Sozialpolitische CDU-Vorstöße:"Zweifel", ob Kanzler "alle Fäden gut in der Hand hält"
Zahnarzt auf eigene Rechnung? Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach erklärt, warum aus der CDU immer mehr sozialpolitisch strittige Vorschläge kommen.
Der Wirtschaftsrat der CDU fordert eine zukünftige Steuersenkung, um den Anstieg der Sozialabgaben zu verhindern. Gespart werden soll anderswo: Und zwar bei Zahnbehandlungen und Rentenformen.
01.02.2026 | 0:22 minZDFheute: Kanzler Friedrich Merz findet, die Deutschen lassen sich zu oft telefonisch krankschreiben, die Mittelstandsunion will die "Lifestyle-Teilzeit" beschränken und der parteinahe Wirtschaftsrat der CDU möchte, dass der Zahnarztbesuch nicht mehr von der gesetzlichen Krankenkasse gezahlt wird. Warum kommen all diese Vorschläge gerade jetzt?
Julia Reuschenbach: Das ist eine ungünstige Gemengelage gerade für die Partei. Sie ist angetreten mit dem großen Ziel, die deutsche Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen. Man hat die zentralen Ressorts mit eigenen Leuten besetzt, insbesondere das Bundeswirtschaftsministerium. Und jetzt zeigen die Zahlen eben, das Wachstum bleibt hinter dem zurück, was man erwartet hat.
Das erhöht den Druck, dass man Ideen präsentiert, wie es besser werden kann.
Konservative Kräfte in Deutschland fordern die Abschaffung des Anspruchs auf Teilzeit. Wie ist die Regelung in anderen Ländern? Ein Blick nach Rumänien, Irland und Österreich.
27.01.2026 | 3:28 minInsbesondere in Baden-Württemberg steht die Partei dort im Wahlkampf, wo viele Mittelständler, Automobilzulieferer und Autokonzerne ihr Zuhause haben. Auch das provoziert natürlich Fragen.
... ist Politikwissenschaftlerin an der Universität Hamburg. Sie forscht zu Parteien, Wahlen, politischer Kommunikation und zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Umgekehrt dominiert die Frage auch dieses Jahr, wie man dem Erstarken der AfD Einhalt gebieten kann. Die Umfragen zeigen Ernüchterung, man bleibt weiter unter den 30 Prozent im Bund, die man sich ursprünglich vorgenommen hatte. Da entstehen Schnellschüsse und Vorschläge, die nicht ausreichend abgestimmt sind.
Die legen jetzt auch offen, dass Teile der Partei sehr uneins miteinander sind, in diesem Fall der wirtschaftsliberalere Flügel und der der Arbeitnehmer.
Kanzler Merz kritisiert: Die Deutschen sind zu oft krankgeschrieben. Hat er Recht? ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Britta Buchholz hat sich die Gründe für den (hohen) Krankenstand näher angeschaut.
23.01.2026 | 11:21 minZDFheute: Der Kanzler hat die Debatte über Sozialstaatsreformen mit seinem Vorschlag neu angefacht. Welche Dynamik entwickelt sich daraus gerade und hat Merz das wirklich im Griff?
Reuschenbach: Es ging nicht nur um seinen Vorschlag zur telefonischen Krankschreibung. Die Debatte ist komplexer. Schon als es um das Rentenpaket ging, haben wir erlebt, dass diese Koalition vor großen Reformerfordernissen steht.
In einer Regierungserklärung des Bundeskanzlers fiel der Hinweis, wenn wir den Sozialstaat erhalten wollen, dann müssen sich Dinge grundlegend ändern. Das muss man dazu erzählen, wenngleich ich sagen würde, das Hauptproblem ist, dass momentan eben nicht ausreichend Führung in dieser Debatte stattfindet.
Der CDU-Wirtschaftsflügel stellt den Rechtsanspruch auf Teilzeit infrage und löst so eine Debatte aus. ZDF-Börsenexpertin Valerie Haller berichtet.
26.01.2026 | 0:57 minAll diese Vorschläge zeugen von einem schwierigen Blick auf die Beschäftigten in Deutschland, der sich in einer Verdachtsrhetorik zeigt.
Ja, man kann Zweifel daran haben, ob der Bundeskanzler, der ja eben auch der Parteivorsitzende ist, da momentan alle Fäden gut in der Hand hält.
ZDFheute: Kann das allein Aufgabe eines Bundeskanzlers sein, das alles managen zu müssen?
Reuschenbach: Nein, dafür gibt es in der Partei auch den Generalsekretär und die stellvertretenden Parteivorsitzenden. Sie müssen Sorge dafür tragen, dass solche Debatten durchdachter geführt oder Vorschläge abgestimmt veröffentlicht werden.
Und eben auch die Frage nach innen stellen, welches Bild vermitteln wir von den Beschäftigten in Deutschland? Von ganz liberal bis arbeitnehmerfreundlich gibt es in der CDU Einigkeit, dass man die Menschen eigentlich dafür gewinnen will, eine Art Ruck zu erzeugen, um es mit dem früheren Bundespräsidenten Roman Herzog zu sagen.
Statt mit einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent im Herbst wird nur noch mit 1,0 Prozent gerechnet. Das zeigt der Jahreswirtschaftsbericht, den Ministerin Katherina Reiche (CDU) vorgestellt hat.
28.01.2026 | 1:43 minZDFheute: In knapp drei Wochen ist CDU-Parteitag. Wie groß ist der wirtschaftliche Reformdruck und wird es dort zu härteren Diskussionen kommen?
Reuschenbach: Ich würde das nicht ausschließen. Es ist ganz typisch, dass sich die unterschiedlichen Flügel und Strömungen vor Parteitagen nochmal positionieren.
In unserer Aufmerksamkeitsdemokratie muss man bedauerlicherweise häufiger zu zugespitzten Forderungen greifen, um sich Gehör zu verschaffen.
Dieses Vorgehen ist nicht unüblich, auch vor Parteitagen der SPD oder anderer Parteien. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass es kleinere Kontroversen geben wird auf dem Parteitag, wenngleich jede gute Antragskommission natürlich versucht, diese im Vorfeld abzuräumen. Die internationale Lage ist viel zu ernst, als dass man es riskieren könnte, sich da selber das Leben schwer zu machen. Womöglich zeigen einzelne Abstimmungen, dass es in der Partei Unmut und Uneinigkeit gibt.
ZDFheute: Vor den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz können die CDU-Spitzenkandidaten mit Einschnitten auf Kosten von Bürgern wohl kaum Punkte machen. Oder?
Reuschenbach: Ja, man würde doch vermuten, dass es da mehr Feingefühl von Personen gibt, die schon länger in der Politik sind, dass sowas im Wahlkampf denkbar ungünstig ist. Man zielt mit diesen Forderungen natürlich auf bestimmte Gruppen, auf Arbeitgeber, mittelständische Betriebe und deren Führungskräfte. Aber das Gros der Menschen und die Mehrheiten bei den Wahlen gewinnt man eben nicht nur mit diesen Menschen, sondern auch mit denen, die in diesen Betrieben und anderswo Arbeit leisten.
Das Jahr 2026 gilt als "Superwahljahr" in Deutschland. Am 22. März wird in Rheinland-Pfalz gewählt. Hier regiert eine Ampel-Koalition, jedoch liegt aktuell die CDU in den Umfragen vorn.
24.01.2026 | 1:42 minZDFheute: Wie entscheidend können diese Themen für die laufenden Wahlkämpfe sein oder sind sie doch nicht so entscheidend?
Reuschenbach: Wir sehen ja schon seit Längerem, dass Wahlen ein sehr volatiles Geschäft geworden sind. Das heißt, Menschen entscheiden situativer, sie entscheiden kurzfristiger. Ihre Parteibindungen gehen zurück, deswegen lassen sie sich eben auch von Einzelereignissen stärker beeinflussen.
Insofern ist es natürlich grundsätzlich möglich, dass solche bundespolitischen Debatten, die es ja erstmal sind, auf die Landesebene durchschlagen und sich dort wiederfinden. Das könnte der SPD und auch der Linken nutzen, die im Einsatz gegen die Beschneidung von Arbeitnehmerrechten immer noch hohe Glaubwürdigkeit hat.
Es könnte auch die entscheidende kleine Schwäche sein für einen Spitzenkandidaten, der vielleicht noch nicht so bekannt ist und von bundespolitischem Rückenwind profitieren wollte. Das sind natürlich Themen, die potenziell auch Sprengkraft besitzen und von rechtspopulistischen Kräften in ein "Wir gegen die" instrumentalisiert werden können.
Das Interview führte Gregor Burkhardt.
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