Deutsch-Französischer Kongress:Warum Deutschland und Frankreich sich jetzt brauchen
von Susanne Freitag-Cateron
Beim Jahreskongress der Deutsch-Französischen Gesellschaften in Saarbrücken treffen sich Vertreter aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Die Lage ist angespannt.
Deutschland und Frankreich prägen Europas Wirtschaft, doch ihre Regierungen stehen politisch unter Druck. Beim deutsch-französischen Jahreskongress sollen Bindungen gestärkt werden.
17.10.2026 | 1:55 minArbeitskleidung, weißer Schutzhelm - Schichtbeginn für die Teilnehmer des Kongresses. Sie besuchen die Dillinger Hütte. Dort soll künftig grüner Stahl produziert werden, ein Milliardenprojekt. Eine Wasserstoffpipeline soll dann die deutsch-französische Grenze überqueren, und auch Strom soll aus Frankreich kommen. Mit vor Ort: Oliver Nass, Aufsichtsrat der Deutsch-Französischen Handelskammer.
Wir haben hier seit langem die Kompetenz im Stahlbau. Wir brauchen aber grünen, stabilen Strom, und da kann Frankreich liefern. Das hört man in Deutschland nicht immer ganz so gern, weil es heißt, das ist Atomstrom. Aber Atomstrom verursacht keine CO2-Emissionen und ist stabil.
Oliver Nass, Aufsichtsrat Deutsch-Französische Handelskammer
Ist Atomstrom grün oder nicht? Ein Klassiker bei den deutsch-französischen Streitthemen.
Energie, Industriezusammenarbeit, Klimaschutz, KI - über diese Themen tauschen sich die Deutschen und Franzosen drei Tage lang aus. Und darüber, wie die Zivilgesellschaft zur Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen beitragen kann, denn die waren schon mal besser.
Wie geht es nach dem Scheitern des FCAS-Kampfjets weiter mit den deutsch-französischen Beziehungen? Kanzler Merz traf im Juli bei Köln Frankreichs Präsident Macron.
17.07.2026 | 2:03 minBeide Länder sind mit sich selbst beschäftigt
In Deutschland steht die Regierung unter großem Druck. In Frankreich gibt es Massendemonstrationen und Ausschreitungen und die Staatsverschuldung ist so hoch wie nie, und 2027 sind Präsidentschaftswahlen.
Der frühere Gouverneur der Französischen Notenbank, François Villeroy de Galhau, sitzt in einer Gesprächsrunde. Elf Jahre lang hat er Frankreichs Notenbank geleitet. Sein Appell: Frankreich muss seine Schulden in den Griff bekommen. Europa braucht Stabilität, weil es durch den Krieg in der Ukraine, chinesische Märkte und auch durch US-Präsident Trump unter Druck gesetzt wird.
"Wir müssen jetzt an einem Strang ziehen und zusammenarbeiten. Weder Frankreich noch Deutschland, noch irgendein anderes Land in Europa hat eine andere Wahl" sagt er.
Streitpunkt Verteidigungspolitik
Die Verteidigungspolitik wird in diesem Zusammenhang immer wichtiger, bleibt aber ein deutsch-französischer Zankapfel. Das gemeinsame Luftkampfsystem FCAS und das Panzerprojekt MGCS (Main Ground Combat System) scheiterten an nationalen Industrieinteressen.
Der deutsch-französische CDU-Bundestagsabgeordnete Roland Theis hält das für ein Problem: "Das lenkt von den Projekten ab, in denen wir gut miteinander arbeiten", sagt er und nennt die Raumfahrt und die Frühwarnsysteme. "Viele Unternehmer sagen mir: 'Hört auf, nur von FCAS zu sprechen' - wir arbeiten gut zusammen und wir brauchen uns gegenseitig."
Die deutsch-französische Erklärung zur Automobilindustrie wurde viel diskutiert. "Wir dürfen die CO2 Ziele jetzt nicht aufweichen", sagt Jeanne Dillschneider, Abgeordnete der Grünen in Berlin, auch sie ist Deutsch-Französin. "Es ist zwar auf der einen Seite gut, dass Deutschland und Frankreich gemeinsame Impulse setzen. Trotzdem kann es nur einen gemeinsamen europäischen Weg geben, den man dann auch konsequent verfolgt." Die Politikwissenschaftlerin Claire Demesmay beobachtet die Beziehungen seit Jahren:
Beide Länder sind in einer schwierigen Situation. Aber genau deshalb ist der Schulterschluss gerade jetzt wichtig.
Claire Demesmay, Politikwissenschaftlerin
In Frankreich demonstrieren Zehntausende gegen soziale Ungleichheit und hohe Lebenshaltungskosten. Bei den landesweiten Protesten kam es zu heftigen Ausschreitungen.
17.10.2026 | 1:40 minKlima und Haushalt - Themen der Deutsch-Französischen Jugend
Die Klimapolitik ist eins der großen Themen der jungen Generation auf dem deutsch-französischen Kongress. Darum sorgen sie sich genauso wie um die andauernden Schülerproteste und die angespannte Haushaltslage. "Das macht uns Angst", sagt Juliette aus Nantes.
Es geht ja um unsere Zukunft. Wir haben diesen Haushalt nicht gemacht, aber wir sind die, die am meisten betroffen sind.
Juliette
Mathias kommt aus Paris. Er hat dort an den Protesten teilgenommen, bevor er zum Kongress nach Saarbrücken kam. Er schaut besorgt auf die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr: "Es kann sein, dass die extreme Rechte 2027 die Wahlen gewinnt! Das würde sehr schlimme Konsequenzen für die deutsch-französischen Beziehungen haben."
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