Kritik an Wladimir Putin:Warum unter russischen Bloggern die Wut wächst
von Felix Klauser
Mit scharfer Kritik Richtung Wladimir Putin sorgt eine russische Influencerin für Aufsehen. Ihr Video wird mehr als 24 Millionen Mal aufgerufen - und der Kreml reagiert.
Unabhängige Meinungsforscher gehen davon aus, dass viele Menschen in Russland an Putin glauben. Besonders groß war die Begeisterung bisher bei loyalen Bloggern. Doch nun scheint sie zu bröckeln.
22.04.2026 | 2:13 minDie Kritik am Kreml kam aus unerwarteter Richtung: Die russische Influencerin Viktoria Bonja (13 Millionen Follower, Wahlheimat Monaco) hat sich bislang eher nicht mit den Tiefen der russischen Politik befasst. Das hat sich geändert. Schlagartig.
In einem 18-minütigen Video, adressiert an Wladimir Putin, prangert Bonja jüngst Korruption und Misswirtschaft in Russland an. Das trifft offenbar einen Nerv: Mehr als 24 Millionen Mal wurde das Video der Bloggerin in den sozialen Medien bereits angeschaut.
Hohe Strafen für den Messengerdienst Telegram und die Förderung staatlicher Alternativen: Russland verschärft im fünften Kriegsjahr die Zensur und drängt Nutzer auf offiziell kontrollierte Kanäle.
18.03.2026 | 2:32 minPersönliche Kritik an Wladimir Putin
In ihrem Video bemängelt Viktoria Bonja eine "riesige Mauer" zwischen Wladimir Putin und normalen Russinnen und Russen. Der Kremlchef bekomme zu wenig von den Problemen im Land mit. Bonja kritisiert außerdem die Repressionen im Land - wenn auch nicht direkt.
Wladimir Wladimirowitsch, man hat Angst vor Ihnen. Die Menschen haben Angst vor Ihnen.
Viktoria Bonja, Russische Influencerin
Konkret wird die Bloggerin bei anderen Themen: der mangelnden Hilfe für Flutopfer in der Region Dagestan, der Ölkatastrophe im Schwarzen Meer und bei den Internetbeschränkungen.
Die Menschen haben den Eindruck, dass sie in einem Verbotsstaat leben.
Viktoria Bonja, Russische Influencerin
Kreml reagiert auf Kritik von Bloggerin
Selbst der Kreml hat mittlerweile reagiert - ein bemerkenswerter Schritt. Kremlsprecher Peskow, der sich beileibe nicht zu jeder kritischen Stimme äußert, bestätigt, das Video gesehen zu haben. Es gehe um "brisante Themen", so Peskow.
Es wird intensiv daran gearbeitet. Viele Menschen sind daran beteiligt.
Kremlsprecher Dmitri Peskow
Die "Themen", von denen Dmitri Peskow spricht - man könnte auch sagen: die Probleme - treten im fünften Kriegsjahr in Russland immer deutlicher zutage. Die Wirtschaft wankt, das Internet wird immer stärker eingeschränkt. In Moskau ist das Funktionieren des mobilen Internets zur Glückssache geworden. Angeblich, so heißt es von offizieller Seite, aus Sicherheitsgründen.
Russlands Wirtschaft spürt die Belastung durch hohe Staatsausgaben und Sanktionen. Der Unmut in der Wirtschaft wird größer und auch viele russische Bürger beschweren sich über gestiegene Preise.
11.02.2026 | 6:20 minUnmut unter russischen Bloggern wächst
Unmut regt sich trotzdem in der russischen Bevölkerung - und er kommt auch von ungewohnter Seite: von bislang als loyal geltenden Bloggern, die in Russland leben.
Ilja Remeslo ist einer von ihnen. Der 42-Jährige galt zuletzt nicht als kremlkritisch - bis er den Krieg in der Ukraine kritisierte. Der stecke in einer Sackgasse.
Kritischer Blogger wird in Psychiatrie eingewiesen
Remeslo wettert gegen die Einschränkung des russischen Internets, ebenso wie gegen die lange Amtszeit Putins. Er werde Putin, so sagt er, fortan nicht mehr unterstützen. Das Fazit seines Posts von Mitte März: "Wladimir Putin muss zurücktreten [...] es lebe die Freiheit."
Wenige Tage später wurde Remeslo in die Psychiatrie eingewiesen, inzwischen allerdings wieder entlassen.
Wer steckt hinter der "Doppelgänger"-Kampagne? Ein Hacker enttarnt Desinformations-Netzwerk.
12.02.2026 | 3:12 minUmfragewerte Putins sinken
Bezeichnend ist angesichts der wachsenden Kritik, dass auch die Umfragewerte von Wladimir Putin sinken. Der Zustimmungswert für die Arbeit des russischen Präsidenten lag zuletzt bei rund 66 Prozent - und damit auf dem niedrigsten Stand seit Beginn des Krieges. Aufhorchen lässt dabei, dass die entsprechenden Umfragen nicht etwa von kremlkritischen Instituten erhoben werden, sondern beispielsweise vom ältesten staatlichen Meinungsforschungsinstitut Russlands.
Politikwissenschaftler Alexander Morosow sieht trotzdem keine fundamentale Gefahr für den russischen Machtapparat, sondern vielmehr ein gewolltes Zeichen Richtung Kreml. Die Institute signalisierten damit, dass vor den Duma-Wahlen im Herbst gehandelt werden müsse, so Morosow.
Russland braucht für den Angriffskrieg gegen die Ukraine Front-Nachwuchs. Laut Exil-Journalisten sollen mindestens zwei Prozent aller Studenten einen Vertrag beim Militär unterschreiben.
20.04.2026 | 2:00 minKrieg in der Ukraine nicht erwähnt
In ihrer auf Instagram geteilten Wutrede hat Viktoria Bonja den Krieg in der Ukraine selbst mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn kritisiert. Vielmehr lobt sie Wladimir Putin stellenweise als starken Politiker: "Die Menschen lieben Sie".
Es ist eine auffallend ausgewogene Form der Kritik. Vielleicht, weil mittlerweile ziemlich klar sein dürfte, wie weit man damit in Russland gehen kann - und wie weit besser nicht.
Felix Klauser berichtet als Korrespondent über Russland, den Kaukasus und Zentralasien.
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