BSW klagt auf Neuauszählung: Wagenknechts letztes Gefecht

Für Neuauszählung der Wahl 2025:BSW klagt in Karlsruhe: Wagenknechts letztes Gefecht

Andrea Maurer

von Andrea Maurer

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Das BSW klagt in Karlsruhe auf eine Neuauszählung der Bundestagswahl. Was für die Partei die letzte Chance ist, wäre für die Regierung Merz ein politischer Albtraum.

Sahra Wagenknecht auf dem Bundeparteitag im Dezember 2025.

Das BSW will die Bundestagswahl juristisch überprüfen lassen. Sahra Wagenknecht stellt gemeinsam mit der Parteispitze die geplante Wahlprüfungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht vor.

09.02.2026 | 0:25 min

Etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Pressekonferenz kommt Sahra Wagenknecht auf das Szenario zu sprechen, das für ihre strauchelnde Partei der letzte Strohhalm ist - und für Schwarz-Rot das Ende bedeuten würde:

Ich denke, dass wir, wenn wir ziemlich exakt fünf Prozent bekämen, etwa 35 Abgeordnete hätten.

Sahra Wagenknecht, ehemalige BSW-Vorsitzende

Die Frau, die mal die Parteichefin war, hat sich eigentlich von der Spitze des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) zurückgezogen, aber es wird bei diesem Termin schnell klar: Bei der Klage geht es auch um ihre politische Zukunft und um ihr Vermächtnis. Sollte das BSW auf die parlamentarische Bühne zurückkehren, will auch Sahra Wagenknecht zurückkommen - als Chefin jener Fraktion, die dann mit ihrem Einzug die aktuelle Regierung gestürzt hätte.

Einzug des BSW würde Mehrheitsverhältnis im Bundestag ändern

Fakt ist: Käme das BSW durch eine Neuauszählung ins Parlament, würde das die Mehrheitsverhältnisse ändern - und Union und SPD hätten keine Kanzlermehrheit mehr. Sahra Wagenknecht spricht für diesen Fall von "verschiedenen Varianten, die man ja durchspielen kann":

Die CDU kann politischen Selbstmord begehen, kann Merz als Bundeskanzler im Amt lassen und die Grünen in die Regierung holen. Das ist denkbar. Es kann aber auch eine Minderheitenregierung unter einem neuen Kanzler geben.

Sahra Wagenknecht, ehemalige BSW-Vorsitzende

Andrea Maurer

Sollte das BSW nach einer Neuauszählung der Wahl tatsächlich über fünf Prozent kommen, hätte Schwarz-Rot keine Kanzlermehrheit mehr, analysiert ZDF-Korrespondentin Andrea Maurer.

09.02.2026 | 0:42 min

Und sie lässt wissen, was ihre Lieblingsvariante wäre: "Wenn man sich die politische Stimmung im Lande ansieht und den Rückhalt, den diese Koalition hat und den auch Friedrich Merz noch hat, glaube ich, dass wahrscheinlich viele Menschen in Deutschland erleichtert wären, wenn es zu einer Neubildung und einer anderen Regierung käme."

Bundesverfassungsgericht entscheidet über Klage

So weit wie in Sahra Wagenknechts Szenarien ist die Sache allerdings noch lange nicht. Erstmal muss das BSW fristgerecht zum 18. Februar Klage in Karlsruhe einreichen. Und dann muss diese Klage, dass die Bundestagswahl für ungültig erklärt und neu ausgezählt wird, beim Bundesverfassungsgericht Erfolg haben.

Der renommierte Verfassungsrechtler Christoph Degenhart, emeritierter Professor für Staats- und Verwaltungsrecht und ehemaliger Richter am Verfassungsgerichtshof in Sachsen, ist zur Pressekonferenz gekommen. Er vertritt das BSW.

Es geht hier um das Vertrauen in Demokratie, um die Gewissheit, ob der Bundestag verfassungsgemäß zusammengesetzt ist, um Gewissheit, ob das historisch knappe Wahlergebnis korrekt ermittelt wurde.

Christoph Degenhart, Rechtsanwalt des BSW

"Denn schon geringste Zählfehler", so Degenhart, "die ja nie ganz zu vermeiden sind, können zu einer massiven Veränderung der Mehrheitsverhältnisse führen. Eben deshalb muss das Wahlergebnis über jeden Zweifel erhaben sein."

BSW fehlten bei Bundestagswahl nur 9.500 Stimmen

Das BSW zweifelt mit seiner Klage die demokratische Legitimität der vergangenen Bundestagswahl an. Es geht der Partei, so sagt es Sahra Wagenknecht, um die Frage, "ob knapp 2,5 Millionen Menschen, die BSW gewählt haben, womöglich zu Unrecht seit einem Jahr um ihre parlamentarische Repräsentanz gebracht sind."

Die Co-Vorsitzenden des linken Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW), Sahra Wagenknecht (r.) und Amira Mohamed Ali, sprechen am 24. Februar 2025 auf einer Pressekonferenz in Berlin.

Bei der Bundestagswahl hat das BSW den Einzug in den Bundestag knapp verpasst - 9.500 Stimmen fehlten. Die Partei vermutet Unstimmigkeiten und fordert eine Neuauszählung.

09.11.2025 | 4:04 min

Am Ende kam die Partei auf ein amtliches Endergebnis von 4,981 Prozent - 9.500 Stimmen haben dem BSW für den Einzug in den Bundestag gefehlt.

Grundsätzlich sieht die Partei drei Fehlerquellen:

  • BSW-Stimmen seien bei der Auszählung einer anderen Partei falsch zugeordnet worden - vor allem der Partei "Bündnis für Deutschland." Der Grund: die Ähnlichkeit des Namens.
  • Gültige Stimmen seien bei der Auszählung übersehen worden. Der Grund: die ungünstige Platzierung am unteren Ende des Wahlzettels, so dass die Partei beim ersten Auffalten nicht zu finden gewesen sei.
  • Gültige BSW-Stimmen seien als ungültig gewertet worden, etwa weil auf dem Wahlzettel nur die Zweitstimme angekreuzt gewesen sei (was aber zulässig ist).

Insgesamt kommt das BSW in einer eigenen Hochrechnung in den rund 95.000 Wahlbezirken auf ein Potenzial falsch gezählter Stimmen von rund 33.000 Stimmen - also weit mehr als die fehlenden 9.500 Stimmen.

Expertin sieht geringe Erfolgschance für das BSW

Die Aussicht auf Erfolg ist umstritten. Die Rechtsprofessorin Sophie Schönberger erklärt gegenüber der "Zeit":

Bislang überzeugen mich die Argumente des BSW rechtlich nicht.

Sophie Schönberger, Rechtsprofessorin, in der "Zeit"

"Anzuführen, dass das Ergebnis extrem knapp ist und die Partei das Gefühl habe, es sei in einigen Wahllokalen zu Verwechslungen gekommen, reicht nicht aus", so Schönberger. Eine bundesweite Neuauszählung hält die Juristin für "extrem unwahrscheinlich."

Eine Frau geht mit einem Rollkoffer auf dem Rollfeld entlang

Sehen Sie hier den ersten Teil der ZDF-Doku über das Bündnis Sahra Wagenknecht.

09.10.2024 | 35:29 min

Der Anwalt des BSW, Uwe Lipinski, rechnet nun mit einer schnellen Entscheidung der Verfassungsrichter, "innerhalb weniger Monate" und "auf jeden Fall" noch in diesem Jahr.

BSW-Einzug wäre Vollendung von Wagenknechts Traum

Parteigründerin Sahra Wagenknecht denkt schon vor dem Urteil in Karlsruhe an die Zeit danach. "Welche Parteien im Bundestag sitzen, das haben die Wählerinnen und Wähler vor knapp einem Jahr entschieden", so sagt es Wagenknecht bei der Pressekonferenz:

Wir klagen, damit tatsächlich korrekt ermittelt wird, was diese Wählerinnen und Wähler vor einem Jahr gewählt haben.

Sahra Wagenknecht, ehemalige BSW-Vorsitzende

"Und da ist es eben relativ naheliegend, dass tatsächlich diese 9.500 Stimmen, die uns angeblich fehlen, den Ausschlag geben würden für eine völlig andere Zusammensetzung."

Es wäre wohl die Vollendung von Sahra Wagenknechts politischem Traum: der Einzug in den Bundestag und die Erschütterung von Gewissheiten und Mehrheiten.

Über dieses Thema berichtete ZDFheute Xpress am 09.02.2026 in dem Beitrag "BSW stellt Wahlprüfungsbeschwerde vor um 08:28 Uhr und in dem Beitrag "Maurer: Politischer Alptraum für Merz?" um 15:30 Uhr.

Die weiteren Folgen der BSW-Doku

  1. Eine Frau macht ein Selfi mit einer Person in einer Menschenmenge

    Doku | Inside Bündnis Wagenknecht:Wachstumsschmerzen

    von Christiane Hübscher und Andrea Maurer
    Video33:21

  2. Eine Frau steht vor einem Spiegel und flechtet sicht ihre Haare

    Doku | Inside Bündnis Wagenknecht:Aufbruch

    von Christiane Hübscher und Andrea Maurer
    Video38:12

  3. zwei Herren und eine Dame sitzen im Font einer Limousine

    Doku | Inside Bündnis Wagenknecht:Härtetest

    von Christiane Hübscher und Andrea Maurer
    Video34:18

  4. ein beschmiertes Wahlplakat

    Doku | Inside Bündnis Wagenknecht:Wut und Wahlen

    von Christiane Hübscher und Andrea Maurer
    Video36:28