleiben können.
Alice Weidel, AfD-Vorsitzende
Gegen die AfD steht der Vorwurf der Vetternwirtschaft im Raum. Zunehmend kommen Fälle ans Licht, die die gegenseitige Beschäftigung von Familienangehörigen zeigen.
13.02.2026 | 2:20 minRheinland-Pfalz: Alte Freunde Münzenmaier und Jungbluth
Familiäre Verflechtungen gibt es auch in Rheinland-Pfalz. Die Ehefrau des Bundestagsabgeordneten Sebastian Münzenmaier arbeitet als Assistentin für den EU-Parlamentarier Alexander Jungbluth. Jungbluth war zuvor der Angestellte von Münzenmaier. Auf einem Parteitag im Juli 2023 schlug Münzenmaier seinen Mitarbeiter für die Liste für die anstehende Europa-Wahl vor. Die Fürsprache hatte Erfolg: Jungbluth erhielt einen sicheren Platz und konnte rund ein Jahr später ins EU-Parlament einziehen. Dort stellte er die Partnerin und heutige Ehefrau von Münzenmaier ein.
Auf Anfrage von ZDF Frontal sagt Münzenmaier: "Meine Frau ist bereits seit mehr als zehn Jahren beruflich und ehrenamtlich für die AfD tätig." Eingestellt worden sei sie "aufgrund von Eignung, Leistung und Befähigung", so Münzenmaier. Jungbluth reagierte nicht auf Anfrage von ZDF Frontal.
In Jungbluths Büro im EU-Parlament arbeitet außerdem die Tochter seiner Brüsseler Parteifreundin und Abgeordnetenkollegin Irmhild Boßdorf. Mutter und Tochter reagierten nicht auf ZDF-Frontal-Anfrage.
Ehefrau arbeitet für AfD-Kollegen:Vorwurf der Vetternwirtschaft gegen AfD Niedersachsen
Spitzenkandidat in Baden-Württemberg: "Wem kann man vertrauen?"
In Baden-Württemberg geht es um die Beschäftigung der Schwester von Markus Frohnmaier, dem Spitzenkandidaten für die Landtagswahl. Vor rund acht Jahren arbeitete sie für Frohnmaiers damaligen Parteifreund, den Landtagsabgeordneten Harald Pfeiffer. Frohnmaier wiederum hatte den Sohn von Pfeiffer bei sich geringfügig beschäftigt.
Pfeiffer und sein Sohn bestätigen die Anstellung. Markus Frohnmaier entgegnet, das habe "nicht zeitgleich stattgefunden" - er erklärt: "Ich bin damals frisch in den Bundestag gewählt worden. Ich habe jede helfende Hand benötigt."
Da fragt man natürlich erstmal im Partei-Umfeld: Kennst du jemanden? Wem kann man denn vertrauen?
Markus Frohnmaier, Spitzenkandidat Landtagswahl Baden-Württemberg
Frohnmaiers Ehefrau arbeitet wiederum bei einem AfD-Bundestagsabgeordneten. Auch das sieht der AfD-Politiker unproblematisch: Seine Frau habe sich "ganz normal im Rahmen eines Bewerbungsverfahrens" beworben. "Warum sollte jemand, der für diese Partei brennt und sich engagiert, nicht für sie arbeiten dürfen - nur weil der Ehemann das tut?"
Mehr zu diesem Thema und weitere Recherchen des Investigativformats frontal sehen Sie am Dienstag um 21 Uhr im ZDF-Programm im TV und jederzeit abrufbar in der Streamingplattform des ZDF.
Kritikerin zu AfD Niedersachsen: "Geschäftsmodell zur persönlichen Bereicherung"
In Niedersachsen kocht ein Streit, der aus der Partei heraus angestoßen wurde. Eine Gruppe um die Europaabgeordnete Anja Arndt hatte sich in Brandbriefen an die AfD-Parteispitze gewandt und Vorwürfe von "mafiösen Strukturen" und "Unterschlagung" erhoben. Über ihren Landesvorsitzenden Ansgar Schledde heißt es:
Er verspricht seine Unterstützung, damit das Mitglied einen Listenplatz erhält. Im Gegenzug darf Ansgar Schledde über 35 Prozent des Mitarbeiterbudgets bestimmen.
Brandbrief zu AfD Niedersachsen
So seien bis zu 1.455.000 Euro pro Jahr mutmaßlich veruntreut worden.
Der Landesverband widerspricht den Vorwürfen: "Es findet keine Zweckentfremdung staatlicher Mittel statt und es gibt keine satzungs- oder rechtswidrigen Handlungen", schreibt ein Sprecher auf ZDF-Frontal-Nachfrage. Juristische Schritte gegen anderslautende Behauptungen seien eingeleitet. Bei der Personalauswahl stünden ausschließlich Leistung, Eignung und Befähigung im Vordergrund.
Die AfD prangert bei anderen Parteien stets angeblichen Filz und Selbstbereicherung an, stellt sich als saubere Alternative dar. Dieser Tage hat sie mit ihren eigenen Ansprüchen zu kämpfen.
- Exklusiv
Landesverfassungsschutz:Rechtsextremismus: AfD Niedersachsen hochgestuft
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