Frontverlauf im Ukraine-Krieg:Experte: Russland "hat eigentlich gar nichts dazugewonnen"
Kaum Geländegewinne, hohe Verluste und wirksame ukrainische Drohnen: Ein Militärexperte erklärt, warum Russland an der Front nicht vorankommt - und wie Kiew Druck aufbaut.
Die Ukraine habe die russische Frühjahrsoffensive abgeschwächt, sagt Militärexperte Lange. Warum die sogenannte "Kill Zone" dabei wichtig ist, ordnet er bei ZDFheute live ein.
30.04.2026 | 37:01 minDie Kämpfe in der Ukraine dauern an, klare Frontverschiebungen bleiben jedoch aus. Gleichzeitig setzt Kiew auf moderne Technologien und Angriffe auf strategische Ziele in Russland. Wie sich die Lage entwickelt, welche entscheidende Rolle Drohnen spielen und wie stark Russland wirtschaftlich unter Druck gerät, ordnet Militärexperte Nico Lange im Interview mit ZDFheute live ein.
Sehen Sie das komplette Interview oben im Video oder lesen Sie es hier in Auszügen.
Das sagt Militärexperte Nico Lange dazu...
... wie die aktuelle Lage an der Front ist
Der Eindruck, "Russland ist unaufhaltsam auf dem Vormarsch", sei "grundfalsch", sagt Militärexperte Lange. Russland verliere viele Soldaten, "um eine Straßenkreuzung" weiterzukommen. Die Situation sei eher festgefahren: Im März und April 2026 habe Russland "eigentlich gar nichts dazugewonnen", sagt Lange.
Russland braucht für den Angriffskrieg gegen die Ukraine Front-Nachwuchs. Laut Exil-Journalisten sollen mindestens zwei Prozent aller Studenten einen Vertrag beim Militär unterschreiben.
20.04.2026 | 2:00 minIn dem Moment, in dem sich die russischen Streitkräfte für die Frühjahrsoffensive gesammelt hätten, habe die Ukraine bereits Angriffe auf russische Stellungen gestartet, was die Offensive abgeschwächt habe, so der Militärexperte. Dennoch werde Russland die Offensive fortsetzen.
Für die Zivilbevölkerung in den Frontgebieten beschreibt der Experte die Situation als sehr belastend:
Die Kampfhandlungen finden statt, während die Zivilisten da weiter herumlaufen, herumfahren, da weiter wohnen.
Nico Lange, Militärexperte
Besonders in frontnahen Regionen lebten weiterhin Zehntausende Menschen, teils sogar Millionen in größeren Städten, ständig bedroht von Angriffen und Drohnen. Das sei "aus deutscher Perspektive ein sehr, sehr unvorstellbarer Alltag".
Kiew meldet mehr als 600 russische Drohnen und Raketen, mindestens sieben Tote und Dutzende Verletzte. Besonders schwer getroffen wurde die Stadt Dnipro.
25.04.2026 | 1:08 min... wie die Ukraine die russische Frühjahrsoffensive abwehrt
Nico Lange sagt, die Ukraine sei "in der Not besonders erfinderisch" geworden und habe vorhandene zivile Technik militarisiert. "Alles, was man kriegen kann, alles, was zivil an billiger Technologie da ist, wird als Kriegswaffe genutzt", sagt Lange. Anfangs sei das belächelt worden, doch inzwischen halte die Drohnenüberlegenheit der Ukraine an einigen Frontabschnitten russische Streitkräfte auf.
… ist Militär- und Sicherheitsexperte. Seit 2022 arbeitet er bei der Münchner Sicherheitskonferenz und beschäftigt sich mit sicherheitspolitischen Fragen. Von 2019 bis 2022 war er Leiter des Leitungsstabes im Bundesministerium für Verteidigung. Zuvor war er unter anderem stellv. CDU-Bundesgeschäftsführer, leitete bei der Konrad-Adenauer-Stiftung die Auslandsbüros in Kiew sowie Washington und forschte auch in St. Petersburg. Lange diente von 1993 bis 2000 als Zeitsoldat bei der Bundeswehr.
Zugleich betont Lange, die ukrainische Luftabwehr stoße vor allem bei ballistischen Raketen an Grenzen, da diese "sehr schnell" seien und es "eine ganz geringe Vorwarnzeit" gebe. Wirksam dagegen helfen würden im Grunde nur Patriot-Systeme, deren Lenkflugkörper jedoch auch durch den Iran-Krieg knapp seien - es gebe eine "globale Mangellage an ballistischer Raketenabwehr", sagt Lange.
… wie die ukrainischen Angriffe der russischen Ölinfrastruktur schaden
Die Ukraine treffe Russland mit gezielten Angriffen auf Ölexport-Terminals. Das sei für Russland gerade besonders hart, weil gerade die Ölpreise hoch sind, sagt Militärexperte Lange. Rund 40 Prozent der Ölexport-Infrastruktur seien zerstört, sodass Russland sein Öl trotz hoher Preise nicht wie gewohnt verkaufen könne.
Auch Ölspeicher würden durch die Ukraine angegriffen. Wenn das Öl dann weder verladen noch gespeichert werden könne, könne das die Ölförderung beeinträchtigen. Laut Lange habe das ukrainische Vorgehen "System", um die finanzielle Situation von Russland zu erschweren. Ein "Gamechanger" sei es aber nicht.
Eine Ölraffinerie am Schwarzen Meer wurde von einer ukrainischen Drohne getroffen. Der Angriff trifft Russland wirtschaftlich und psychologisch und hat zugleich erhebliche Umweltfolgen.
29.04.2026 | 1:41 min
Das Interview führte Barbara Parente bei ZDFheute live, zusammengefasst haben es Paula Colberg und Caroline Kleine-Besten.
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