USA beschlagnahmen russischen Öltanker:Was steckt hinter dem US-Vorgehen im Nordatlantik?
von Katharina Schuster, Washington D.C.
Die USA beschlagnahmen einen Öltanker unter russischer Flagge im Nordatlantik. Es ist ein Machtspiel mit Venezuela und dem Kreml. Was bedeutet das US-Vorgehen?
Im Nordatlantik haben Spezialkräfte der US-Armee einen unter russischer Fahne fahrenden Tanker beschlagnahmt. Geladen hatte das Schiff Öl aus Venezuela.
08.01.2026 | 2:05 minDie USA haben im Nordatlantik einen unter russischer Flagge fahrenden Öltanker beschlagnahmt. Außerdem einen weiteren, aber offiziell staatenlosen Frachter in der Karibik. Beide Schiffe sollen Verbindungen zu Venezuela haben.
Die Begründung: Mutmaßliche Verstöße gegen amerikanische Sanktionsbestimmungen. US-Präsident Donald Trump hatte eine vollständige Blockade aller sanktionierten Öltanker angeordnet, die Venezuela anlaufen oder verlassen.
Der US-Verteidigungsminister, der sich selbst "Kriegsminister" nennt, schreibt auf X: "Nur legitimer und rechtmäßiger Energiehandel - wie von den USA festgelegt - wird zugelassen."
X-Post von Pete Hegseth
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Was bedeutet das US-Vorgehen und könnte die Operation zu einer Konfrontation mit dem Kreml führen?
Es sei kaum vorstellbar, dass die Öltanker-Beschlagnahmung stattgefunden habe, "ohne dass man hinter den Kulissen ständig in Kontakt gewesen ist", so ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen zum Verhältnis USA und Russland.
08.01.2026 | 2:47 minUm was für einen russischen Öltanker handelt es sich?
Der Öltanker unter russischer Flagge "wurde im Nordatlantik aufgrund eines Haftbefehls eines US-Bundesgerichts beschlagnahmt", teilte das US-Europakommando auf X mit.
X-Post des US-Europakommandos
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Berichten zufolge hatte Moskau zuvor ein U-Boot und weitere Schiffe entsandt, um das Schiff zu schützen. Denn: US-Angaben zufolge hatte die US-Küstenwache den Tanker zwei Wochen lang verfolgt, nachdem er zuvor einer Seeblockade nahe Venezuela entkommen war. Russland soll davon gewusst haben. Um den USA zu entgehen, soll das Schiff zeitweise seinen Namen von "Bella-1" in "The Marinera" geändert haben.
Zum Zeitpunkt des Zugriffs befanden sich jedoch keine russischen Einheiten in unmittelbarer Nähe des Tankers, eine direkte Konfrontation blieb aus. US-Medien berichteten, dass die US-Küstenwache an Bord des Öltankers gegangen sei, ohne auf Widerstand zu stoßen.
Quelle: ZDF
Der beschlagnahmte Tanker soll zur sogenannten Schattenflotte gehören. Diese transportiert Öl für Länder wie Venezuela, Russland oder Iran und umgeht dabei US-Sanktionen. Wegen möglicher Verbindungen zum Iran steht das Schiff bereits seit 2024 unter US-Sanktionen.
Was steckt hinter dem US-Vorgehen?
Das US-Vorgehen im Nordatlantik stellt eine entschlossene Machtausübung dar. Nach Einschätzung von Kristine Berzina vom "German Marshall Fund" habe die Beschlagnahmung des Schiffes drei Dimensionen:
1) USA erhöhen Druck auf Venezuela
Das Vorgehen sei ein weiterer Baustein in der US-Strategie, den Druck auf Venezuela zu erhöhen, erklärt Sicherheitsexpertin Berzina im Gespräch mit ZDFheute. Washington schränke damit die Möglichkeiten Venezuelas ein, den Ölhandel wie bisher fortzuführen, und nehme dabei offenbar bewusst Spannungen mit Russland in Kauf.
Zugleich sende die US-Regierung ein klares Signal nach Caracas: Wirtschaftlicher Erfolg sei künftig nur möglich, wenn Geschäfte im Einklang mit den Vorstellungen der Vereinigten Staaten abgewickelt würden.
2) Ausweitung des amerikanischen Machtanspruchs
Die Beschlagnahmung unterstreiche den entschlossenen, außenpolitischen Kurs der Trump-Regierung gegenüber der westlichen Hemisphäre, dessen Wirkung nun offenbar bis in den Nordatlantik reiche.
Die Vereinigten Staaten machen deutlich, dass sie auch außerhalb der Karibik bereit sind, gegen Schiffe vorzugehen, die aus ihrer Sicht amerikanische Interessen verletzen.
Kristine Berzina, US-Sicherheitsexpertin
"All dies ist Teil einer Rückkehr zu einer Sichtweise aus dem 19. Jahrhundert, nach der Macht vor Recht geht. Da die USA derzeit das mächtigste Land sind, können sie tun, was sie wollen", stellt zudem der ehemalige US-Botschafter in Venezuela, Charles Shapiro, fest.
ZDF-Korrespondentin Claudia Bates mit einer Einschätzung zur Lage in Venezuela.
07.01.2026 | 4:13 min3) Ausweitung der militärischen Präsenz
Außerdem bauen die USA mit der Aktion ihre militärische Präsenz im Nordatlantik weiter aus - "auch vor dem Hintergrund jüngster Äußerungen von Präsident Trump über die angebliche 'Notwendigkeit', Grönland zu kontrollieren", so Berzina.
"Washington ist bereit gegenüber Russlands sogenannter Schattenflotte eine harte Linie zu verfolgen", erklärt die Sicherheitsexpertin. "Zugleich sendet das Vorgehen ein klares Signal an Moskau: Der Nordatlantik ist kein rechtsfreier Raum für die Umgehung von Sanktionen."
Der Verdacht wiegt schwer: Eine Berliner Geschäftsfrau wickelt von ihrer Wohnung aus den internationalen Ölhandel für den Iran ab. Der steht in vielen Ländern auf Sanktionslisten.
08.10.2025 | 29:28 minWas bedeutet das für Europa?
Unter anderen Vorzeichen hätten europäische Staaten dieses Handeln als Bekenntnis zur nordatlantischen und transatlantischen Sicherheit interpretieren können, führt Berzina weiter aus.
"Die aggressive Rhetorik der US-Regierung in Bezug auf Grönland jedoch überlagert diesen Eindruck und sorgt bei europäischen Verbündeten eher für Verunsicherung als für Zustimmung zu Trumps Vorgehen im Nordatlantik."
Die Schattenflotte Russlands dient in den Augen von Sicherheitsexperte Nico Lange lediglich dazu, internationale Sanktionen zu umgehen. Deshalb hält er das aktuelle Vorgehen der USA für "richtig".
08.01.2026 | 5:24 minTrump sieht Grönland und Venezuela als Teil der US-Einflusszone und warnt vor russischen und chinesischen Kriegsschiffen vor Grönland. Strategisch interessant ist Grönland wegen Rohstoffen und Zugang zur Arktis. Hinter den offiziellen Drohungen stecke vermutlich eher Verhandlungsdruck, etwa über einen möglichen Kauf.
Insgesamt zeigt sich eine Neuordnung der Weltpolitik entlang klarer Einflusszonen.
Wie könnte es jetzt weitergehen?
Moskau hat inzwischen auf den Vorfall reagiert und die USA dazu aufgefordert, die russischen Staatsbürger an Bord "würdig und menschlich" zu behandeln und ihre schnelle Rückkehr in die Heimat nicht zu verhindern. Die US-Regierung hingegen betont, dass die Besatzung des Schiffes strafrechtlich verfolgt werde.
Wie es nun weitergeht, ist schwer zu sagen. Laut US-Sicherheitsexpertin Berzina werde der Kreml wahrscheinlich mit einer Machtdemonstration reagieren, was den "Einsatz von Kriegsschiffen durch die sogenannte GIUK-Lücke" beinhalten könnte.
"Man guckt sehr genau darauf, ob die Amerikaner immer mehr den Ölpreis beherrschen können – und das gefällt Moskau überhaupt nicht", sagt ZDF-Korrespondent Armin Coerper.
08.01.2026 | 2:47 minDie "GIUK-Lücke" bezeichnet die Meeresregion zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich - ein strategisch wichtiger Korridor, den russische U-Boote nutzen, um vom Nordmeer in den Atlantik zu gelangen. Darüber hinaus hat Russland in den letzten Jahren seine hybriden Fähigkeiten ausgebaut, so dass auch Cyberangriffe nicht ausgeschlossen seien.
Eine militärische Eskalation hält darüber hinaus Sicherheitsexpertin Claudia Major für unwahrscheinlich. "Die USA hatten monatelang die Möglichkeit gegen die Schattenflotte vorzugehen, als wir über die Ukraine gesprochen haben. Und sie haben sich entschieden, es nicht zu tun", sagt sie. Erst wenn es um Venezuela gehe, also die westliche Hemisphäre, habe man nun eingegriffen.
Eines steht bereits fest: Washington meint es ernst mit seiner Ansage, die westliche Hemisphäre dominieren zu wollen. Was bleibt, ist die Frage danach, wie weit diese Hemisphäre in Trumps Vorstellung tatsächlich reicht.
Katharina Schuster ist Reporterin im ZDF-Studio in Washington D.C.
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